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So bedrückend war der "Polizeiruf"

Der Rostocker "Polizeiruf 110" erzählt eindringlich das Drama einer stillen Frau, die zur Mörderin wird. Ein Balanceakt, der gelingt.

Hat nichts mehr zu verlieren: Sabine Brenner, sensationell gespielt von Luise Heyer.
Hat nichts mehr zu verlieren: Sabine Brenner, sensationell gespielt von Luise Heyer. © NDR/Christine Schroeder

Sabine will sterben. Die alleinerziehende Frau ist müde, verzweifelt, ausgelaugt, wird von allen übersehen. Sie arbeitet als Hilfskraft in einer Werft, die abgewickelt wird. Trotz Zweitjob reicht das Geld nicht. Ihr elfjähriger Sohn bekommt keine Empfehlung fürs Gymnasium. Sabine weiß nicht weiter. Sie bittet ihren arbeitslosen Ex-Mann, sich um den Jungen zu kümmern. 24 Stunden später schiebt sie sich, am ganzen Körper zitternd, die Pistole in den Mund.

Doch sie drückt nicht ab. Lärm reißt sie aus der Todeslethargie. Der ewig betrunkene Nachbar, der seine Frau schlägt, brüllt den ganzen Wohnblock zusammen. Sabine geht auf die Straße, erkennt den brutalen Kerl – und erschießt ihn. Die Pistole, für den Suizid gedacht, wird zur Mordwaffe. Die schüchterne Frau fühlt keine Reue, wirkt eher befreit. Luise Heyer spielt das sensationell – wie ein Erwachen aus jahrelanger Erstarrung. Sabine steigert sich in einen Rausch von Wahn und Freiheit, tötet gezielt weitere Männer, auch den Geschäftsführer der Werft. Ekeltypen, die andere Menschen demütigen und wie den letzten Dreck behandeln.

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Ein Balanceakt für das Team des gesellschaftskritischen Rostocker Polizeirufs 110. Der Zuschauer hat Verständnis für Sabine, leidet mit ihr. Aber die Morde werden nicht verharmlost. „Ihre Taten sind abscheulich“, sagt Drehbuchautor Florian Oeller. Der Krimi zeigt wirklichkeitsnah den taumelnden Übergang vom Opfer zur Täterin. Mut beweisen die Macher auch mit der engagierten Darstellung des Streiks der Werftarbeiter, dem Blick in deren versteinerte Gesichter. Wann sah man das zuletzt in einem Krimi?

Regisseur Stefan Schaller mischt in den anschwellenden Wutgesang auch hellere Farben. Nach über zehn Jahren begibt sich das kantige Kommissars-Duo Katrin König und Sascha Bukow auf den steinigen Pfad der Liebe. Zwei einsame Wölfe finden vorsichtig zueinander, können es selbst kaum fassen. Hinreißend, wie sich Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner im Tanz vergessen, wie ihre Augen strahlen, als sie den alten Rio-Reiser-Song „Halt dich an deiner Liebe fest“ für sich neu entdecken. Berührend auch Bukows emotionaler Zusammenprall mit seiner urplötzlich auftauchenden Schwester, eindringlich gespielt von der erfahrenen Lina Beckmann. Im wirklichen Leben ist sie Hübners Ehefrau.

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