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Elke Heidenreich und der Kater in Seide

Die Bestseller-Autorin erzählt in ihrem neuen Buch ganz wunderbar von Frauenkleidern und Männerjacken, neuen Hüten und alten Lieben.

Die Literaturkritikerin und Bestseller-Autorin Elke Heidenreich ist auch um Mode-Statements wie dieses nie verlegen: „Kapuzen-Pullis machen mich fassungslos“.
Die Literaturkritikerin und Bestseller-Autorin Elke Heidenreich ist auch um Mode-Statements wie dieses nie verlegen: „Kapuzen-Pullis machen mich fassungslos“. © dpa

Männer mit Goldknöpfen am Jackett haben keine Chance. Da reagiert Elke Heidenreich rigoros. Goldknöpfe sind mehr als eine Geschmacksverirrung. Sie sind ein Charakterurteil. Wie viel attraktiver wirkt der edelkuschlige graue Kaschmirpullover im Café, ein Weißweintrinker und Buchleser, was will das Herz mehr! Aber ach, er vertieft sich in einen Kitschschmöker ...

So geht das Leben hin in Hoffnung, Enttäuschung und wieder Hoffnung. Und wenige können so leichthändig davon erzählen wie Elke Heidenreich, so spöttisch und melancholisch zugleich. Jahrelang hat sie in ihrer Fernsehshow „Lesen!“ andere für Bücher begeistert. Nun bringt die 77-Jährige selbst wieder ein Buch heraus. Sie denkt darin darüber nach, was Kleider mit Leuten machen und Leute mit Kleidern. Leserinnen werden sich in vielem wiedererkennen. Wer hat nicht schon gelitten in der Umkleidekabine des Kaufhauses, halb nackt und gnadenlos ausgeleuchtet von allen Seiten: Hässlichere Kniekehlen sah man nie.

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Es sind wunderbar beobachtete, erfundene oder gehörte Geschichten, sinnliche und persönliche. Das beginnt mit einem karierten Kinderkleid, bei dem sie viel zu spät bemerkte, dass die Taschen nur provisorisch zugenäht waren. Es endet mit einem weiß gewandeten Priester im menschenleeren Rom, der an einem alten Pestkreuz für das Ende der heutigen Pandemie betet. Dazwischen stehen kurze und kürzere Texte. Zum Beispiel der vom Hut. Elke Heidenreich erzählt, wie sie mit knapp fünfzig ihr erstes richtiges Buch schrieb, „Kolonien der Liebe“, wie sie das Manuskript zur Post brachte und in einem Gefühlsrausch aus Angst, Aufregung, Übermut einen aufsehenerregenden Hut kaufte. Damit fotografierte sie sich sofort in einem Automaten: „Hier sehen Sie die neue Vielleicht-Schriftstellerin!“

„Nero Corleone“ änderte alles

Seitdem erschienen rund ein Dutzend Bücher von ihr, zumeist Erzählbände. In literarischen Reiseführern erkundete sie den Rhein, Verdis Italien oder die Welt des trinkfesten walisischen Dichters Dylan Thomas. Den größten Erfolg verdankte sie ihrem Kater. „Schreib über den“, hatte ihr der Verleger zugeredet, nachdem ihm der Kater das Mettwürstchen vom Grünkohlteller gestohlen und das Hemd versaut hatte. An zwei Nachmittagen, so Elke Heidenreich, schrieb sie „Nero Corleone“. Das Buch wurde millionenfach verkauft, in 23 Sprachen übersetzt, „ich hatte ausgesorgt, bezahlte mein Haus ab und sah ihn jeden Tag an: Dieser Kater hatte mein Leben vergoldet.“ Dieses Gold lässt sie gelten. Und begrub Nero später in ihrem schönsten, nie getragenen, sündteuren Seidenkleid.

An manchen Stücken hängt man ja nur, weil sie nach Erinnerung riechen, nach erstem Kuss oder letztem Tanz. Da gibt es zum Beispiel diese leichte Sommerjacke. Elke Heidenreich erzählt von dem Mann, der die Jacke bei ihr vergaß, bevor er für immer ging. Wenn sie das gute Stück trägt, fühlt sie sich noch geliebt. Hütet die zwei Bonbons in der Tasche und das Streichholzbriefchen. Als die Sehnsucht zu groß wird, ruft sie die Nummer an, die sie auf einem Zettel in der Jacke fand. „Ich wäre im Leben nicht darauf gekommen, dass so schöne Männer auch Zahnärzte brauchen.“

Heidenreichs Texte sind oft klassische Feuilletons, große Kunst auf kleinem Raum. Die Pointen sitzen wie maßgeschneidert. Eine Schneiderin kommt natürlich auch vor. Ihre Kundin fühlt sich im neuen Abendkleid „wie eine missglückte Beerdigungstorte“. Eine andere greift selbst zur Schere. Weil der Liebhaber sie betrügt, schneidet sie bei allen seinen Anzügen die Hosen kurz über dem Knie ab, bei wirklich allen, auch bei seinen Jeans und den schwarzen Cordhosen. Als sie heiraten, hat er neue Anzüge und viele alte Jacketts ohne passende Hose.

Lieblose Mutter und Hallodri-Vater

Für eine kleine Gehässigkeit zwischendurch ist die Autorin immer zu haben. Der Spaß funktioniert, weil sie sich selber mit schrägem Blick zuguckt und von eigenen Missgeschicken erzählt. Wie sie die amerikanische Essayistin Susan Sontag hofierte und von ihr abgepatzt wurde. Wie sie Karl Lagerfeld in einem Artikel für seine Handschuhe lobte, weil sie die Altersflecke verbargen, und der Modezar gleich eine Veranstaltung mit ihr absagte. Wie sie für eine Rede so ahnungslos wie entsetzt auf der großen Bühne der Salzburger Festspiele vor den Kameras der Welt auftreten musste – und trug das mottenzerfressene Seidenkleid ihrer Mutter. Für Mode interessierte sie sich nie.

Mutter und Vater spielen in einigen Büchern von Elke Heidenreich eine Rolle. Eine strenge, lieblose Frau und ein strahlender Hallodri, der sich bald aus dem Staub machte. Sie trug das kleine Geblümte und sah auch in anderen Sachen nach nichts aus. Er hingegen trug Anzug mit Seidenschal und warf mit lässiger Geste den Kamelhaarmantel über den Stuhl. Kein anderer Mann konnte da mithalten. Deshalb fordert Elke Heidenreich mit einer kleinen Träne im Knopfloch die Abschaffung der Kamelhaarmäntel.

Elke Heidenreich: Männer in Kamelhaarmänteln. Carl Hanser Verlag, 221 Seiten, 22 Euro

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