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Gemalte Träume von Freiheit

Eine deutsch-russische Ausstellung zur Malerei der Romantik soll im April in Moskau starten. Berühmte Bilder aus Dresden sind dort dabei.

Anton Iwanowitsch Iwanow, genannt Goluboi (der Himmelblaue; wegen seiner Vorliebe für hellblaue Gehröcke) bannte 1845 „Die Insel Walaam bei Sonnenuntergang“ (Ausschnitt) auf die Leinwand.
Anton Iwanowitsch Iwanow, genannt Goluboi (der Himmelblaue; wegen seiner Vorliebe für hellblaue Gehröcke) bannte 1845 „Die Insel Walaam bei Sonnenuntergang“ (Ausschnitt) auf die Leinwand. © Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau

So viel Austausch war selten: Russische Künstler nahmen einen Umweg über Dresden, wenn sie nach Italien reisten. Sie setzten sich in die Gemäldegalerie, um Raffaels „Sixtinische Madonna“ zu kopieren. Sie besuchten Caspar David Friedrich in seinem Atelier. So auch der russische Dichter Wassili Andrejewitsch Schukowski. Er kaufte für sich und für den Zaren Arbeiten von Friedrich und machte den Maler in Moskau und St. Petersburg bekannt. Russische und deutsche Künstler trafen sich auch im gemeinsamen Sehnsuchtsland Italien, zeichneten zusammen – und träumten von Freiheit.

Flucht in Traumwelten

In ihren Werken konstruierten sie faszinierende Räume, zogen in die Natur hinaus und in die Ferne, versetzten sich aus der Enge ihrer Ateliers in Traumwelten hinein und brachten in ihren Werken verschlüsselt zum Ausdruck, was sie öffentlich nicht äußern durften. Es war die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Europa war nach der Französischen Revolution geprägt von Umbrüchen. Industrialisierung und wissenschaftliche Neuerungen veränderten das Leben der Menschen enorm.

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Nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation 1806 wurden Reformen zur Bildung, zur Gewerbefreiheit, zur Befreiung der Bauern, zur Städteordnung verabschiedet. Doch sie hielten nicht. Napoleon wurde 1815 bei Waterloo geschlagen, und der Wiener Kongress beschloss, in Europa die alte Ordnung wiederherzustellen. Bürgerrechte wurden massiv eingeschränkt, Träume von Freiheit zerschlugen sich.

1819/20 malte Caspar David Friedrich „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ in Öl auf Leinwand.
1819/20 malte Caspar David Friedrich „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ in Öl auf Leinwand. © SKD

An enge Beziehungen russischer und deutscher Maler im 19. Jahrhundert wollen die beiden großen Romantikersammlungen der Staatlichen Tretjakowgalerie in Moskau und des Dresdner Albertinums in einer gemeinsamen Ausstellung erinnern. „Träume von Freiheit“ heißt sie. In einer Zeit, in der ein Virus die Menschen zu Hause einsperrt, bekommt der Titel durchaus tieferen Sinn und das Gemeinschaftsprojekt eine politische Dimension.

Das Erwachen der Seele

„Den Freiheitsgedanken, das Aufbrechen und Ausbrechen aus einer starren politischen Situation, das Erwachen der Seele – all das sieht man in den Kunstwerken“, sagt Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Vor ein paar Jahren schon entwickelte sie auf einem internationalen Treffen von Museumsdirektoren in Indien gemeinsam mit Zelfira Tregulowa, der Direktorin der Tretjakow-Galerie, die Idee zu diesem Projekt. „In dem Gespräch wurde uns klar, dass viele Menschen gar nichts über die Epoche der Romantik im jeweils anderen Land wissen.“

Maxim Worobjow, Vom Blitz gespaltene Eiche (Unwetter), 1842 Öl auf Leinwand, 100,5 × 131 cm
Maxim Worobjow, Vom Blitz gespaltene Eiche (Unwetter), 1842 Öl auf Leinwand, 100,5 × 131 cm © SKD

Nicht nur Dresden, auch Moskau und St. Petersburg verfügen über bedeutende Sammlungen der Malerei der Romantik. Hierzulande bekannt sind die russischen Maler tatsächlich nur wenigen Kunstfreunden. Umgekehrt ist es ähnlich. Nur Caspar David Friedrich ist in beiden Ländern ein Star. Marion Ackermann sagt: „Man sieht in den Porträts jener Zeit, wie sie plötzlich lebendig werden, die Augen Glanz bekommen und die Individuen erkennbar sind.“Da Kunst und kultureller Austausch oft genug bewiesen haben, dass sie Türen öffnen können, wird das Projekt maßgeblich vom Auswärtigen Amt gefördert. Auch die Kulturstiftung der Länder und das Goethe-Institut signalisieren mit ihrer Unterstützung, wie wichtig der kulturelle Austausch mit Russland ist.

