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Freiheit als Geschenk

Belarus, DDR, Luther – was wir aus der Geschichte der Befreiungsbewegungen lernen können. Eine Betrachtung.

„Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ – Mit dieser lutherischen Haltung drängt es auch die Demonstranten in Belarus auf die Straße, obwohl sie mit Haft und Gewalt rechnen müssen.
„Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ – Mit dieser lutherischen Haltung drängt es auch die Demonstranten in Belarus auf die Straße, obwohl sie mit Haft und Gewalt rechnen müssen. © AP/dpa

Von Ulfrid Kleinert

Egal, an welchem Tag man eine Zeitung zur Hand nimmt, überall finden sich heute widersprüchliche Meldungen zur Sehnsucht nach Freiheit, zu ihrer Gefährdung, ihrem Gelingen und auch ihrem Misslingen. Zum Beispiel neulich in München: Eine Frau hält zwischen vielen Protestdemonstranten ein aus Holzbrettern zusammengenageltes Kreuz hoch, auf dessen Balken die Worte „Veranstaltungsfreiheit“, „Meinungsfreiheit“, „Freie Religionsausübung“ und einfach nur „Freiheit“ durchgestrichen sind. In derselben Zeitungsausgabe wird davon berichtet, dass die dem Feuerbrand ihres Lagers entkommenen Flüchtlinge auf Lesbos die ihnen zugewiesene Insel als Gefängnis empfinden und da rauswollen.

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In Belarus setzen sich von Woche zu Woche Zigtausende militärisch organisierter Gewalt aus, weil sie sich endlich freie Wahlen wünschen. Erstaunt sehen wir, wie geradezu heiter lächelnd, mit beiden Händen ein Herz formend, Frauen in einen Gefangenenwagen der Miliz gezwungen werden. Die Bilder erinnern an 1989/90, dessen 30. Jahrestag in diesen Wochen gefeiert wird. Auch damals begann alles mit Wahlbetrug.

Ein Meilenstein der Entwicklung

Eher still wird in diesen Tagen auch an ein weiter zurückliegendes Freiheitsereignis gedacht. Es ist jetzt ein halbes Jahrtausend her, prägt aber bis heute die Freiheitsgeschichte des Abendlands, besonders seiner guten Seiten. Zu ihnen gehören Zivilcourage, Verantwortungsfähigkeit der Wissenschaft, Unbestechlichkeit und gewissenhaftes Handeln. Im Herbst 1520 (das genaue Datum ist nicht mehr bekannt) hat ein 37-jähriger gelehrter Mönch aus Wittenberg einen wenige Seiten umfassenden Traktat in lateinischer Sprache an Papst Leo X. nach Rom geschickt und ihn in deutscher Sprache mithilfe der neu erfundenen Drucktechnik für alle Menschen in deutschen Landen verbreitet. Der Traktat wurde mit 17 Auflagen in vier Jahren zum Bestseller und führte zur Spaltung der Kirche, ein Meilenstein der Entwicklung von Gewissensfreiheit und Individualität weltweit. Die Schrift trägt den Titel „Von der Freiheit eines Christenmenschen“.

Sein Verfasser Martin Luther wurde vier Monate später vor den Reichstag nach Worms zitiert. Und dort in Acht und Bann getan, weil er nicht widerrief, was er geschrieben hatte – denn niemand konnte ihn „aus der Schrift“ widerlegen. Berühmt geworden sind die Worte, mit denen sein Auftritt in Worms geendet haben soll: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“

Freiheit kommt von innen

Luthers religiös begründete Freiheit ist uns heute zunächst fern, kann aber bei näherer Betrachtung sehr aktuell werden. So heißt es in diesen Tagen in einem Bericht über die Münchener Demonstranten, sie würden „die Seele für wichtiger halten als den Körper“, denn sie zögen die Freiheit in ihren verschiedenen Spielarten ihrer Gesundheit – freilich auch der Gesundheit anderer – vor. Tief beeindruckt nehmen wir auch wahr, dass den Demonstranten in Minsk ihre Würde wichtiger ist als ihre körperliche Unversehrtheit. In Dresden, Leipzig und andernorts riskierten 1989 viele Polizeigewahrsam und Gefängnis, als sie nicht vom Hauptbahnhof oder vom Stadtring wichen. Luther nennt das: Wenn der innere Mensch frei wird, dann ist der Mensch wirklich frei, weil das, was er an Unterdrückung von außen erfährt, ihn nicht im Kern bestimmt.

