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Farin Urlaub: Authentizität lässt sich nicht fälschen

Ein Jahr nach ihrem Album „Hell“ legt die Berliner Band Die Ärzte mit „Dunkel“ nach. Warum der erhobene Zeigefinger diesmal nötig ist, erklärt Farin Urlaub im Interview.

Die Ärzte legen mit ihrem neuen Album "Dunkel" nach. Farin Urlaub (M.) erklärt, was das Besondere an der Platte ist.
Die Ärzte legen mit ihrem neuen Album "Dunkel" nach. Farin Urlaub (M.) erklärt, was das Besondere an der Platte ist. © PR

Ihr neues Album „Dunkel“ beginnt mit dem selbstironischen Hinweis darauf, dass den Zuhörer „Karnickelfickmusik“ erwartet, und es endet mit einem überraschend ernst gemeinten Aufruf zur Wahlbeteiligung. Ist die moderne Gesellschaft mit dem Prinzip der Gleichzeitigkeit nicht hilflos überfordert?
Ich könnte jetzt gönnerhaft darauf hinweisen, wie wichtig es gerade unter diesen Umständen wäre, die Gleichzeitigkeit in einer Platte aufzuzeigen. Aber wir sind keine Konzeptionisten. Das Schöne an Alben ist ja, dass sich Meta-Ebenen auch für deren Autoren erst offenbaren, wenn man sie in Gänze wahrnimmt.

Prompt wird „Dunkel“ als düsteres Pendant zu „Hell“ wahrgenommen. Würde die Platte ebenso aufgefasst werden, wenn sie „Himmel“ hieße?
Interessanter Gedanke. Vielleicht gälte „Rubber Soul“ heute als das strenge Album der Beatles, hätte es ein geradliniges Cover-Design gehabt.

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Apropos Strenge. Fallen Ihnen der Größenwahn und die Schwere der Monumentalbauten hier am ehemaligen Flughafen Tempelhof, in dessen Nähe wir gerade sind, noch auf?
Meine Assoziation mit der Gegend ist ein Beinahe-Unfall im Kindesalter. Damals durfte ich alleine fliegen, um meine Großmutter in den Schulferien besuchen zu können. Meine Mutter konnte mich nicht fahren, eine Zugreise wäre zu gefährlich gewesen. Ich flog immer von Tempelhof aus, und einmal hätte mich beinahe ein Taxi überfahren, weil ich vor Freude, meine Mutter wiederzusehen, einfach auf die Straße lief, ohne nach links oder rechts zu gucken. Für mich war diese Ecke von Berlin immer da, ich habe sie nie hinterfragt. Wir hatten unseren Übungsraum jahrelang im Keller vom Flughafen. Wenn man darin ein Stück Satire wie „Elke“ geschrieben hat, verliert der Bau an Schwere und wird stattdessen eher zu einem alten, kantigen Bekannten.


Farin Urlaub und Die Ärzte haben zwar ein neues Album veröffentlicht, sagen aber ihre Tour wegen unklarer Corona-Regeln ab.
Farin Urlaub und Die Ärzte haben zwar ein neues Album veröffentlicht, sagen aber ihre Tour wegen unklarer Corona-Regeln ab. © PR

Hinterfragen Sie sich selbst?
In der Musik eigentlich nicht mehr, als Person hingegen häufig. Meine Freunde hatte ich alle schon, bevor ich auch nur im Entferntesten bekannt wurde als Bühnenfigur. Wenn die Tendenzen an mir feststellen, die ihnen fremd erscheinen, geben sie mir Impulse, die mich mein Handeln reflektieren lassen. Lesen und Reisen helfen auch, denn wenn du ein Land besuchst, in dem vieles ganz anders ist als gewohnt, fragst du dich als denkender Mensch automatisch: Was ist an mir eigentlich unumstößlich?

Kann der großmäulige Bühnenheld Farin Urlaub deswegen glaubwürdig ein poetisch-empfindsames Lied über die Tragweite von Wörtern wie „Kraft“ verfassen?
Ich bin großer Fan von guter Poesie und habe gerade Enzensbergers „Alkibiades mein Spießgeselle“ zum ersten Mal in voller Länge gelesen, das mich in meinem Gedanken zu „Kraft“ bestätigte. Das Stück schrieb ich morgens beim Zähneputzen innerhalb von drei Minuten.

Sie verfassen ein Stück über das Heiligtum Menschlichkeit beim Zähneputzen?
Menschlichkeit ist ja nicht weniger wichtig, wenn man sich mit Zahnhygieneroutine beschäftigt. Ja, ich mag das Stück „Kraft“, aber auf den Text des Songs „Erhaben“ bin ich richtiggehend stolz.

Weil Sie sich trotz Ihres Erfolgs und Ihrer sicher bisweilen auch egoistisch geprägten Disziplin einen empathischen Blick auf Menschen bewahrten, die scheinbar an allem scheitern, aber bei genauer Betrachtung erhaben wirken?
Mein Erfolg als Musiker ist nur ein äußerliches Merkmal. Was mich als Mensch definiert, sind einschneidende Erlebnisse, die ich primär auf Reisen sammeln durfte. Dabei bin ich kein Star, dem reichlich flauschiger Boden bereitet wird. Auf Reisen muss ich mich als Mensch beweisen, denn in Afrika kennt man keinen Farin Urlaub.


