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Gitarren sind gefragt wie nie

2020 war das erste Jahr seit Langem, in dem die Normalwelt noch verrückter schien als die Musikwelt.

Ein Mann tanzt an der Gedenkstätte Strawberry Fields im Central Park zur Erinnerung an John Lennon, während Musiker Songs der Beatles spielen. Vor 40 Jahren wurde der Beatles-Musiker in New York erschossen.
Ein Mann tanzt an der Gedenkstätte Strawberry Fields im Central Park zur Erinnerung an John Lennon, während Musiker Songs der Beatles spielen. Vor 40 Jahren wurde der Beatles-Musiker in New York erschossen. © AP

Von Gunnar Leue

Die Sorgen, die Deutschland Anfang 2020 hatte, hätte es sicher gern auch Ende 2020 gehabt. Zum Beispiel, dass ein altes Trinklied, gesungen von einem Rundfunkkinderchor für Stimmung sorgt, weil es zum zweiten Mal umgedichtet wurde. Als aus der Oma, die einst im Hühnerstall Motorrad fuhr, von den Gören eine Umweltsau gemacht wurde, war der Skandal da: erst in der Twitterblase, dann in den WDR-Redaktionsräumen und dann auf der Straße. So ist das heute: Was der Rock ’n’ Roller nicht mehr schafft, dass schafft ein Kinderchor.

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Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Oder eine Horde Tenniszuschauer bei einem Grand-Slam-Turnier. Singen, grölen, den Gegner ausbuhen: Bei den Australian Open kam es zu Tumulten auf der Tribüne eines Außenplatzes, weil eine Griechin ihr Zweitrundenmatch gegen eine Japanerin gewonnen hatte und eine Gruppe von 15 bis 20 griechischen Fans so austickte, dass sie vom Sicherheitspersonal aus der Anlage verwiesen wurde. Ihr Vergehen: Gesänge, Gebrüll, Pfeifen, Klatscheinlagen, Freudentaumel around the clock. Praktisch wie bei einem Konzert oder einem Fußballspiel. Da dachten sich die australischen Tennis-Cops, so geht das natürlich nicht, und sorgten für eine Schutzmaßnahme, die bald auf der ganzen Welt für Konzerte und Fußballspiele gelten würde: Das Aussperren von Zuschauern bei Spiel, Sport und Unterhaltung.

Härter ist nur das komplette Konzertverbot. Das traf die nicht so Berühmten ebenso wie die Berühmten, es traf auch Genesis mit ihren Reunion-Gigs. Die wurden auf 2021 verschoben. Während das Konzertleben ab März coronabedingt arg herunterfuhr, fuhren die ganz spielwütigen Musiker ihre Kreativität hoch und dachten sich diverse Live-Auftrittsmöglichkeiten aus: Picknick-Konzerte, Autokonzerte, Balkon-Konzerte oder Fenster-Konzerte wie in Potsdam, wo sich ein Musiker selbst in seinem Atelier einsperrte und aus dem Fenster heraus spielte, sofern ihm Passanten Lebensmittelspenden ins Körbchen legten. Quasi eine Art Rapunzel-Pop.

In der Krise wird der Mensch erfinderisch, wie schon Oma Umweltsau sagte. So wurde 2020 das Jahr der Superideen. Eine kam von einem Fitnessstudio-Chef in Polen. Als sein Laden pandemiebedingt schließen musste, benannte er ihn einfach um in „Kirche der Sporttüchtigen“. Das hätten ihm vielleicht die Betreiber von Clubs und Konzerthallen nachmachen sollen und sich „Kirche der Popstar-Gläubigen“ nennen können.

