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Frische Luft mit Franz Müntefering

Der SPD-Politiker Franz Müntefering wünscht sich in seiner Dresdner Rede „Frischluft für die Demokratie“ – und macht es gleich selbst vor.

Demokratie als Lebensform: Franz Müntefering bei seiner Dresdner Rede am Sonntag im Schauspielhaus.
Demokratie als Lebensform: Franz Müntefering bei seiner Dresdner Rede am Sonntag im Schauspielhaus. © Ronald Bonß

Dresden. Eine Armbanduhr trägt Franz Müntefering seit über 60 Jahren nicht mehr. Das habe er sich schon als junger Mann abgewöhnt, erzählt er am Ende seiner Dresdner Rede im Schauspielhaus. Das Publikum darf verblüfft sein: Exakt eine Stunde hat seine Rede gedauert. Pünktlich auf die Minute. Seine innere Uhr, sagt Müntefering, habe sich im Lauf der Jahrzehnte geschärft. Er kann sich auf sie verlassen.

So liefert der 81-jährige SPD-Politiker zum Schluss noch mal ein kleines, aber feines Beispiel für das große Thema, über das er gerade geredet hat: Vertrauen. „Frischluft für die Demokratie“, so der Titel seines Vortrags – und bei allem, was er darüber sagt, wird deutlich: Vertrauen ist der Sauerstoff für die Frischluft, die er meint. Wie sehr dieses Vertrauen schwindet, könne man etwa an den Koalitionsverträgen sehen. Die werden immer dicker und dicker. Als 1998 Rot-Grün an die Macht kam, einigten sich SPD und Grüne auf ein Papier von 40 Seiten. Müntefering wurde damals zunächst Verkehrsminister. Bei der Großen Koalition 2005 – da wurde er Vizekanzler – waren es schon 180 Seiten Koalitionsvertrag. Mit seiner Vorstellung von guter Politik hat das wenig zu tun: „Wenn man miteinander regiert“, sagt Müntefering, „muss das wie auf Handschlag sein.“ Versprochen ist versprochen. Sonst wird das nichts.

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Erstmals dürfen diesmal wieder echte Menschen im Theatersaal sitzen, „der Inzidenz zum Dank“, wie Staatsschauspiel-Intendant Joachim Klement zur Begrüßung sagt. Der Saal ist coronavoll, mit 140 Maskierten. Immerhin. „Wir müssen vorsichtig bleiben und dürfen nicht leichtfertig damit umgehen“, ermahnt Franz Müntefering die jüngsten Lockerungsübungen. Dem Publikum wird bald klar: Wenn der Gastredner über „Frischluft“ spricht, dann meint er damit keinen neumodischen Schnickschnack. Hier redet ein Urgestein von ganz alten Tugenden. Warum auch nicht? Die Frischluft, die frühmorgens bei geöffneten Fenstern ins Haus strömt, muss nicht neu erfunden werden.

Zu diesen ganz alten Tugenden zählt für Müntefering vor allem das Grundvertrauen, das alle zueinander haben müssen, damit die Demokratie funktioniert: „Die Parteien müssen sicher sein, dass die anderen das System nicht verändern, wenn sie an die Macht kommen.“ Streit über den richtigen Weg, ja. Aber die Spielregeln müssen gelten. Keine Selbstverständlichkeit, wenn in vielen Ländern Gerichte ausgetauscht und Wahlen manipuliert werden.

