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Verhindern Kinder die Kunst, Frau Stadtschreiberin?

Die künftige Dresdner Stadtschreiberin Katharina Bendixen im Interview über pünktliche Küsse und eine familienfeindliche Arbeitswelt.

Fünf Prosabände, drei Kinderbücher, dazu Übersetzungen und Rundfunksendungen hat Katharina Bendixen im Gepäck, wenn sie als Stadtschreiberin nach Dresden kommt.
Fünf Prosabände, drei Kinderbücher, dazu Übersetzungen und Rundfunksendungen hat Katharina Bendixen im Gepäck, wenn sie als Stadtschreiberin nach Dresden kommt. © Gert Mothes

Bei Buchveröffentlichungen, Literaturpreisen und Rezensionen spielen Frauen eine geringere Rolle als Männer. Mit Kindern haben sie noch schlechtere Karten. Das treibt die Leipziger Schriftstellerin Katharina Bendixen um. In ihrem Internet-Blog diskutiert sie mit anderen Autoren darüber. Die 40-Jährige studierte Buchwissenschaft und Hispanistik, sie hat zwei Kinder im Alter von drei und fünf und kommt nächstes Jahr als Stadtschreiberin nach Dresden. Mit dem Amt sind eine mietfreie Wohnung für ein halbes Jahr und ein Stipendium verbunden.

Als Dresdner Stadtschreiberin wollen Sie Menschen porträtieren, die sich um andere kümmern. So heißt es in Ihrer Bewerbung. Gab Corona den Anlass?

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Augen auf beim Küchen-Kauf
Augen auf beim Küchen-Kauf

Wer auf der Suche nach einer neuen Küche ist, sollte Wert auf professionelle Beratung und Planung vor Ort legen, zum Beispiel bei Hülsbusch in Dresden und Weinböhla.

Wir wussten ja vorher schon, dass Menschen in Kitas, Grundschulen oder Pflegeheimen eine sehr verantwortungsvolle Arbeit leisten und dafür sehr schlecht bezahlt werden. Diese Care-Arbeit, für die es so wenig Wertschätzung gibt, möchte ich gern sichtbarer machen. Was mich auch interessiert, ist die unbezahlte Care-Arbeit und neue Lebensmodelle jenseits der Kernfamilie mit Vater, Mutter, Kind.

Diese Modelle stoßen schnell an finanzielle Zwänge. Müsste nicht auch über neue Besitzverhältnisse nachgedacht werden?

Es ist sicher kein Zufall, dass man alternative Lebensmodelle vor allem dort findet, wo mehrere Familien zusammen ein Haus gebaut oder gekauft haben. Aber natürlich muss man auch nach Steuer- und Erbrecht fragen, nach dem Familienrecht, nach einer Elternzeit, die ganz anders aufgestellt sein müsste, und nach den Privilegien, die ein Nachdenken darüber überhaupt erst möglich machen.

Sollte der Staat die unentgeltliche Fürsorge vergüten, die in den Familien für Alte, Kranke, Kinder geleistet wird?

Ich finde das zumindest bedenkenswert, auch wenn ich nicht genau weiß, wie man diese Arbeit bemessen soll. Mir ist auch die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens sympathisch, allerdings nicht als endgültige Lösung, sondern eher als ein Schritt auf dem Weg zu einem anderen Miteinander.

Sie haben sich um das Stadtschreiberstipendium beworben mit dem Monolog einer Frau, die nicht schlafen kann aus Sorge um Kinder und Job. Wie geht es Ihnen selbst bei dem Spagat?

Wenn beide Kinder gesund sind und der Alltag so läuft, wie er sollte, macht der Spagat keine Mühe. Aber jetzt sind sie schon zwei Wochen krank, und ich stecke mitten in der Schlusskorrektur für einen Jugendroman. In solchen Situationen bin ich erst verzweifelt und frage mich dann: Wo kann ich etwas ändern, und wo habe ich es mit gesellschaftlichen Gründen zu tun, auf die ich gar keinen direkten Einfluss habe?

Welche Gründe meinen Sie?

Das sind die kleinen Dinge wie beispielsweise der Betreuungsschlüssel in der Kita. Er ist in Sachsen viel schlechter als in den westlichen Bundesländern. Daraus folgt eine hohe Belastung für die Erzieherinnen wie für die Kinder. Und das merkt man den Kindern an. Und das sind große Dinge wie die vielen Rollen, die ich ausfüllen muss – Mutter, Partnerin, Freundin –, und dann auch noch Autorin in einem Literaturbetrieb, in dem mir der Zugang zu vielen Förderungen unmöglich ist und ich nur schwer auf Lesereisen gehen kann, weil ich eben Kinder habe. Das erhöht den Stress.

Ist der deutsche Literaturbetrieb familienfeindlich?

Es gibt durchaus Veranstalter, die den betreuenden Partner und die Kinder mit empfangen. Es gibt Stipendienhäuser, die Familien aufnehmen. Ich bin ganz beglückt und sehr dankbar, dass das Dresdner Stadtschreiberkonzept an meine Bedürfnisse angepasst wird. Aber unsere Arbeitswelt ist generell nicht familienfreundlich. Bei allen Entscheidungen werden Familien und Kinder zu wenig mitgedacht.

