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Ein Sterbehaus kämpft um sein Leben

Dem Käthe-Kollwitz-Haus in Moritzburg geht das Geld aus. Moralische Unterstützung kommt aus ganz Deutschland.

Im Moritzburger Rüdenhof verbrachte Käthe Kollwitz ihr Lebensende, hier starb sie. Heute ist das Haus Gedenkstätte und Museum.
Im Moritzburger Rüdenhof verbrachte Käthe Kollwitz ihr Lebensende, hier starb sie. Heute ist das Haus Gedenkstätte und Museum. © Archivbild/Käthe Kollwitz Haus

Es ist 26 Jahre her, dass der Rüdenhof in Moritzburg als Käthe-Kollwitz-Haus eröffnet wurde. In dem Haus lebte die Künstlerin Käthe Kollwitz von August 1944 bis zu ihrem Tod am 22. April 1945. Ihre Berliner Wohnung war zerstört, und Prinz Ernst Heinrich von Sachsen hatte die Kollwitz nach Moritzburg geholt. Der Rüdenhof, wie die Moritzburger das Anwesen auch heute noch nennen, wurde 1945 Eigentum der Gemeinde. Die wiederum brachte Haus und Grundstück 1994 als Vermögen in die Stiftung Käthe Kollwitz Haus ein.

Seitdem wird dort in einer Dauerausstellung an die Kollwitz erinnert, können die Räume, in denen sie wohnte, besichtigt werden. Der Rüdenhof ist heute der einzige authentische Aufenthaltsort der Bildhauerin. Biografische Zeugnisse, Fotografien, originale Grafiken und zwei Plastiken erinnern an den bewegenden Lebensweg einer ungewöhnlichen Frau. 1919 wurde sie als erste Frau in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen. Doch als Hitler an die Macht kam, wurde sie gezwungen, aus der Akademie wieder auszutreten. Die Nationalsozialisten diffamierten ihre Arbeiten als „entartet“.

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Käthe Kollwitz, „Selbstbildnis“, Kreidelithographie, 1924
Käthe Kollwitz, „Selbstbildnis“, Kreidelithographie, 1924 © Archiv/Kollwitzhaus Moritzburg

Die Kunst der Kollwitz ist der der großen Männer ihrer Zeit ebenbürtig. Sie hat Bestand neben dem Schaffen des Zeichners Heinrich Zille, des Bildhauers Ernst Barlach und des Malers Edvard Munch. Berühmt sind ihr Grafikzyklus „Der Weberaufstand“ und ihre Pietà in der Neuen Wache in Berlin, die an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft erinnert.

Die Gedenkstätte in Moritzburg zeigt seit ihrer Eröffnung regelmäßig Sonderausstellungen. Zurzeit eingerichtet, aber pandemiebedingt leider nicht geöffnet, ist eine Schau mit Selbstbildnissen von 25 Künstlern aus der Region, die sich dem Werk der Kollwitz auf unterschiedliche Weise verbunden fühlen. Und von Künstlerinnen, die, wie einst die Kollwitz, sich nicht in den Mainstream einfügen und auf dem Kunstmarkt keine utopischen Summen für ihre Arbeiten erzielen. Auch die Dresdner Bildhauerin Konstanze Feindt-Eißner verehrt Käthe Kollwitz sehr: „Durch ihre Arbeiten fand ich meine Liebe zur Kunst. Ihr Kunstverständnis, ihre humanitären Gedanken waren für mich prägend.“

Reparaturen notwendig

Dass die Gedenkstätte in Moritzburg nicht erhalten bleiben könnte, will Feindt-Eißner nicht hinnehmen. Der Kulturraum Meißen – Sächsische Schweiz – Osterzgebirge zog sich zurück und übertrug der Gemeinde die Hauptlast. Unterstützt wird die Arbeit der Stiftung auch von der Kreissparkasse Köln mit dem von ihr getragenen Käthe Kollwitz Museum Köln, der Kreissparkasse Meißen, dem Freundeskreis Käthe Kollwitz e. V. und Privatpersonen.

„Der Großteil der Gemeinderäte ist der Meinung, dass es nicht Aufgabe der Gemeinde allein sein kann, das Haus zu erhalten“, sagt Sabine Hänisch, die das Kollwitz-Haus quasi im Alleingang führt. „Wir arbeiten seit einem Vierteljahrhundert äußerst sparsam, aber das reicht nicht, wenn wir uns in der Museumslandschaft behaupten wollen.“ Seit 2019 gibt es eine kleine Druckwerkstatt im Rüdenhof, diverse museumspädagogische Angebote machen das Museum für Schulklassen attraktiv. Allerdings wurde das denkmalgeschützte Haus seit den 1990er-Jahren nicht mehr renoviert oder gar saniert. Reparaturen sind notwendig, die zusätzlich Geld kosten.

Das Sterbezimmer von Käthe Kollwitz in Moritzburg, 1945
Das Sterbezimmer von Käthe Kollwitz in Moritzburg, 1945 © Foto: Erich Höhne

Wie Konstanze Feindt-Eißner haben viele Menschen den Rüdenhof immer wieder gern besucht. „Ich habe Freunde aus anderen Städten und anderen Ländern hingeführt“, erzählt die Bildhauerin. „Für sie war es ein besonderes Erlebnis, diesen authentischen Ort, den Lebens- und Sterbeort der Kollwitz, dieses Museums-Kleinod zu erleben; zumal in dieser wunderschönen Umgebung“, sagt sie.

Um all das zu erhalten, hat Feindt-Eißner eine Unterschriftensammlung für den Erhalt des Käthe-Kollwitz-Hauses gestartet, die von mehr als 6.200 Menschen unterzeichnet wurde. Diese Petition wird sie am Freitag im Sächsischen Landtag übergeben. Die Abgeordneten wollen sich mit der Thematik befassen und werden hoffentlich eine Lösung, ein tragfähiges Konzept für das Kollwitz-Haus finden.

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„Käthe Kollwitz war keine vordergründig politische Künstlerin. Manche mögen da irren. Sie hat humanitär gedacht, gelebt, gearbeitet – aus ihrer Biografie heraus“, sagt Feindt-Eißner. Die Kollwitz hatte Sohn und Enkelsohn in den beiden Weltkriegen verloren. Sie hat viel Elend gesehen in der Arztpraxis ihres Mannes in Berlin, und sie hat 1944 Wohnung und Atelier verloren. „Ihre Arbeiten sind Zeugnisse größtmöglicher Liebe zum Menschen. Sie haben unverwechselbare Symbolkraft bis heute“, sagt Konstanze Feindt-Eißner. Die Künstlerin wünscht sich, dass das Kollwitz-Haus nicht nur für ein, zwei Jahre, sondern für immer gesichert werden und damit auch kreative Arbeit in und für das Haus ermöglicht werden kann.

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