Alle Kanten weg

Für mehr Frischluft braucht es laut Müntefering vor allem die Parteien und das Parlament. Das klingt erst mal so, als ob einer mit Dieselmotoren die Automobilindustrie retten will. Aber auch, wenn Parteien bei vielen Bürgern nicht den allerbesten Ruf haben: Der frühere SPD-Vorsitzende erinnert daran, dass ohne sie diese Demokratie gar nicht funktionieren würde. Er selbst ist 1965 in die SPD eingetreten. „Die haben mal wieder eine Wahl verloren. Da habe ich gesagt: Ihr verliert dauernd, ich komme jetzt, ich mach’ jetzt mit.“ Seine Zuhörerinnen und Zuhörer sollten sich mal überlegen, ob es nicht doch eine Partei gibt, die für sie infrage kommt. Er selbst sei auch nicht immer zu 100 Prozent einverstanden gewesen mit dem, was seine SPD gemacht habe. „Aber keiner, der in eine Partei oder eine andere Organisation geht, gibt das Recht auf eine eigene Meinung ab.“

Den meisten Bedarf an Frischluft hat für ihn das Parlament. Hier beobachtet er seit einiger Zeit eine Scheu, die wirklich „schwierigen Themen“ zu diskutieren. Zum Beispiel wünscht er sich hier mal eine Grundsatzdebatte über das Thema: Welche Lebenschancen haben die Jugendlichen von heute? Oder: Woher kommt in Zukunft das Pflege- und Sozialpersonal? Der demografische Wandel sei zwar allgemein bekannt. Aber kaum jemand im Parlament traue sich, mal eine richtige Debatte über die Konsequenzen anzustoßen. „Es ist nicht gut, wenn man die Menschen betüddelt.“

Solche knackigen Müntefering-Sätze sind Legende. Dass es für gute Debatten gute Redner braucht, auch das wird einem bewusst, wenn man ihm zuhört. Seine kräftige Stimme, bierzelt- und parteitagserprobt, würde ohne Mikrofon locker den Saal durchdringen. Von seinem Manuskript, mit Schreibmaschine getippt und vielen handschriftlichen Ergänzungen versehen, liest er nur an wenigen Stellen ab. Die meiste Zeit redet er frei.

Klartext reden, das wünschen sich viele von den Politikern. Müntefering erinnert daran, dass das heute nicht mehr so einfach ist. Wenn ihn früher ein Journalist angerufen und nach seiner Meinung gefragt habe, dann habe er sagen können: „Morgen früh um zehn sag ich Ihnen, was ich meine.“ Das alte Wort aus dem Dorf – einmal drüber schlafen – sei nicht so falsch. Heute werden Meinungen in Echtzeit verlangt. Das führe dazu, dass Politiker immer weichgespülter reden, um bloß nichts Falsches zu sagen. „Alle Kanten weg.“ Diese immer rasantere Geschwindigkeit sei gefährlich für die Demokratie. „Das ist schlimm“, sagt Müntefering.

Helfen und helfen lassen

Demokratie sei auch eine „Lebensform“ für jeden Einzelnen. Da bringt er die Zahl der Älteren ins Spiel, die immer weiter wächst, sodass bald jeder vierte Deutsche im Rentenalter ist. „Wir haben Zeit“, sagt der Politiker im Ruhestand. Und die sollte man nutzen, um sich zu engagieren: Patenschaften für Kinder, Nachbarschaftshilfe, Unterstützung für Pflegeheime. Senioren sollten ihre Lebenserfahrung weitergeben an die Jüngeren. „Helfen und helfen lassen, darauf kommt es an.“

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Nach einer geschlagenen Stunde Rede vor leibhaftigem Publikum bleibt auch das als Erkenntnis: Demokratie braucht Begegnung. Der freundliche Schlussapplaus, die Zuhörerin, die sich bei Franz Müntefering persönlich bedankt – ja sogar der gute alte Blumenstrauß für den Gast, vom Intendanten persönlich überreicht: Das alles hat man vermisst. Müntefering spricht wohl vielen aus dem Herzen, wenn er zum Schluss seine Hoffnung formuliert, dass die Demokratie genauso wie das Theater nun wieder eine Blütezeit erleben möge.

Die Dresdner Reden werden in Kooperation von Staatsschauspiel Dresden und Sächsischer Zeitung veranstaltet. Am 13. Juni, 11 Uhr, ist die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann zu Gast.

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