merken
PLUS Feuilleton

Ein Jahr Corona in Sachsen

Die Pandemie ist überall - und überdeckt die eigentlichen Probleme. Auch unsere mangelnde Bereitschaft, andere Wege zu denken und zu gehen.

Im vergangenen Jahr machten sächsische Gastronomen, die Hotel- und die Eventbranche auf ihre Notlage durch Corona vor der Frauenkirche aufmerksam. Die Aktion ist vorbei, die Notlage geblieben und gewachsen.
Im vergangenen Jahr machten sächsische Gastronomen, die Hotel- und die Eventbranche auf ihre Notlage durch Corona vor der Frauenkirche aufmerksam. Die Aktion ist vorbei, die Notlage geblieben und gewachsen. ©  Foto: dpa

Im März 2020 begann ich an dieser Stelle ein Corona-Tagebuch zu veröffentlichen. Dieser Tage las ich noch einmal nach, weil so schnell vieles vergessen ist. Am ersten Tag schrieb ich über den Rückzug ins Homeoffice. Bis heute sitze ich täglich am heimischen Computer und schreibe. Zum Glück kann ich das tun, denn alles andere geht nicht.

Vor einem Jahr erklärte ich meiner 84-jährigen Mutter, wie sie über Facetime ihre Kinder und Enkel sprechen und sehen kann. Inzwischen beherrscht sie das großartig. Vergangene Woche erhielt sie ihre erste Corona-Impfung und hofft, damit nicht nur gesund zu bleiben, sondern endlich wieder reisen, Museen und Theater besuchen zu können. Anfang März 2020 ließ ich mich gegen Pneumokokken impfen, suchte vergeblich meinen Impfausweis, fand nur das alte Mitgliedsbuch des Deutschen Roten Kreuzes aus dem Jahr 1982. Ich gestehe: Der Impfausweis ist bis jetzt nicht aufgetaucht.

Anzeige
Wie das Miteinander gelingen kann
Wie das Miteinander gelingen kann

Die TU Dresden engagiert sich für eine Ethik des Zusammenlebens, die sich an Gleichheit, Diversität und Eigenverantwortung orientiert.

In einem weiteren Tagebucheintrag zitierte ich einen Musiker der Staatskapelle, der damals darüber klagte, dass er nicht mal zur Spargelernte fahren dürfe, um dort mitzuhelfen. Es sei ihm als fest Angestellter eines Staatsbetriebes untersagt. Bis heute kann er nicht seinem eigenen Beruf nachgehen. Musiker klagen ihr Recht auf Arbeit ein.

Alles schaut auf Schulen - und wie kümmern sich Eltern?

Vor einem Jahr schrieb ich über einen Freund, der als freischaffender Gitarrist arbeitet. Seit März 2020 stand er nur kurz im Sommer auf der Bühne. Er stellte Monat für Monat Förderanträge, bekam Geld. Gleichwohl meinte er kürzlich, dass die Alimentierung eines vergessen lasse: Es entstehe eine Abhängigkeit zwischen Staat und Kunst. Freischaffende würden so ungewollt zum Komplizen der Regierenden. Das Corona-Argument überlagere jede Kritik. Und bei den Kulturverbänden zeige sich in der Krise die Tendenz, sich noch mehr mit dem Staat zu verbandeln.

Ein anderer Freund rief mich im März 2020 an. Als selbstständiger Klimatechniker wisse er nicht, was komme. „Jetzt rächt sich, dass die Politik nie vernünftig in den Mittelstand, der die deutsche Wirtschaft entscheidend trägt, investiert hat“, sagte er. Inzwischen hat er sein Unternehmen aufgegeben und im Januar 2021 eine Stelle im öffentlichen Dienst angenommen.

Einer meiner Tagebucheinträge berichtete davon, wie im März 2020 Lehrerinnen und Lehrer versuchten, von zu Hause mit digitalen Hilfsmitteln den Unterricht aufrechtzuerhalten. Lernsax funktionierte miserabel. Es offenbarte sich ein gewaltiges Defizit bei Lehrkräften wie Schülerinnen und Schülern, was ihre Ausstattung mit Computern, notwendigen Programmen und Kapazitäten betraf. Es stellte sich aber zugleich heraus, dass Digitalisierung bei der Bildung seine Grenzen hat und es wesentlich darauf ankommt, wie sich Eltern um ihre Kindern kümmern. Die soziale Situation entscheidet über Bildungschancen. Schon vergessen?

