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Dave Grohl: "Für meine Töchter bin ich Hausmeister"

Foo-Fighters-Boss Dave Grohl über die Pandemiepause, das neue Album und seine heimliche Liebe zu Kim Wilde.

Die US-amerikanische Rockband Foo Fighters mit Taylor Hawkins (l-r), Dave Grohl, Pat Smear, Nate Mendel, Rami Jaffee und Chris Shiflett
Die US-amerikanische Rockband Foo Fighters mit Taylor Hawkins (l-r), Dave Grohl, Pat Smear, Nate Mendel, Rami Jaffee und Chris Shiflett © Danny Clinch/Head of PR/dpa

Dave Grohl ist ein Rock-Gott, der ein Millionenpublikum begeistert – nur nicht seine eigenen Töchter. Für sie ist der 52-Jährige, der einst Drummer von Nirvana war und seit 1995 den von ihm gegründeten Foo Fighters als Frontmann vorsteht, eher der familieneigene Hausmeister. Ein Gespräch über Vaterfreuden, Rockikonen und das nagelneue Album „Medicine At Midnight“.

Herr Grohl, wie war 2020 für Sie?

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Ein Jahr zum Vergessen.

Weil Sie alle Aktivitäten zum 25. Dienstjubiläum der Foo Fighters absagen mussten?

Ganz genau. Wir haben vor etwa anderthalb Jahren angefangen, 2020 zu planen. Sprich: Wir wussten, dass wir ein neues Album angehen und auf Welttournee gehen würden. Doch im letzten März kam alles zum Stillstand, was im Grunde gar nicht schlecht war. Schließlich hatten wir seit zehn Jahren keine Pause mehr. Die letzten Monate waren das erste Mal, dass wir wieder längere Zeit zu Hause verbracht haben.

Haben Sie die Pause genutzt, um mit Ihren Töchtern The Grohls oder The Grohlettes zu starten?

Das wird leider nichts.

Wieso?

Ich habe eine Tochter, die unbedingt Musikerin werden will und mich für cool hält – und zwei, die mich behandeln, als wäre ich der verfluchte Hausmeister in der Familie. Von denen kommt nur: Lass das Dad machen, das ist sein Job.“ Aber Musik? Dafür interessieren sie sich nicht die Bohne.

Das klingt ziemlich deprimiert …

Na ja, ich habe sie von klein auf mit guter Musik konfrontiert, sie auf Konzerte mitgenommen und ermutigt, ein Instrument zu lernen. Aber richtig gefruchtet hat das nie. Sie interessieren sich mehr für Pferde, Klamotten und demnächst wohl auch für Jungs. Gott bewahre!

Was „Medicine At Midnight“ betrifft: Warum ein derart poppiges Album, vielleicht sogar das poppigste Ihrer gesamten Karriere?

Als ich anfing, über unser zehntes Album nachzudenken, stellte ich mir die Frage, was wir als Band bislang noch nicht gemacht hatten. Und das war so etwas wie ein Party-Album aufzunehmen. Insofern sagte ich mir: Statt uns mit einem verschlafenen Akustik-Album aufs Altenteil zurückzuziehen, lasst uns lieber etwas machen, zu dem die Leute richtig herumspringen können. Denn einige meiner Lieblingsalben aus den 80ern stammen von Rockbands, die tanzbare Songs gemacht haben. Etwa David Bowie mit „Lets Dance“ oder die Rolling Stones mit „Tattoo You“. Ich hatte das Gefühl, dass uns diese Tempi und Grooves sehr gut zu Gesicht stehen könnten. Womit ich nicht sagen will, dass die Foo Fighters ein Dance-Album gemacht hätten.

Nicht?

Nee, es ist immer noch Rock ’n’ Roll, aber es hat halt nicht immer dasselbe, sondern es verändert sich.

Wobei die aktuelle Single „No Son Of Mine“ eher an Lemmy Kilmister von Motörhead erinnert. Ist das Ihr „Ace Of Spades“?