Einer, der nicht auf Corona wartet, um mit tollen Ideen um die Ecke zu kommen, ist Elon Musk. Der Tesla-Boss tat mal fix seine Absicht kund, eine „Mega-Rave-Höhle“ unter seiner Gigafactory einzurichten, samt „einem epischen Soundsystem und Woofern von der Größe eines Autos“. Super Sache, beschieden ihm innerhalb von fünf Stunden 90 Prozent von 350.000 Twitter-Usern. Während im brandenburgischen Untergrund also vielleicht bald geravt wird, erhob im benachbarten Berlin ein Punk-Urgestein noch mal sein Haupt. Die Band ZSK widmete dem Charité-Virologen Christian Drosten den Fan-Song „Ich habe Besseres zu tun“. In dem wehrte die Zeichentrickfigur Drosten ganz allein die Coronaviren ab. ZSK behaupteten, die Unterstützeridee sei aus einer Bierlaune heraus entstanden.

Und was machte The American King of Great Ideas? Er machte Wahlkampf und zeigte sich bei den Big Shows vor seinen Fans solidarisch mit coronageplagten Musikern. Super-Donald dachte sich offenbar: Wenn die Bands nicht auftreten können, helfe ich ihnen wenigstens mit Tantiemen-Einnahmen, indem ich ihre Songs spiele. Die Rolling Stones, Neil Young, Bruce Springsteen, Phil Collins und die Erben von Tom Petty fanden das gar nicht cool und verwahrten sich gegen die unerwünschte Geldspende von Mister Fake News.

Apropos Tantiemen. Die können die Zeppeliner Page & Plant im Falle „Stairway to Heaven“ nun endgültig für sich eintüten. Ein US-Berufungsgericht bestätigte ihnen, dass ihre Heavy-Ballade kein Plagiat sei. Und noch eine gute Nachricht für alle Liebhaber der Stromgitarre: Das noch vor drei Jahren vom Feuilleton für mausetot erklärte Instrument erlebt ein Riesen-Comeback. Nicht bloß, dass AC/DC mit ihrem Album die Jahrescharts dominieren. Auch die Umsätze mit Gitarren gingen in den USA während der Corona-Epidemie durch die Decke. Anders übrigens als in Deutschland, wo es nur bis zum März-Lockdown super lief. Danach hatten die Hobbygitarristen vielleicht mehr mit Homeoffice oder sonst was zu tun, jedenfalls brachen die Umsätze ein. Oder sie kauften weniger neue Gitarren, weil sie erfuhren, dass es auch kaputtgegangene alte noch bringen. Schließlich haben die Herrschaften von The Who enthüllt, dass sie ihre auf der Bühne zerkloppten Gitarren wieder zusammengeklebt haben, wenn der Hals nicht gebrochen war.

Selige Zeiten, die 2020 endgültig begraben sind, auch charttechnisch. Die Amigos sind heuer mit ihrem Album „Tausend Träume“ direkt auf Platz eins der deutschen Top 100 gegangen und haben in der Gesamtstatistik mit ihrer zwölften Nummer eins die Beatles und die Toten Hosen hinter sich gelassen. Unfassbar! Andererseits, nichts ist so unglaublich wie der Lauf der Dinge in der Welt der Musik. Das erfuhren Anfang des Jahres auch die Ermittlungsbehörden in Japan, denen der unter Anklage stehende Managerpromi Carlos Ghosn abhandenkam. Der Ex-Boss des französisch-japanischen Autobündnisses Renault-Nissan-Mitsubishi befand sich gegen Kaution auf freiem Fuß und floh filmreif, also quasi Olsenbande-mäßig, außer Landes: in einer Kiste für Musikinstrumente! Zwei Amerikaner sollen ihm geholfen haben, auf diese Art zum Flughafen zu gelangen, wo ein Privatjet die zwei unkontrollierten Musikkoffer aufnahm und samt illegaler Fracht ausflog. Da hatten die Ganoven natürlich Glück, dass das Flugwesen wegen Corona noch nicht am Boden lag und die kreative Fluchtgeschichte gut über die Bühne gehen konnte. Seither liest man vom Musikwesen meist weniger lustige Meldungen. Freunde des skurrilen Humors dürften allerdings im Juli bei dieser Mitteilung aus dem Management einer irischen Indieband aufgehorcht haben: „Hallo, liebe Medienpartner, das Konzert von The Coronas ist aufgrund der behördlichen Bestimmungen auf 2021 verschoben.“

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