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Mit Rollstuhl oder ohne

In Leipzig findet ein Festival für Tanz und Theater von und mit Menschen mit Behinderung statt. Zusehen sollen ausdrücklich alle.

"Every Body Electric" heißt dieses Tanzstück von Doris Uhl. Foto: Peter Empl
"Every Body Electric" heißt dieses Tanzstück von Doris Uhl. Foto: Peter Empl © Peter Empl

Schon mal an einem Butterbrotschmierwettbewerb teilgenommen? Am Donnerstag gibt es die Chance dazu – bei dem digitalen Theaterfestival "Turbo", das vom Leipziger Theater der Jungen Welt ausgerichtet wird. Das Wort Turbo ist in vielerlei Hinsicht bezeichnend für dieses Festival, das so ziemlich alle Gewohnheiten des Theaters aufsprengen will und einen fetten Sprint in Richtung Inklusion machen will.

"Turbo" nennt sich inklusives Festival für Kinder und Jugendtheater. Menschen mit Behinderung spielen in den gezeigten Stücken mit oder haben sie inszeniert. So tanzen Rollstuhlfahrerinnen, spielen Menschen mit Down Syndrom, machen Menschen mit diversen Behinderungen Musik. Die Stücke wurden gemacht für ein junges Publikum: Für Kinder und Jugendliche – aber ausdrücklich nicht nur für solche mit Behinderung! Gerade das "Ohne" ist Festivalkuratorin Leonie Graf wichtig.

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Inklusives Theater gibt es schon lange. Meistens allerdings war es Ergebnis von pädagogischen Werkstätten mit Behinderten. Das liefe dann so ab, sagt Kuratorin Graf: "Nicht-behinderte Regisseure machen ein Stück mit behinderten Darstellern, die in ihrem normalen Leben Papierkartons in einer Werkstatt zusammenfalten. Und oft geht es in dem Stück dann auch noch um Behinderung." In letzter Zeit aber entstünden immer mehr Inszenierungen, bei denen Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung ausdrücklich die Erschaffer des Werkes sind, so Graf. "Es sind eben nicht Behinderte, die ein künstlerisches Projekt machen – sondern es gibt Künstlerinnen und Künstler mit Behinderung." Dieses Verständnis beginne sich mehr und mehr durchzusetzen.

Wie werden Menschen mit Behinderung Künstlerinnen oder Künstler? "Da fängt es schon an", sagt Leonie Graf. Auf den staatlichen Schauspielschulen sei es kaum möglich, aufgenommen zu werden, wenn man den gängigen Normen nicht entspräche. "Es mangelt an künstlerischer Ausbildung für Menschen mit Behinderung." Oft bliebe nur der Quereinstieg – oder einige wenige private Schauspielschulen, die sich auch für Studierende mit Behinderung öffnen. Eine von ihnen ist Jana Zöll. Die kleinwüchsige Schauspielerin und Performerin hat in Ulm Schauspiel studiert und gehört zu den Stars der Szene. Sie zeigt bei dem Leipziger Festival ihre Inszenierung "Challenge accepted: Ich bin". Entstanden ist diese im Rahmen einer Residenz, die das Theater der Jungen Welt ausgeschrieben hatte. Erklärtes Ziel der recht frischen Intendantin Winnie Karnofka ist es, das Theater auf allen Ebenen inklusiver und diverser zu machen.

Obwohl endlich wieder Offline-Theater erlaubt ist, findet das Festival digital statt. Man hatte das einfach alles schon so geplant, außerdem sind auch Gruppen aus der Schweiz oder Österreich zu Gast, deren Anreise schwierig geworden wäre. Durch das Digitale ergäben sich aber auch völlig neue Möglichkeiten, sagt Leonie Graf. Gerade Menschen mit starken körperlichen Behinderungen könnten nun sehr viel leichter zur Kunst kommen. Leider ist der Zugang zur Kultur in Deutschland nämlich alles andere als barrierefrei. Allein die hohen Kartenpreise sind für viele Menschen, die für Taschengeldbeträge in Behinderteneinrichtungen arbeiten, schlicht unerschwinglich. Das digitale Festival ist nun so barrierearm wie möglich. Es gibt leichten Zugang zu allen Inszenierungen, ausführliche Anleitungen, Audio-Beschreibungen für Sehbehinderte oder Gebärdendolmetschung für Gehörlose. Werkstätten, Podiumsdiskussionen und ein digitales Festivalzentrum rahmen das Programm.

Der Festivalkuratorin ist wichtig zu betonen: "Es ist ein Festival für alle." Ausdrücklich alle jungen Menschen – ob mit oder ohne Behinderung – sind eingeladen, sich die Stücke anzusehen. Für sie gibt es Theater zu erleben, das die Grenzen sprengt. "Es sind sehr fortschrittliche künstlerische Arbeiten zu sehen, bei denen teilweise eine neue Form von Logik greift", so Leonie Graf. Manchmal gebe es nicht ausdrücklich Anfang, Mitte und Ende des Stücks, es werde experimentiert und improvisiert. Und: Das Publikum wird kreativ einbezogen. Stichwort: Butterbrotschmierwettbewerb.


Das Festival "Turbo" findet statt vom 3. bis 6. Juni auf den digitalen Plattformen des Theaters der Jungen Welt.

Karten können telefonisch oder per E-Mail gebucht werden: Montag - Freitag von 10 bis 15 Uhr unter 0341/486600 oder E-Mail: [email protected]

Erhältlich auch im Online-Shop des Theaters.

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