Zumindest klingt es so. Und irgendwo, tief in mir, gibt es eine Sektion, die sich einzig und allein um Motörhead dreht. Sie ist einfach da – seit meinen Teenager-Tagen. Wenn ich mit so einem klotzigen Riff aufwarte, kommt es ganz klar aus dem Lemmy-Bereich. Ich wünschte, er könnte das hören. Dann würde er verstehen, wie sehr er mich beeinflusst hat.

Songs wie „Chasing Birds“ oder das Titelstück haben dagegen eine stark sexuelle Konnotation. Haben Sie keine Angst, dass Ihre Töchter unangenehme Fragen stellen könnten?

Ich bin der Meinung, dass du der Richtung folgen musst, in die dich ein Song führt. Wenn ich mir „Medicine At Midnight“ anhöre, sind da alle Elemente am Start, die dahin gehören. Insofern ist das okay, und was unangenehme Fragen betrifft: Ich war mal kurz davor, bei Gwar einzusteigen…

Sie meinen die Band, die live mit Kunstblut und Kunstsperma hantierte?

Genau die. In den 80ern waren sie die Könige der Punkrock-Szene. Und irgendwann haben sie einen neuen Schlagzeuger gesucht – das war kurz bevor ich bei Scream eingestiegen bin. Ich kannte Dewey, den Gitarristen. Er rief an und fragte, ob ich vorspielen wolle, es würde mir in Gwar bestimmt gefallen. Ich könne auch mein eigenes Kostüm entwerfen. Von daher habe ich das in Erwägung gezogen, mich aber dagegen entschieden. Aus der Überlegung heraus: Ist das die Band, in der mich meine Mutter und meine Schwester erleben sollten? Deshalb habe ich abgesagt – es wäre mir unangenehm gewesen. Und wenn du ein Album machst, sind da ebenfalls Momente, in denen du Entscheidungen treffen musst. Nach dem Motto: Ich schmachte diesen Song jetzt wie Frank Sinatra, egal, was die Leute darüber denken. Bislang haben meine Töchter keine Fragen gestellt – zum Glück. Wahrscheinlich würde ich sagen: Wendet euch an eure Mutter.

Aus dem Stegreif: Welche fünf Songs der Musikgeschichte hätten Sie gerne geschrieben – und warum?

Da gibt es einige. Etwa „Imagine“ von John Lennon, weil er so simpel und nachhaltig ist, geradezu zeitlos. Ich hätte aber auch gerne „Highway To Hell“ von AC/DC geschrieben, das der Wahnsinn ist. Und „Rock For Light“ von den Bad Brains – die Hymne meiner Jugend. Wofür ich alles geben würde, wäre aber, einen Song wie „Happy Birthday“ zu komponieren.

Weil das ähnlich lukrativ wäre, wie die Rechte am Namen Pizza zu besitzen?

Genau. Und ich wünschte, ich hätte „Kids In America“ von Kim Wilde geschrieben. Einfach, weil das ein fantastischer Song ist und ich hoffnungslos in sie verliebt war. Für mich ist das ein ikonenhafter Song der 80er-Jahre.

Wie geht es bei den Foo Fighters weiter? Sitzen Sie zunächst das Ende der Pandemie aus?

Wir werden in den nächsten Wochen viele kleine Aktionen starten, auf die bislang noch keiner gekommen ist. Von daher: Die Arenen und Festivals müssen warten. Ich denke auch nicht, dass sich da so schnell etwas ändern wird. Aber zumindest veröffentlichen wir neue Musik, unternehmen ein paar ausgefallene Sachen und bemühen uns, jeden Tag so positiv zu gestalten, wie eben möglich. Wir wollen die Rockmusik am Leben halten.

Klingt nach einer Mission.

Ist es auch – aber: Wenn mir zu Hause keiner zuhört, muss ich mir halt ein anderes Publikum suchen.

Das Interview führte Marcel Anders.

Das Album: Foo Fighters, Medicine at Midnight. Sony

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