Für Luther war der Zwang, von dem er und seine Zeitgenossen sich freimachen mussten, eine Form der Selbstoptimierung durch Einhaltung vorgeschriebener strenger gesellschaftlicher und religiöser Erwartungen. Die Freiheit des inneren Menschen gewann er, indem er in seinem Studium altehrwürdiger biblischer Texte zur Erkenntnis gelangte, dass Freiheit nicht nur erworben, sondern immer auch gewährt wird – als ein manchmal unerwartetes Geschenk. Eine Haltung, die nicht nur von sich und anderen etwas fordert, sondern auch empfangen kann. Sie ist demütiger und dankbarer als der oftmals auch egoistisch-trotzige Anspruch, der sich gerade heute manchmal hinter dem allzu schrillen Ruf nach Freiheit verbirgt.

Wofür wollen Menschen frei sein?

Freiheit ist zu Luthers wie zu heutigen Zeiten nur dann ganz verstanden, wenn mit ihr nicht nur die Frage nach dem Frei-Wovon, sondern auch nach dem Frei-Wozu beantwortet ist. Wofür wollen Menschen frei sein? Luther gibt darauf eine klare Antwort. Sein ganzer Traktat entfaltet die beiden Seiten seiner in zwei Sätzen am Anfang stehenden paradoxen These: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Luthers Freiheit will dem anderen „dienen und nützlich sein“. Sie ist kein Besitz. Der tätige „äußere Mensch“ ist in Bewegung gesetzt, nimmt ohne Eigennutz den Nächsten wahr, er kann ihm „aus freier Liebe dienen, umsonst“.

Jedes der hier vorgestellten Freiheitskonzepte hat seine Grenzen und inneren Widersprüche. Die Demonstranten dieses Spätsommers müssen sich fragen lassen, wie sie verhindern, Steigbügelhalter von Rechtsextremisten, Verschwörungsspinnern und schwurbelnden kruden Esotherikern zu sein und sich von ihnen vereinnahmen zu lassen, statt sich zu distanzieren. Wie sie ihre Freiheit leben, ohne die Gesundheit anderer zu gefährden und ohne Nächstenliebe, die auch Fremden gilt, zu verraten. 1989 wurde der Ruf nach Freiheit schon nach wenigen Wochen übertönt von dem nach der vergänglichen D-Mark – und in diesem Zusammenhang von den Deutschen versäumt, ein gemeinsames Volk zu werden, in dem die guten Erfahrungen beider Staaten, die sich vereinten, zusammenkamen.

Liebe deinen Nächsten

Auch Luthers Konzept enthält gleich mehrere fragwürdige Implikationen. Er behauptet, dass für den, der „ohne Glauben“ an den ihm Leben und Freiheit schenkenden Gott lebe, „kein Werk zur Gerechtigkeit und Seligkeit dienlich“ sein könne – und er meint damit exklusiv den Glauben an die Befreiung durch Jesus Christus. Dabei wissen wir heute, dass geschenkte Freiheit nicht nur aus dieser Quelle entspringen kann.

Die aus der Freiheit geborene Liebe zum Nächsten spitzt Luther sogar so weit zu, dass sie zum Hass auf sich selbst fähig sein müsse. Wie die Juden seiner Zeit war Jesus Christus und waren Christen, die sich nach ihm nannten, da ganz anderer Meinung als Luther. Für sie galt viel humaner: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Das gilt heute wie damals zum Beispiel auch für die Wahrnehmung eines Flüchtlings, wenn dessen Not gesehen und er freundlich aufgenommen wird. Er kann gern mein Freund und Gefährte werden. Aber er soll nicht zu dem werden, der dauerhaft über mich bestimmt. Der barmherzige Samariter, von dem Jesus erzählt, wusste das genau: Als er die Not des anderen sah, griff er selbstvergessen helfend ein; später ließ er ihn vom Gastwirt versorgen und zog seiner Wege.

Und endlich ist Luther zu fragen, ob „innerer“ und „äußerer Mensch“, ob Seele und Leib tatsächlich strikt zu trennen sind. Ob der innere Mensch nur dem Glauben und der äußere nur der Liebe zuzuordnen ist. Zur Freiheit der Seele findet jedenfalls leichter, wer etwas von ihr auch leibhaftig spürt. Und das nicht nur durch gute Worte, sondern auch durch Gerechtigkeit gewährende soziale Verhaltensweisen und Verhältnisse.

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