Es ist für viele schwierig, Familie und Beruf zu vereinbaren. Für Sie als Schriftstellerin heißt das, dass die Muse bitte küssen sollte, sobald die Kinder aus dem Haus sind. Tut sie das?

Angeblich stellt sich das Gehirn darauf ein, wenn man immer zur gleichen Zeit schreibt. Aber vielleicht behaupten das die Schreib-Ratgeber auch nur, um zu motivieren. Ich bin immer früh aufgestanden und hatte schon feste Arbeitszeiten, bevor die Kinder kamen. Jetzt habe ich ein kleines Büro in der Nähe gemietet. Es gibt ja beim Schreiben zwei Phasen. In der ersten bewegt man eine Idee hin und her, man schreibt einen ersten Entwurf, dafür braucht man Zeit und einen freien Kopf. In der zweiten Phase überarbeitet man das Material, streicht, ergänzt, das ist leichter zu organisieren. Früher habe ich viele Textprobleme gelöst, wenn ich mit dem Rad unterwegs war, beim Wandern oder Spazieren. Dann platzte beim Nachdenken plötzlich ein Knoten. Doch mit Kindern geht das nicht. Man wird ihnen nicht gerecht, wenn man gedanklich woanders ist. Kinder wollen Aufmerksamkeit und sollen sie auch bekommen.

Stimmt es, dass sich Kinder positiv aufs Schreiben auswirken, weil sie mehr Welt und mehr Unmittelbarkeit hereinbringen?

Für mich schon. Ich habe einen anderen Blick für die verschiedenen Generationen bekommen, sehe, wie sich etwas von einer zur anderen fortsetzt.

Verändert sich mit Kindern die Art des Schreibens, wird es fragmentarischer, kürzer, unbedingter, weil der knappen Zeit abgetrotzt?

Tatsächlich habe ich wieder mit Erzählungen angefangen, weil ich merke, dass mir für den nächsten Roman im Moment die Kraft fehlt. Mit Kindern gibt es einfach weniger Regelmäßigkeiten.

Wussten Sie das vorher?

Mir war nicht klar, wie viele Widerstände es geben würde. Das Problem sind nicht die Kinder. Das Problem ist die Gesellschaft. Im vorigen Jahr war ich mit einem Stipendium einen Monat lang weg, an der Ostsee. Als ich das den Kita-Erzieherinnen sagte, kam ich mir vor wie die schlechteste Mutter der Welt. Bei einem Vater hätten die meisten Verständnis, wenn er mal beruflich verreist, und wenn er sich regelmäßig in der Kita zeigt, dann klopfen ihm alle auf die Schulter.

Ihre Leipziger Kollegin Isabelle Lehn schreibt in einem Essay, dass Schriftstellerinnen mit Kindern dem Idealbild vom einsamen Dichtergenie widersprechen. Hat sie recht?

Die Vorstellung ist sicher noch weit verbreitet, dass Dichter am besten einsam und weltabgeschieden vor sich hinschreiben. Es gibt auch Autorinnen und Autoren meiner Generation, die den Elfenbeinturm verteidigen. Und die Literaturkritik war lange der Meinung, Themen wie Eltern- und Mutterschaft seien zu banal, zu intim, einfach nicht interessant. Zum Glück ändert sich das jetzt. Es erscheinen viele Sachbücher und Romane über das Vater- und Muttersein.

Warum sollte man nicht darüber schreiben?

Es ist eine universelle Erfahrung, ein höchst konfliktreicher Stoff.Die Frauen in Ihrem jüngsten Erzählband leben zumeist ohne Kinder in einem scheinbar normalen Alltag – und bewegen sich doch neben der Spur.

Warum?

In einem Song der Band „Ja, Panik“ heißt es: „Nicht du bist in der Krise, sondern die Form, die man dir aufzwingt.“ Das könnte für all diese Frauen gelten. Sie fühlen sich überlastet von zu viel Arbeit, von zu vielen Anforderungen und zu vielen Erwartungen, wie sie zu funktionieren hätten. Diese Tendenz beobachte ich schon länger: Widersprüche, die gesellschaftlich gelöst werden müssten, werden auf die individuelle Ebene geschoben und damit verschleiert. Dann fühlt man sich als Einzelner ungenügend oder gar schuldig, kapselt sich ein.

Soziologen meinen, wir hätten es mit einer neuen Einsamkeit zu tun. Schwinden die Bindungskräfte trotz digitaler Vernetzung oder gerade deshalb?

Wahrscheinlich beides, die digitale Vernetzung hat ja gute und schlechte Seiten. Dass sich beispielsweise durch Corona so viele Veranstaltungen ins Netz verlagert haben, hat die Barrieren für viele gesenkt. Aber natürlich gibt es auch Kehrseiten, und ich bin auch schon etwas nervös, wie es wird, wenn meine Kinder in die digitale Welt einsteigen. Sie werden sicher nicht stundenlang mit ihren Freunden telefonieren, wie ich das noch getan habe, sondern ganz andere Dinge machen.

  • Karin Großmann ist Mitglied der Stadtschreiber-Jury.
  • Buchtipp: „Mein weißer Fuchs“ von Katharina Bendixen, Poetenladen Leipzig, 112 Seiten, 18,80 Euro

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