merken
PLUS Feuilleton

Ein Sommernachtstraum im Silberbergwerk

Das Mittelsächsische Theater Freiberg/Döbeln spielt Shakespeare in der Alten Elisabeth.

Ein wirklicher Sommernachtstraum auf der Alten Elisabeth in Freiberg
Ein wirklicher Sommernachtstraum auf der Alten Elisabeth in Freiberg © Jörg Metzner

Freiberg. Der Fuchs ist wieder da. In sicherem Abstand schleicht er durch das Gras. Er hebt seinen Kopf, schaut wachsam, verschwindet wieder hinter den Birken. Die Theaterleute überrascht das nicht mehr. Sie lächeln ihm kurz zu und vertiefen sich dann wieder in ihre Probenbesprechung.

Die Natur ist immer dabei, wenn das Mittelsächsische Theater Freiberg/Döbeln am „Sommernachtstraum“ arbeitet. Denn die diesjährige Freiluftproduktion des Theaters findet auf der Alten Elli statt. „Elli“ steht für Elisabeth, das Ensemble ist Freibergs bekanntestes Bergbaudenkmal und Teil der Himmelfahrt Fundgrube. Bis 1968 wurde hier Silber gefördert, seitdem liegt die Alte Elli still. Und die Natur erobert sich das Gebiet zurück: Ein wilder Birkenwald ist gewachsen, Büsche wuchern, seltene Tierarten fühlen sich wohl. Auch für Menschen ist der Hügel, auf dem die Alte Elisabeth steht, ein beliebter Ausflugsort.

Anzeige
Auf in den Augusto Sommergarten!
Auf in den Augusto Sommergarten!

Vom 24. Juni bis 5. September findet am Haus der Presse der Augusto Sommergarten statt. Freuen Sie sich auf beste Unterhaltung!

An der Nabelschnur der Stadt

„Dieser Ort ist das Herz der Stadt“, sagt Annett Wöhlert. Sie ist Schauspieldirektorin am Theater Freiberg und aus einem besonderen Grund gerade viel hier oben auf dem Hügel, von dem aus man wunderbar über Freiberg blicken kann: Sie inszeniert Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“, der hier Open Air aufgeführt wird. Wöhlert kennt die Alte Elli gut: „Abends ist das der beste Ort, um den Sonnenuntergang zu sehen, gefühlt alle kommen aus der Stadt hierher, um den Sonnenuntergang zu sehen, zu spielen, zu sitzen, zu reden.“

Die Alte Elli ist einer dieser immer weniger werdenden öffentlichen Orte, an denen man sich unabhängig von Gastronomie oder Shopping einfach aufhalten kann. An diesem Ort Theater zu machen sei, so Wöhlert, als verbände man sich mit der „Nabelschnur der Stadt“.

Und diese Verbindung ist auch nötig, findet sie. Nach den vielen Monaten, in denen das Theater coronabedingt abgeschnitten war von den Zuschauern, kann man endlich wieder losziehen – zu den Menschen hin. Der Plan geht auf: Während der Proben, sagt die Regisseurin, kommen immer wieder Neugierige und schauen zu. Eine Kindergartengruppe steckte neugierig die Nasen durch die Gitterstäbe. „Hier kann sich das Theater nach einer langen Stille neu erfinden“, glaubt Wöhlert.

Nachts verzaubern viele kleine Lampen das Areal auf dem alten Silberbergwerk.
Nachts verzaubern viele kleine Lampen das Areal auf dem alten Silberbergwerk. © Jörg Metzner

Wirklich neu erfunden wird das Theater auf der Alten Elisabeth sicher nicht – immer schon wird an ungewöhnlichen Orten gespielt –, aber es ist schon ein Wagnis, das das Mittelsächsische Theater hier hinlegt: In die wilde Natur hineingebaut wurde nämlich eine Bühne, die tagsüber erst auf den zweiten Blick ahnen lässt, dass hier abends Theater gespielt wird. Wie verschlungene Stege winden sich Bretterwege durchs Gras, an Bäumen vorbei, über 100 Quadratmeter in die Wildheit hinein. „Wir wollten uns respektvoll in diese Landschaft hineinbegeben“, sagt Annett Wöhlert, „das Besondere sichtbar machen, sensibel Landschaft und Theater verbinden.“ Gleichzeitig hat man versucht, die Natur so wenig wie möglich zuzubauen. „Leicht und poetisch“ wollte Annett Wöhler ihre Bühne.