Rodrigo González (v.l.), Bela B. und Farin Urlaub sind Die Ärzte.
Rodrigo González (v.l.), Bela B. und Farin Urlaub sind Die Ärzte. © PR

Wird Ihr Ego dann bedeutungslos?
In solchen Momenten manifestiert sich für mich, wie bedeutungslos ich als Person bin. Ja, wir haben mit der Band ein paar Erfolge gehabt, aber ich durfte auf Reisen so viele, scheinbar „unwichtige“ Menschen kennenlernen, die für mich so Großes leisten, dass ich nur demütig und dankbar auf sie blicken kann. Das relativiert ganz vieles.

Die Liebe zum Detail und die Hingabe, die in „Dunkel“ steckt, ist also auch ein Ausdruck von Demut vor der Schönheit der Erde?
Im großen Ganzen der Erde sind Die Ärzte ein Krümel, was einer angenehmen Leichtigkeit förderlich ist. Und da Musik ein weiteres Heiligtum für mich ist, begegne ich auch ihr zwangsläufig mit Demut.

Schön, dass Sie daraus keine Wissenschaft machen, zum Grand Canyon reisen und dort Gott treffen.
Ich befasse mich gerade zum ersten Mal mit „Der Electric Kool-Aid Acid Test“ von Tom Wolfe und bin just bei der ersten Gott-Erfahrung angekommen, die mich denken lässt: Oh Mann, gut, dass ich so was nicht brauche!

Ist Ihnen der „Spirit“, also der menschliche Geist, nicht dennoch wichtig?
Natürlich ist er das. Aber ich werde ungern esoterisch.

Ob es irgendwann einen Autor geben wird, der sich dezidiert mit Die Ärzte und auch mit der politischen Wirkung Ihrer Band auseinandersetzt?
Das wäre natürlich eine große Ehre für uns, aber ich vermute, ein solches Vorhaben würde an unserer mangelnden Ernsthaftigkeit scheitern.

Ich bitte Sie! In „Our Bass Player Hates This Song“, dem letzten Lied der Platte, erheben Sie als Textschreiber den Zeigefinger und rufen zur Beteiligung an der Demokratie kurz vor der Bundestagswahl auf. Das klingt so ernst gemeint …
… dass Rodrigo, unser Bassist, den Song beim ersten gegenseitigen Vorspielen wirklich abgelehnt hat. Zugegeben, das Lied würde vermutlich sogar Bundespräsident Steinmeier unterschreiben, aber dieser Umstand macht es nicht weniger relevant.

Weil es um die Freiheit als Merkmal der Demokratie geht?
Menschen, die sich in nicht demokratisch geführten Gegenden der Welt für die Wahlfreiheit einsetzen, werden gefoltert, setzen ihre Leben aufs Spiel. Wir hier tun so, als ob Demokratie irgendwie lästig sei. Dazu musste ich, weil’s mir eine Herzensangelegenheit ist, ein klares Statement verfassen: Setze dein Kreuz gegen Hakenkreuze!

Bei genauem Hinhören führt der spanischsprachige Chor Sie, den Gitarristen, in dem Stück ad absurdum. Wie weit geht denn nun letztendlich die Ernsthaftigkeit bei Die Ärzte?
Wie du kommst gegangen, so wirst du auch empfangen. Die Kunstszene funktioniert doch so: Hängt man sich als Künstler hoch und strebt die ernsthafte Auseinandersetzung mit sich an, weil man vorgibt, dass andere Menschen das eigene Werk möglicherweise nicht verstehen können, wird man per se ernst genommen. Wir hingegen unterlaufen unseren eigenen Mythos als Band ständig.

Ist die Deutung „Hell“ = heiter und „Dunkel“ = seriös deswegen Quatsch?
Wir freuen uns natürlich darüber, dass sich ein paar Leute immer den Kopf über unsere Alben-Titel oder unser Tour-Motto „Buffalo Bill in Rom“ zerbrechen. Der Die-Ärzte-Kosmos ist jedoch so konfus, selbstbezüglich und dann wieder mit Fremdzitaten belegt, dass keiner mehr durchsteigen kann. Selbst wir können das manchmal nicht. Die Leichtigkeit, der wir uns als Band zum Glück immer wieder ermächtigen konnten, selbst als sie ein paar Mal aus zwischenmenschlichen Gründen auf der Kippe stand, hat irgendwann auch das Feuilleton erkennen lassen, wie wenig wir uns für die allerhöchsten Kunstweihen eignen.

Deswegen dürfen Sie in einem Ihrer Songs ja auch Jazz auf Tristesse reimen und fröhliche Querverweise zum frankophonen Pop der 60er auf tiefste inhaltliche Depression treffen lassen. Sind Sie Fan des französischen Pop von damals?
Und wie! Ich gehe mit meinem Musikgeschmack nicht mehr in die Zukunft, sondern zunehmend in die Vergangenheit und verbreitere da. Seit meiner Kindheit bin ich Fan von Joe Dassins unvergesslichem Chanson „L’été Indien“, was mich dazu brachte, danach zu forschen, was andere französische Musiker zur selben Zeit veröffentlichten, und stieß auf ein kleines Preziosen-Universum.

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Wie erklären Sie eigentlich die fortwährende Relevanz Ihrer Band, der es scheinbar konstant gelingt, jede nachfolgende Generation anzusprechen, obwohl Sie es gar nicht darauf anlegen?
Sie haben meine Antwort in Ihrer Frage vorweggenommen: Wir versuchen es erst gar nicht. Authentizität lässt sich nicht fälschen.

Das Interview führte Michael Loesl.

Das Album: Die Ärzte, Dunkel. Hot Action Records/Universal

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