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Eine Ost-West-Ikone wird 90

Kein Star, sondern Gaukler: Der große Schauspieler Armin Mueller-Stahl liebt Stille, seine Geige und die Malerei. Am Donnerstag feiert er runden Geburtstag

Malender Schauspieler mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion: Der Maler Armin Mueller-Stahl vor seinem Selbstporträt "Shine".
Malender Schauspieler mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion: Der Maler Armin Mueller-Stahl vor seinem Selbstporträt "Shine". ©  dpa

Sie ist 20, ledig, stammt aus Vacha bei Eisenach, studiert Medizin. Er ist fast 38, geschieden, lebt in Berlin, ein umschwärmter Kino- und Fernsehstar. Die junge Frau erinnert sich: "Das war ein Mann, der Abenteuerlust versprach. Neugier auf das Leben, Humor, die Fähigkeit, sich in immer Neues reinzuwerfen. Mir hat seine Haltung gefallen, sein Lächeln, sein Blick, seine Sprache. Und bestimmt nicht bloß die stahlblauen Augen."

Fünf Jahre später, 1973, heiratet die Hautärztin Gabriele Scholz den Schauspieler Armin Mueller Stahl. Seinen Heiratsantrag wird sie nie vergessen: "Willst du meine Witwe werden?", fragt er in Anspielung auf den Altersunterschied. Sie ist die Liebe seines Lebens, Vertraute und Ratgeberin, Mutter eines gemeinsamen Sohnes, geht mit ihm seit 37 Ehejahren durch dick und dünn. "Ohne sie, ohne ihre Ermutigungen, wäre mein Weg nach Hollywood undenkbar", sagt er.

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Die wenigsten Schauspieler können auf drei Karrieren zurückblicken. Auch darin ist Armin Mueller-Stahl etwas Besonderes: Die erste und längste Karriere erlebte er in der DDR. „Da war ich der gute, sympathische jugendliche Held“, so erinnerte er sich einmal. Als Spion Achim Detjen begeistert er in der TV-Serie „Das unsichtbare Visier“ selbst Stasichef Erich Mielke. Nach seiner Unterschrift gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 wird Mueller-Stahl kaum noch beschäftigt, dreht mit Frank Beyer den Fernsehfilm „Geschlossene Gesellschaft“ (1978), eine Parabel auf die Situation in der DDR. Er beginnt, das Buch „Verordneter Sonntag“ zu schreiben. „Ich schrieb als Therapie gegen das ungewisse Warten.“

In der DDR machte Stahl eine steile Karriere - hier 1960 mit Erwin Geschonnek in "Nackt unter Wölfen".
In der DDR machte Stahl eine steile Karriere - hier 1960 mit Erwin Geschonnek in "Nackt unter Wölfen". ©  dpa

„Das Land meiner Helden ist immer Amerika gewesen“

Nach zwei Bittgesuchen an Honecker wird ihm und seiner Familie im Herbst 1979 die Ausreise in den Westen gestattet. In der Bundesrepublik beginnt die zweite Karriere des Armin Mueller-Stahl, als Vater-Typ. Er ist sich seines Wertes bewusst, pokert bei Gagenverhandlungen hoch. „Sie sollen wissen, dass nicht ein erster Schauspieler kommt, sondern ein allererster.“ Fassbinder dreht mit ihm „Lola“, Agnieszka Holland „Bittere Ernte“, Istvan Szabo „Oberst Redl“. Man will ihn als Professor Brinkmann für die Serie „Schwarzwaldklinik“ gewinnen, auch „Der Alte“ wird ihm angeboten. Der Umworbene lehnt ab. Die Drehbücher seien „flach wie eine Pfütze“, findet er.

Armin Mueller-Stahl bereitet seine dritte Karriere vor, er büffelt Englisch, um in Amerika Fuß zu fassen. „Das Land meiner Helden ist immer Amerika gewesen“, sagt er, „das Land der Gary Coopers, der Spencer Tracys und all der anderen großen Götter, die ich so bewundert habe.“ Mit „Music Box“ und „Avalon“ (1989) gelingt ihm der Durchbruch in Hollywood. „Es wird meine Zeit der Großväter in amerikanischen Filmen.“ Doch seine heimliche Hoffnung bleibt unerfüllt: Er wird zwar für die beste Nebenrolle in „Shine“ 1996 für den Oscar nominiert, geht aber leer aus.

Weit über zwanzig Filme drehte er in den USA, der bislang letzte ist 2015 „Knight Of Cups“. Seit einigen Jahren erklärt der Schauspieler, der den Begriff Star ablehnt und sich lieber einen Gaukler nennt, er wolle mit der Filmerei langsam aufhören. Das hatte er schon nach seiner großartigen Darstellung Thomas Manns im TV-Dreiteiler „Die Manns“ 2001 erklärt und nach den „Buddenbrooks“ 2008 wiederholt.

Nach seiner Ausreise in die Bundesrepublik 1979 konnte Armin Mueller-Stahl seine Karriere bruchlos fortsetzen. Eine seiner bemerkenswertesten Rollen war Thomas Mann im TV-Mehrteiler "Die Manns".
Nach seiner Ausreise in die Bundesrepublik 1979 konnte Armin Mueller-Stahl seine Karriere bruchlos fortsetzen. Eine seiner bemerkenswertesten Rollen war Thomas Mann im TV-Mehrteiler "Die Manns". ©  dpa

Ein Leben an der Ostsee und in Los Angeles

Armin Mueller-Stahl, am 17. Dezember 1930 im ostpreußischen Tilsit (heute: Sovetsk) geboren, studierte Musik, erhielt eine Ausbildung als Konzertgeiger, wurde „mangels Begabung“ nach einem Jahr von der Schauspielschule geworfen, spielte dennoch 25 Jahre an der Berliner Volksbühne. Er ist ein vielseitiger Charakterdarsteller, hält jedoch zu den Figuren eine gewisse Distanz, weil er sich nicht mit ihnen identifizieren will. „Ich bin Schauspieler, nicht Imitator“, sagt er. Der Einzelgänger meidet Partys, liebt die Stille, lebt abwechselnd in seinem Haus an der Ostsee und in seiner Villa auf einem der sieben Hügel über Los Angeles. Und immer wieder greift er zur Geige, seiner großen Trösterin.

Auch malt und zeichnet Armin Mueller- Stahl seit Jahrzehnten. Mittlerweile reißen sich viele Museen um seine Werke, meist neoexpressionistische Porträts und Landschaften. Und wo immer er ausstellt, kommen Neugierige in Scharen, vor allem in Ostdeutschland. So wie im Februar diesen Jahres, als er ins Kamenzer Malzhaus kam, zur Vernissage seiner Werkschau „Vom Flug der Freiheit“. Nicht ohne Stolz sagt der international geschätzte Schauspieler, der heute 90 wird, er sei „inzwischen ein Maler, der auch schauspielert und nicht mehr ein Schauspieler, der auch malt“. Man darf von einer vierten Karriere sprechen, nicht denkbar ohne die ersten drei.

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