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Es reicht! Ein satirischer Rückblick auf 2020

Von Klopapier, Fledermäusen, Nazis, Blaumeisen und Virologinnen: das Tagebuch der Dresdner Kabarettisten Wolfgang und Philipp Schaller.

Das Jahr, in dem wir uns alle mit Klopapier eindeckten.
Das Jahr, in dem wir uns alle mit Klopapier eindeckten. © Sven Ellger

Januar

Philipp Schaller: Wegen eines Virus in Wuhan werden in China alle größeren Veranstaltungen abgesagt. Das ist auch nur in einer Diktatur möglich!

Wolfgang Schaller: Das kommt von sowas: Weil die Chinesen Fledermäuse essen. Herr Spahn sagt, das sind nur die Asianten. Herr Lindner sagt, die Krankenhäuser müssen effizienter arbeiten. Krank sein muss sich rechnen. Ich plane den Sommerurlaub. Afrika. Aber alle Sommerflieger sind ausgebucht. 35 neue Kreuzfahrtschiffe sollen in diesem Jahr gebaut werden. Mit der größten Rutschbahn der Welt. Da kannst du bis nach Afrika rutschen. Es ist alles möglich.

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Die vhs Görlitz trotzt Corona mit kostenlosen Online-Vorträgen.

Februar

PS: Keine besonderen Vorkommnisse. (In Thüringen lässt sich ein Friseur mit den Stimmen der Faschisten zum Ministerpräsidenten wählen.)

WS: Der Oberbürgermeister darf die AfD nicht schädliches Element nennen. Das ist nicht von der Meinungsfreiheit abgesichert. Volksschädlinge in den Graben und dann zuschütten, ruft der Pegidaführer. Das ist von der Meinungsfreiheit abgesichert. Höcke will eine neue Keimzelle. Man darf wieder Nazi sein. Es keimt. Es ist wieder möglich. Nur Urlaub in Afrika nicht.

März

PS: Dritter Tag des Lockdowns: Paartherapeuten, die noch zwei Wochen zuvor Ratgeber schrieben, wie eine Fernbeziehung auch über Jahre gelingen kann, schreiben nun Ratgeber, wie eine noch junge Liebe trotz tagelanger Nähe nicht scheitern muss. Für Familien gibt es Survivaltipps von Polarforschern: Wie können Menschen auf engem Raum überleben - ohne Tote. Eine Familie - in einer Wohnung! Meint das Angela Merkel, wenn sie sagt: „Deutschland steht vor der größten Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg“?

WS: Im Theater, wo ich sonst sitze, sitzen die Viren. Wir sind gut auf die Pandemie vorbereitet, sagt Herr Spahn. Es hat sie nur nicht kommen sehen. Deshalb fehlt es den Ärzten auch an Schutzanzügen. Im Jemen wird ein Krankenhaus bombardiert. Aber bei uns kann ich kein Klopapier kaufen. Es ist nicht mehr alles möglich.

April

PS: Altenpflegerinnen sind jetzt systemrelevant. Zur Aufrechterhaltung der Altenpflege lässt Österreich sogar 250 Pflegerinnen aus Rumänien einfliegen. Allein daran sieht man, wie systemrelevant Pflegerinnen sind. Niemand käme auf die Idee, zur Aufrechterhaltung der Altenpflege 250 rumänische Investmentbanker einzufliegen.

WS: Lockdown. Ich kann meinen Geburtstag nicht feiern. Ich beschließe, nicht älter zu werden. Nichts ist unmöglich.

Mai

PS: In Kalifornien kursiert die Geschichte, dass middle-aged-wifes (Fachausdruck, vgl. Frauen Mitte 20) wegen Corona plötzlich 10 Jahre älter aussehen. Sie finden keinen Arzt mehr, der ihnen die nächste Dosis Botox spritzt. In der Krise zeigt jeder sein wahres Gesicht.

WS: Ich urlaube auf Balkonien. Ich hab mir eine Palme auf den Balkon gestellt, nun sieht es aus wie Afrika. Ich höre Vögel in der Tanne ein Lied zwitschern. B sagt, es seien Blaumeisen. B holt ein Vogelbuch, und ich lerne Blaumeisen von Rotkehlchen zu unterscheiden. Sowas ist möglich.

Juni

PS: Das Positive an der Krise: Wochen vergehen ohne mediale Ermahnungen zum korrekten Gendern. Die mit dem generischen Maskulinum gebildeten Worte „Virologen“ und „Epidemiologen“ bezeichnen nämlich genau das, was auch die meisten Menschen darunter verstehen: Frauen und Männer, die sich mit echten Problemen beschäftigen.

WS: Stadien werden geöffnet. Ohne Publikum. Würden die Gaststätten auf Gäste verzichten, könnten sie auch öffnen. Fußballer fallen sich nach dem Siegestor umarmend um die Hälse. Pubertierende, die ihre erste Liebe suchen, dürfen sich nicht zwecks erstem Kuss berühren. Es ist laut Gesetz nicht möglich.

Juli

PS: In der Schule meines Sohnes gilt die Regel: Die Schüler müssen keine Maske tragen, aber auf Verlangen vorzeigen können. Sieg! Das Virus erliegt einem Lachanfall.

WS: Die Kreuzfahrtbranche liegt brach. Auf Werften könnten Kreuzfahrtschiffe umgebaut werden zu Schiffen, die die Meere von Plastik befreien. Es wäre alles möglich. Am Ende meines Lebens werde ich sagen: Ich hätte mehr für meine kranke Mutter da sein müssen. Ich werde nicht sagen: Ich hätte mehr auf der Aida fahren müssen.

