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Neue Schau im Jüdischen Museum provoziert

Mit "Erlösung jetzt" gibt das Jüdische Museum Berlin derzeit Einblick in das Werk der israelischen Künstlerin Yael Bartana. Ist die Schau ein Coup oder Pornografie?

Typisch deutsch oder typisch israelisch? Die Ästhetik der Nationalsozialisten aufzugreifen, kann verführen und gleichzeitig vieles hinterfragen.
Typisch deutsch oder typisch israelisch? Die Ästhetik der Nationalsozialisten aufzugreifen, kann verführen und gleichzeitig vieles hinterfragen. © JMB/Yves Sucksdorff

Die Idylle trügt. Halb nackte Gäste im Standbad Wannsee liegen in der Sonne, lesen, dösen, schwimmen, fahren Tretboot – alles ist sommerlich-friedlich. Bis eine androgyne Gestalt erscheint, weiß gewandet mit leerem Patronengürtel. Sie blickt aufs Wasser, Unruhe macht sich unter den Badegästen breit. Plötzlich teilen sich die Fluten. Aus ihnen steigt computeranimiert mit Getöse das Modell von Albert Speers größenwahnsinniger Vision einer Welthauptstadt Germania auf: zuerst die Kuppel, dann die Ruhmeshalle, schließlich das ganze Ensemble mit Reichstag – ganz in Weiß.

Die ebenso kitschige wie aufwühlende Wannsee-Szene aus der filmischen Installation „Malka Germania – Königin Germania“ ist das Herzstück der neuen Sonderausstellung „Redemption Now – Erlösung jetzt“ im Jüdischen Museum Berlin. In monumentaler Saalbreite gezeigt, greift die israelische Künstlerin Yael Bartana die Sehnsüchte nach kollektiver Erlösung von der eigenen wie geerbten Vergangenheit auf.

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Das Thema ist aktueller denn je und dürfte durch die Feierlichkeiten zu 1.700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland noch befeuert werden. „Dass es nach der Shoah wieder jüdisches Leben in Deutschland gibt, es sogar neu aufblüht, ist ein unermessliches Glück für unser Land“, sagte unlängst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim offiziellen Festakt. Die 50-jährige Bartana prüft dieses Glück, korrigiert auf ihre Weise Geschichte. Stark ist, wenn sie deutsche wie jüdische Traumata deutet, mit verschüttet Geglaubtem und mit zionistischen Fantasien provoziert. Wie wäre Berlin vielleicht heute, wenn nicht die Rote Armee, sondern israelische Soldaten die Stadt befreit hätten?

Der Erlöser?
Der Erlöser? © JMB/Yves Sucksdorff

Klischeehaft „arisch“ beginnt die 40-minütige Installation. Der androgyne Messias erscheint, wird später mit einem Esel durch das Brandenburger Tor schreiten. Weiß gekleidete Tänzerinnen machen wie im Leni-Riefenstahl-Film Gymnastik, Athleten im Hitler-Jugend-Sportdress joggen vorbei. Schäferhunde fletschen die Zähne. Dann ziehen israelische Kampfsoldaten paramilitärisch durch Berlin, nehmen quasi eine zionistische Landnahme des Ursprungsortes des Holocaust vor. Es geht auch subtiler: Ein Mann mit Kippa überklebt Straßenschilder im jüdischen Viertel mit hebräischer Schrift.

Freiflug für den deutschen Adler

Aber auch das sieht man: deutsches Kulturgut wie Reclam-Hefte, Büsten von Dichtern und Denkern. Zwiebelmuster-Geschirr, eine Kuckucksuhr und ein Weihnachtsbaum fliegen aus sanierten Gründerzeithäusern auf die Straße. Irgendetwas hat man ja immer zu entsorgen. Am Ende des Videos, der androgyne Messias wandelt weiter durch die Stadt raus ins Grüne, warten Männer, Frauen und Kinder mit Koffern an einem Bahngleis. Es ist freilich nicht jenes vom Bahnhof Grunewald, von wo die Züge nach Auschwitz losfuhren, sondern irgendeins in der brandenburgischen Pampa. Verfolgte Juden von einst? Aktuell Flüchtende? Die Gruppe setzt sich in Bewegung.