Bilder auf Reisen

Bereits im Oktober 2020 sollte die Ausstellung in Moskau eröffnet werden. Nun wird der 22. April als – inzwischen vierter – Eröffnungstermin genannt. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer will zur Eröffnung nach Moskau reisen, falls das Virus ihn lässt. In Moskau sind die Museen schon seit Wochen wieder geöffnet. Auch die Ausstellungsarchitektur für die „Träume von Freiheit“ sei aufgebaut, erzählt Holger Birkholz. Der Kunsthistoriker ist Konservator für die Malerei der Romantik im Albertinum und einer der Kuratoren des deutsch-russischen Projekts. Demnächst sollen die Gemälde aus Dresden auf die Reise geschickt werden. Manches Bild aus dem Albertinum würden die Besucher schon seit Monaten vermissen, wenn sie das Museum besuchen dürften.

Insgesamt 250 Gemälde sollen gezeigt werden – aus dem Albertinum, aus der Tretjakowgalerie und dazu Leihgaben aus weiteren deutschen und russischen Museen. Fünf Werke von Caspar David Friedrich verlassen das Albertinum, darunter mit „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ ein kleines, feines, ein Lieblingsbild der Kunstfreunde. Auf die Reise gehen auch jeweils fünf oder sechs Bilder von Carl Gustav Carus, Ernst Ferdinand Oehme und Ludwig Richter. Dessen „Überfahrt am Schreckenstein“ hängt schon seit Herbst nicht mehr im Albertinum. Das Gemälde von 1837 hat übrigens in Russland ein überraschend ähnliches, gewissermaßen ein „Bruderbild“. Anton Iwanow-Goluboi malte 1845 „Die Insel Walaam bei Sonnenuntergang“.

Carl Gustav Carus, Brandung bei Rügen, 1819 Öl auf Leinwand, 645 x 935 mm
Carl Gustav Carus, Brandung bei Rügen, 1819 Öl auf Leinwand, 645 x 935 mm © SKD

Auch wenn es gut und wichtig ist, dass Kunstwerke reisen in einer Zeit, in der die Menschen nicht reisen können, werden konservatorisch sensible Bilder und Hauptwerke der Galerie wie Friedrichs „Tetschener Altar“ und „Das Große Gehege“ ihren Platz nicht verlassen. Erstmals überhaupt gezeigt werden in der Sonderschau Selbstbildnisse von Romantikern aus Friedrichs Umfeld, von denen das Albertinum ein interessantes Konvolut besitzt. „Wir haben uns die Bilder, die wir auf Reisen schicken, genau angesehen und verantwortungsvoll geprüft, ob wir sie den Strapazen aussetzen können“, sagt Holger Birkholz.

Labyrinthe mit Durchblicken

Die Ausstellungsarchitektur in der Tretjakowgalerie ist aufgebaut. Birkholz schwärmt von der Arbeit des Stararchitekten Daniel Libeskind. Er habe einen Raum konstruiert, in dem der Besucher sich in der Weite der Landschaftsräume der deutschen Maler verliert und zugleich in die Enge der russischen Interieurs geführt werden soll. Ziel sei das Zentrum der Spirale, aber der Weg dahin sei verschachtelt und komplex. „Es sind zwei ineinander verwobene Labyrinthe, mit Durchblicken und Sackgassen, in denen auch die Achse Dresden – Moskau eine Rolle spielt“, erklärt Birkholz.

Libeskind habe keinen Moment gezögert, als Hilke Wagner, die Direktorin des Albertinums, um seine Mitarbeit bat. „Weil die Kunst der Romantik ihn fasziniert und weil die politische Brisanz ihn interessiert“, sagt Birkholz.Für die Schau in Dresden, wo sie im Salzgassenflügel des Albertinums zu sehen sein wird, stehen nicht so viele Quadratmeter Fläche zur Verfügung wie in der Tretjakowgalerie. Libeskind arbeite an einem veränderten Entwurf, so Birkholz.

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