merken
PLUS Feuilleton

Gefangene berichten in einer Knastzeitung

Der Alltag von Insassen der Dresdner Justizvollzugsanstalt ist bitter, heiter, albtraumhaft.

Lange Gänge, viel zu viel Zeit Blick in die Dresdner Justizvollzugsanstalt.
Lange Gänge, viel zu viel Zeit Blick in die Dresdner Justizvollzugsanstalt. © Sebastian Schultz

An der Tür ist Schluss. Dahinter gelten andere Regeln. Sie haben nichts zu tun mit Selbstbestimmtheit und freiem Willen und höchst selten mit Wohlwollen. Wer dort auf acht Quadratmetern lebt, über 20 Stunden am Tag, wird verwaltet. Und wer deutsche Verwaltungen kennt, ahnt den Perfektionismus. Was bedeutet Knast für den Einzelnen? Wie kommt man zurecht mit der strengen Reglementierung der eigenen Persönlichkeit? Und was bedeutet Macht für Menschen auf der anderen Seite der Tür?

Antworten gibt ein neues Buch aus dem Radebeuler Notschriften Verlag. Es enthält Texte aus der Gefangenenzeitung „Der Riegel“. Sie erscheint alle drei Monate in der Justizvollzugsanstalt Dresden, der größten Einrichtung dieser Art in Sachsen. Jeder Inhaftierte kann sich als Redakteur bewerben. Einige Ehrenamtliche von draußen kommen hinzu. Diese Konstellation ist deutschlandweit einmalig. Die kleine Redaktion trifft sich alle zwei Wochen, um haftinterne Themen und Beiträge zu besprechen.

Gesundheit und Wellness
Gesundheit und Wellness auf sächsische.de
Gesundheit und Wellness auf sächsische.de

Immer gerne informiert? Nützliche Informationen und Wissenswertes rund um das Thema Gesundheit und Wellness haben wir in unserer Themenwelt zusammengefasst.

Nur eines im Überfluss – Zeit

Von Anfang an ist der Theologe Ulfrid Kleinert dabei, Vorsitzender des Anstaltsbeirats und des Fördervereins und Mitherausgeber des Buchs. Seit Eröffnung des Gefängnisses am Hammerweg im Jahr 2001 sind rund 80 „Riegel“ im A5-Format herausgekommen, sogar mit Anzeigen – Anwälte bieten ihre Dienste an. Die Zeitung liefert auf 40 Seiten Innenansichten, wie man sie sonst kaum findet. Wer will, kann das Projekt authentisch nennen. „In der Menschenvernichtungsanstalt JVA hat man nur eines im Überfluss – Zeit, die tickt und tickt“, schreibt ein Mann im jüngsten Heft.

Das Buch dokumentiert vor allem Alltagssorgen der Insassen. Einer beschwert sich über das eingeschränkte und überteuerte Angebot im Anstaltsladen. Ein anderer beschreibt die permanente Geräuschkulisse und den Lärm der „arabischen Nächte“. Wieder ein anderer klagt über den Mangel an medizinischem Personal und an Sozialarbeitern. Damit fehle es auch an normalen Gesprächsmöglichkeiten. Auf der Piste heiße es nur „haste mal, kannste mal und wo gibt`s Drogen?“. Die Piste bezeichnet im Jargon eine Station mit bis zu 15 Zellen, mit Dusche, Küche und Gemeinschaftsraum auf einem Flur.

In der JVA Dresden kümmern sich zwölf Sozialarbeiter um etwa 800 männliche Untersuchungs- und Strafgefangene. Das wichtigste Instrument auf beiden Seiten ist das VG51. Ein Formular. Ohne geht gar nichts, egal, ob ein Gefangener einen internen Arbeitsplatz beantragen will, die Verlegung auf eine andere Station oder die Zustellung einer Zeitschrift. Die Vollzugsbeamten sind nicht nur mit Anträgen und Beschwerden beschäftigt, sondern mit Wahrnehmungsbogen, Beurteilungsbogen, Zugangsbuch, Abgangsbuch, Frühbericht … Schätzungsweise 80 Prozent aller personellen und sonstigen Ressourcen einer JVA gehen für Verwaltung, Sicherung, Kontrolle und Disziplinierung der Insassen drauf – jedenfalls nicht für deren Resozialisierung.