Wolfgang Schaller (r.) ist Kabarettist und seit vielen Jahren Kolumnist der Sächsischen Zeitung. Sein Sohn Philipp Schaller ist seit Januar 2020 Künstlerischer Leiter des Dresdner Kabaretttheaters Herkuleskeule.
Wolfgang Schaller (r.) ist Kabarettist und seit vielen Jahren Kolumnist der Sächsischen Zeitung. Sein Sohn Philipp Schaller ist seit Januar 2020 Künstlerischer Leiter des Dresdner Kabaretttheaters Herkuleskeule. © privat

August

PS: Russland stellt Impfstoff vor. Die deutsche Presse untersucht sorgfältig die Studien, recherchiert aufwändig und unabhängig. Nach zehn Minuten legt sie das Ergebnis vor: Putin will sein Volk vergiften. Dieser Putin!

WS: Amazons Gewinne steigen in der Pandemie um einhundert Milliarden um das sechsfache. Eine Software überprüft minutengenau die Amazonpaketpacker, wieviel Pakete sie in jeder Minute packen. Wer nicht schnell genug packt, wird entlassen. Vor meiner Haustür streht ein DHL-Bote. Er bringt mir ein Paket. Von Amazon.

September

PS: In Berlin sehen „ganz normale Leute“ kein Problem darin, gemeinsam mit Faschisten zu demonstrieren. Die Zeitung bezeichnet das als „neue Dimension“. Da waren wir Sachsen, wir Dresdner und Chemnitzer, der Zeit mal wieder um Jahre voraus.

WS: Der Papst nennt den Kapitalismus einen Dritten Weltkrieg auf Raten, weil er mit seinem Gewinnstreben unmenschlich ist. Der Papst sollte wegen kommunistischer Äußerungen vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Sowas wäre ja möglich.

Oktober

PS: In China sind schon seit Monaten wieder Großveranstaltungen erlaubt. Das ist auch nur in einer Diktatur möglich!

WS: Ich hab nichts ins Tagebuch eingetragen. Unmöglich!

November

PS: Bei einem Bootsunglück im Mittelmeer ertrinken 90 Flüchtlinge. Während Europa zum Schutz der Risikogruppen in den zweiten Lockdown geht, bleibt Absaufen grundsätzlich erlaubt. Natürlich unter Einhaltung der Abstandsregel, und max. zwei Haushalte auf 400 Quadratmetern, wobei Kinder bis 14 nicht mitzählen.

WS: In Hongkong knüppeln Polizisten. Weil China eine Diktatur ist. In Philadelphia knüppeln Polizisten. Polizisten sind in der Demokratie Freund und Helfer. Aber nicht der Schwarzen. In Belarus demonstrieren Tausende gegen einen Diktator. In Leipzig demonstrieren Tausende gegen eine Demokratin. Jana aus Kassel fühlt sich wie Sophie Scholl. Weil sie eine Maske tragen muss. Bald wird Frau Merkel die Jana hinrichten. Auch Dummheit hat ein Recht zum Demonstrieren. Das ist im Grundgesetz verankert. In Bremen wird eine Demo der Querdenker verboten. In Bremen hat die Polizei Wasserwerfer aufgestellt. Muss die Polzei auch bei uns auf Demonstranten knüppeln? Ich fürchte, es ist möglich.

Dezember

PS: Adventsspaziergang. Auf dem Parkplatz eines Altenheims baut eine Hobbybläsergruppe ihre Notenständer auf. Aus dem Altenheim wackeln Altenheimbewohner auf den Parkplatz, eine Pflegerin schiebt eine zierliche Alte im Rollstuhl zwischen die Autos. Die Pflegerin huscht schnell zurück ins Heim, denn was jetzt passieren wird, ist verboten. Der Hobbybläsergruppensprecher spricht. „Wir sind hier zufällig spazieren. Wie schön, dass sie auch gerade zufällig hier spazieren sind. Und wo wir uns schon zufällig beim Spazieren treffen, können wir ihnen auch etwas vorspielen. Wir beginnen mit Oh du Fröhliche und danach folgt ein Stück vom englischen Komponisten Henry Pürssel.“ Die Heimbewohner stehen und sitzen zwischen den Pkws. Sie singen leise mit. Die zierliche Alte wischt sich mit ihrer Maske über die Augen. Ein vorbeifahrendes Polizeiauto verlangsamt seine Fahrt und beschleunigt wieder. Frohe Weihnacht!

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WS: Unsere Pfarrerstochter-Kanzlerin sagt, Weihnachten sei ein Fest der Familie. Wo wir uns alle lieben. Aber in diesem Jahr dürfen wir uns nur mit Abstand lieben und ohne Kontakte mit Schwiegermüttern aus mehreren Haushalten und mit Ausgangsbeschränkungen beim Einkaufen. Das wird zum ersten Mal ein Fest ohne Hetzjagden durch die Konsumtempel, ohne vorweihnachtliche Kampfplätze durch Glühweinbuden und grimmige Nussknacker und Nerventerror am Heiligabend mit der ganzen Verwandtschaft, mit der man sich zum Glockengebimmel die Wänste vollstopft mit missratenem Gänsebraten und Kartoffelsalat. Und nun zum ersten Mal ein Fest der friedlichen Ruhe. Ein Fest der stillen Nacht, heiligen Nacht. Es ist möglich. Dank Chorona. Halleluja.

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