Wenn die ersten Freunde an Corona sterben

Ende März 2020 erfuhr ich, dass Dirk nicht mehr lebt. Viele Jahre arbeitete ich mit dem Fotografen zusammen. Er war das, was man sich unter einem echten Kumpel vorstellt. Kurz vor Weihnachten starb einer meiner Nachbarn an Corona. So alt wie ich. Mit ihm und anderen Nachbarn sangen wir im März vor einem Jahr. „Der Mond ist aufgegangen“, „Die Gedanken sind frei“. Im Sommer unterbrachen wir das Ritual, begannen vor Weihnachten wieder. Der Nachbar war nicht mehr dabei. Bis heute gab es keine Beerdigung, seine Mutter, seine Frau, seine Freunde können von ihm nicht Abschied nehmen.

Im April 2020 kam meine Tochter aus Argentinien zurück, ausgeflogen von ihrem Auslandsaufenthalt von der Bundesregierung. Schon fast vergessen, dass das die größte Rückholaktion war, die das Außenministerium je organisieren musste. Vor zwei Monaten kam die Rechnung für das Flugticket. Seit einem Jahr studiert meine Tochter vorm Computer, deutsche Hochschulen und Universitäten sind geschlossen. Immer noch.

Zu Ostern dachten wir darüber nach, das Fest auf das kommende Jahr zu verschieben. Jetzt haben wir das kommende Jahr. Wir werden es wie Weihnachten organisieren. Alle, die sich treffen, testen sich vorab. Inzwischen soll es Corona-Tests in Apotheken und Drogeriemärkten geben.

Die Pandemie wirkt wie eine Generalprobe

Warum erst jetzt, fragen sich viele. Profisportler wie Fußballer nehmen das seit Monaten in Anspruch und führen sich auf, als wären die anderen dazu nicht in der Lage. Theater und Konzertsäle sind nach wie vor verdammt, nicht öffnen zu dürfen. Dabei würden sie genauso testen. Die Unverhältnismäßigkeit erzeugt Misstrauen.

Vor zwölf Monaten erhielt ich einen Text von Richard David Precht: „Politiker reißen Schutzzäune der Individualität ein und stellen Schutzzäune der Seuchenbekämpfung auf, wo man beim Anblick der drohenden Klimakatastrophe nicht mal ein Löchlein für einen Pfosten graben würde. Das Fenster, in Alternativen zu denken, steht sperrangelweit offen. Doch wie lange?“ Ein Jahr später ist es geschlossen. Fast täglich diskutieren die Regierenden darüber, wie der Vor-Corona-Zustand wieder hergestellt werden könne. Schon vergessen, wie der war?

Weiterführende Artikel

Corona: Ärzte sehen Engpässe auf vielen Intensivstationen

Corona: Ärzte sehen Engpässe auf vielen Intensivstationen

Immer mehr schwere Corona-Fälle, 24.000 an tschechischer Grenze abgewiesen, Leipzigs Ausgangbeschränkungen wohl rechtswidrig - unser Newsblog.

Die Pandemie wirkt auf mich wie eine Generalprobe. Und der Flop mit der Corona-App wie ein Offenbarungseid. Spiegel-Autor Cordt Schnibben schrieb vor wenigen Tagen: „Wie in der Klimakrise und der Migrationskrise zeigen sich Politiker unfähig, offensichtlichen, grundlegenden Fehlentwicklungen und Risiken mit nachhaltigem Handeln zu begegnen.“ Es gibt zu viel, was schon wieder vergessen ist. Corona überdeckt seit einem Jahr die Probleme. Ja, der Impfstoff ist da, große Leistung. Doch eigentlich könnte ich mein Tagebuch wieder von vorn anfangen. Dabei braucht es dringend Perspektiven.

Mehr zum Thema Feuilleton