Das aber ist das erklärte Ziel des Justizvollzugs. „Doch Theorie und Praxis gehen hier eigene Wege, und da der Gefangene keine Lobby hat, kann man ungestraft Gesetze brechen“, heißt es in einem „Riegel“-Text. Der Verfasser beschreibt eine paradoxe Situation: „Man sperrt mich ein, um mich auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten. Man nimmt mir alles, um mich zu lehren, mit Dingen verantwortungsbewusst umzugehen. Man reglementiert mich permanent, um mir zur Selbstständigkeit zu verhelfen. Man bricht mir das Rückgrat, um mir den Rücken zu stärken. Man bringt mir Misstrauen entgegen, damit ich lerne zu vertrauen.“

Zu solchen Sätzen passen Berichte von Entlassenen. Da wird die Angst vor der überfüllten Straßenbahn beschrieben, eine fatale Erfahrung nach Jahren der Isolation. Da geht es auch um die Angst vor einem Rückfall, wie ihn etwa die Hälfte aller Gefangenen erlebt. Da geht es nicht zuletzt um die Angst vor dem Spießrutenlauf im Dorf oder im Betrieb. „Geblieben ist der ständige Gedanke, es sei mir quasi auf die Stirn geschrieben, dass ich gesessen habe.“ Obwohl er seit acht Jahren unbescholten lebe, so der Verfasser, kehrten die Albträume wieder, „diese grundstürzende Zäsur einer Verhaftung“. Jedes Türklingeln versetze ihn in Panik. Über die Haftgründe erfährt man wenig, relativ wenig über Gewalterfahrung und Rangordnungskämpfe. Die Verfasser bleiben anonym. Die Beiträge im „Riegel“ sind mit Namenskürzeln gezeichnet. Manche Autoren geben ein lyrisches Talent zu erkennen, andere ein satirisches.

Die Vision einer Greta Thunberg, heißt es etwa, habe sich im Knast längst erfüllt: effiziente Wohnraumgestaltung mit zentral geregelter niedriger Temperatur, Verzicht auf Luxus, Komfort, Fernreisen und gefährlichen Sport, jahrelange Wiederverwendung von Pullovern, Jacken und Hosen. „Wir, der gesellschaftliche Auswurf, entwickeln uns zum mustergültigen Lebensmodell.“

Eine Yvonne wartet eher nicht

Die Auswahl der Texte aus zwanzig Jahren, die Einleitungen zu den sieben Kapiteln und das Vorwort von Sachsens Justizministerin Katja Meier folgen einem gemeinsamen Anliegen: Sie plädieren für eine humane Vollzugspraxis – für mehr Arbeits- und Lernangebote, mehr Suchttherapie, mehr psychosoziale Unterstützung und damit für eine bessere Vorbereitung auf das Leben danach. Wer meint, bei der Entlassung warte eine Fähnchen schwenkende Yvonne, hat zu viele Olsenbanden-Filme gesehen, schreibt ein Seelsorger im „Riegel“.

Mit 38 Plätzen im sogenannten Offenen Vollzug liegt die JVA Dresden hinter anderen Einrichtungen. Das gilt auch für Alternativen zur Haft. Für solche Lösungen engagiert sich der Mitherausgeber des Buches Ulfrid Kleinert seit Jahren. Nur 20 bis 30 Prozent der Gefangenen gehören wirklich hinter Schloss und Riegel, meint er, weil sie die Öffentlichkeit gefährden. Andere erwerben dort kriminelle Erfahrungen, die sie bisher nicht hatten. Das gilt zum Beispiel für jene, die eine Ersatzstrafe absitzen, weil sie eine Geldstrafe nicht zahlen können. Eine Alternative fordert Kleinert auch für alle, die nur ein Jahr im Gefängnis sitzen, das sind in Sachsen über 40 Prozent der Inhaftierten. Sein Nachdenken über Strafe, Schuld und ein stärkeres Engagement der Gesellschaft bereichert das Buch.

  • Ulfrid Kleinert/Lydia Hartwig: Ein deutsches Gefängnis im 21. Jahrhundert. Notschriften Verlag, 308 S., 12,90 Euro

Mehr zum Thema Feuilleton