Das reicht, fanden einige Kritiker der Schau! Speers Ruhmeshalle aus jenem See aufsteigen zu lassen, an dessen Ufern die Endlösung beschlossen wurde, sei Pornografie. Andere nennen die erste Einzelausstellung von Yael Bartana in einem deutschen Museum einen intellektuellen Coup. So oder so. „Königin Germania“, ein Auftragswerk des Museums, lässt einen nicht unberührt. Es ist konkret im Unkonkreten, was die Videos nicht zeigen, vervollständigen die eigenen Bilder im Kopf.

„Als Filmemacherin interessieren mich die Ästhetik der Propaganda und ihre Wirkung“, sagt die in Berlin und Amsterdam lebende Künstlerin. „Wenn man die Nazis als Erlöserbewegung betrachtet: Welche Ästhetik haben sie verwendet, um diese Momente möglicher Erlösung zu erschaffen? Wie gefährlich sind diese Bilder? In Zeiten der Krise gibt es das große Bedürfnis nach Nostalgie – das ist sehr gefährlich.“

Hätte ein nicht jüdischer Deutscher diese Ausstellung machen können? Sicher. Aber bei Yael Bartana ist sie in guten Händen. Denn die ist eine Beobachterin ihrer Zeit, balanciert klug zwischen Wahrheit und Fiktion. Kuratorin Shelley Harten beschreibt ihre Kunst als eine Art Drohnenflug. „Sie guckt sich alles von oben an, von unten, von der Seite und im Nachhinein kommen wir an einen Punkt, wo wir aus der Distanz heraus unsere eigene Identität hinterfragen und beleuchten können.“

In der Ausstellung gibt es neben dem „Königin“-Video-Saal ein Kabinett. Darin liegen Requisiten des Films. Etwa der bronzenen Reichsadler aus dem Wannsee und Büsten. Und hier lässt eine Figurine des androgynen Messias einen vergoldeten Adler visionär in die Freiheit aufsteigen.Die Schau bietet noch viel mehr: Eindrückliches und Rätselhaftes – insgesamt 26 Stationen mit 50 Objekten, Installationen und Videos aus 20 Jahren. In einem Film zeigt die Künstlerin unkommentiert SUV-Fahrer in den Dünen von Tel Aviv, die sich mit dem Allradantrieb durch den Strand graben. Machogehabe, um sich das Land untertan zu machen. In einer Fotoserie tritt sie mit Patriarchenbart und Locken als Theodor Herzl, Begründer des Zionismus, auf. Mit Humor, so Bartana, könne man Traumata verarbeiten. Er habe das Potenzial, Ängste freizusetzen und Räume zum Nachdenken zu öffnen.

Die neue Angst vor den Juden

Und in der Schau ist auch jene Videotrilogie „And Europe will be stunned“ zu sehen, die Yael Bartana 2011 auf einen Schlag berühmt gemacht hatte. Die Videos aus dem polnischen Pavillon der Biennale von Venedig zeigen, wie eine imaginäre Bewegung über drei Millionen Juden, die vor der Shoah in Polen gelebt hatten, zur Rückkehr aufruft. Heute wäre solche Arbeit im polnischen Pavillon nicht mehr möglich, denn es wird auch gezeigt, wie die Polen auf die Idee reagieren, weil die Rückkehrer das Land verändern würden.

„Yael Bartana: Redemption Now“ bis 10. Oktober, Jüdisches Museum Berlin, täglich von 10 bis 19 Uhr. Vor einem Besuch empfiehlt es sich, die aktuellen Hygieneauflagen zur Kenntnis zu nehmen.

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