merken
PLUS Feuilleton

Gespenstertheater im Soci

Im Dresdner Societaetstheater können auch im Lockdown richtige Zuschauer richtiges Schauspiel sehen. Das zeigt einmal mehr, was gerade wirklich fehlt.

Sehen Sie GEspenster? Foto: André Wirsig
Sehen Sie GEspenster? Foto: André Wirsig © André Wirsig

Rief er sie? Schuf er sie? Waren sie schon immer da? Das wissen letztlich die Geister selbst nicht so genau. Sicher ist aber: Ihre Beziehung zum Menschen ist speziell. Und bietet reichlich Stoff und Geschichten, wenn man, wie das Dresdner Societaetstheater, Menschen grüppchenweise unter die spukenden Wesen schickt.

Ja, Sie lesen richtig. Echte Menschen gucken sich in diesen Tagen in einem Theater Geschichten an. Das machen das Haus und die Berliner Company Post Theater von Max Schumacher mit einem aufwendigen Konzept möglich. Der Theaterhunger ist vielfach größer als die Scheu vor den Mühen. „Wie rechnet sich Kunst?“, teilte der Theaterleiter Heiki Ikkola im Vorfeld auf die Frage nach Aufwand und Nutzen halb empört mit. Die Fragen, welche die Geister in „Spookai“ stellen, wurden in unsere Zeit geholt: Eigentlich sehen sie ihren rechtmäßigen Platz in unserem täglichen Leben. Dort aber sind sie zwischenzeitlich abgelöst worden, monieren sie, durch unsere wissenschaftlichen Erklärungen für alles. Und das Wegwerfen alter Dinge, bevor sie ihr Eigenleben entfalten können.

City-Apotheken Dresden
365 Tage für Patienten da
365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Unsere Technik wird perfekter und scheinbar seelenloser. Glatt liegt das Smartphone mit seinen Routineupdates in der Hand. Aber halt! Hat es uns nicht umso mehr in der Gewalt – wovon herkömmliche Geister wohl nur träumen konnten? Wir Zuschauer, maximal vier pro Durchgang und aus einem Hausstand, sitzen und schauen Telefon, Rechenmaschine oder Globus beim Disput mit zwei Handys zu, die am Ende genauso ausrangiert wurden wie ihre analogen Ahnen. Und über ihre Macht über Menschen fantasieren. Die Lebendigkeit der Gegenstände erwächst neben dem launigen Text aus einer Videoprojektion, die wahrlich ein Hingucker ist, nicht nur an dieser Stelle. Die Videos, unter anderem von Co-Regisseurin Hiroko Tanahashi, sind ästhetisch herausragend, wie auch die Objekte im Raum und die Kostüme der stummen Führer aus dem Geisterreich. Als hätten die Künstler an langen, kontaktarmen Winterabenden viel Zeit gehabt, diese Formen zu perfektionieren.

#Die Vorbilder für Spookai stammen aus Japan. Es sind Yōkai, Dämonenwesen, die aus der Mode gekommen sind so wie der Geisterglaube überhaupt. Aber jetzt und hier arbeiten sie an ihrer Rückkehr in unser Bewusstsein. Sie sind in dieser Produktion selten böswillig, aber sehr lebenslustig und dabei beseelt vom sehr menschlichen Gedanken „Da muss doch noch was kommen“. Das ist oft überraschend und meist kurzweilig, schrammt bisweilen aber zu knapp am kulturwissenschaftlichen Vortrag vorbei.

Sei’s drum, wir saugen alles auf, was an Theater möglich ist. Wir bewegen uns durch den Parcours und spüren: Ja, das ist keine Ausstellung, das ist wirklich ein Schauspiel, das ist Magie – und es bleibt die Hoffnung, dass nicht andere böse Geister die Aufführungen wieder stoppen, die bis Mitte April im Spielplan stehen. Fast alle Karten sind vergriffen. Viele sind es nicht. Wenn alles klappt, können insgesamt 284 Zuschauer Spookai sehen. Das wäre im Staatsschauspiel ein nicht mal halb voller Saal. Egal, der leidenschaftliche Trotz, der aus dem Projekt des Socis spricht, verrät viel von dem, was uns fehlte ohne die Kunst – und diese Künstler.

SPOOKAI - Ein Spaziergang in die Welt der Geister, freie Slots ab 7. April: Mi-Fr: 18-21 Uhr, Sa-So: 15-21 Uhr. Beginn stündlich, pro Durchlauf nur ein Hausstand

Karten gibt es hier oder über dieTheaterkasse: [email protected]

ACHTUNG: Ab 7.4. benötigt jeder Gast einen tagesaktuellen, negativen Corona-Schnelltest, das Tragen von Nasen-Mund-Schutz bleibt während der gesamten Zeit dennoch Pflicht.

Mehr zum Thema Feuilleton