Der Ort bleibt ein Geheimnis

Konstrukteure von der Kulturinsel Einsiedel halfen beim Bühnenbau, denn die Theatertechniker sind normalerweise nicht gewohnt, Sachen zu erschaffen, die krumm und schief sind. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man die Bühnen-Stege bei Tage interpretieren als moderne Raumkunstinstallation oder auch als Spielplatzparadies. Es könnte kaum etwas Passenderes geben für diese flirrende Komödie von Shakespeare, die ein Tanz um die Themen Natur, Liebe und alles dazwischen ist. Wenn es dunkel wird, entfaltet die Bühne auf der Alten Elli ihren ganzen Zauber: Dann leuchten Hunderte Lampen und Scheinwerfer in allen Farben und verwandeln den Wald in eine Traumlandschaft. Und die Zuschauerinnen und Zuschauer können für zwei Stunden versinken in einem Traum vom unbeschwerten Sommer.

„Mitten in der Natur zu stehen und zu spielen, das ist etwas Besonderes“, sagt Martin Ennulat. Er spielt den Theseus im Sommernachtstraum und trägt – wie alle Beteiligten – auf der Probe robuste Stiefel. In den letzten Tagen hat es viel geregnet, der Boden ist aufgeweicht, die Luft hängt schwer und schwül über der Alten Elisabeth. „Hier zu spielen braucht mehr Energie“, sagt er, „aber das ist gut: Wir wollten ja nicht zurück zur Normalität.“

Regisseurin Annett Wöhlert bekräftigt: „Wir wollen wieder neu aufbrechen.“ Kaum ein Theaterstück eigne sich dafür besser als der flirrende „Sommernachtstraum“, in dem sich alles innerhalb weniger Momente ins Gegenteil verkehrt, wo vieles unerklärlich bleibt. „Dieser Ort hat sein Geheimnis wie Shakespeares Stück“, so Wöhlert.

Beim Bau der Bühne halfen Konstrukteure der Kulturinsel Einsiedel.
Beim Bau der Bühne halfen Konstrukteure der Kulturinsel Einsiedel. © Jörg Metzner

Zumindest können ihn jetzt noch mehr Menschen kennenlernen – und vielleicht noch eine andere Seite an der Alten Elli. Um Theater und Menschen zu verknüpfen, hat das Theater um Geschichten gebeten. Freiberger Bürgerinnen und Bürger sind aufgerufen, ihre Erlebnisse auf dem Hügel einzusenden. Diese werden dann Teil einer Installation, die die Aufführung rahmt. Überhaupt kann man ohne Probleme schon etwas früher auf die Alte Elli kommen, kann das denkmalgeschützte Ensemble bestaunen, Wissenswertes über das alte Bergwerk erfahren – und vielleicht eine eigene, kleine Geschichte erleben. Spannend bleibt, ob sich die Bürgerinnen und Bürger durchsetzen: Viele, die ihre Nasen durch die Absperrung rund ums Probenareal stecken, wünschen sich, dass die zauberhafte Bühneninstallation für länger erhalten bleibt.

„Ein Sommernachtstraum“: Premiere am 16.7., Alte Elisabeth in Freiberg. Weitere Termine: 17., 22., 24., 25., 27. und 29.7., jeweils 21 Uhr. Karten: 03731 358235

Mehr zum Thema Feuilleton