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Glanz und Elend

Im Dresdner Residenzschloss formt die Ausstellung „Bellum & Artes“ ein künstlerisches Bild des 30-jährigen Krieges.

Peter Paul Rubens malte die „Allegorie auf den Krieg“ (Ausschnitt) um 1628. Auch eine „Allegorie des Friedens“ entstand. Der „Krieg“ befindet sich in Wien, der „Frieden“ in der Gemäldegalerie in Dessau
Peter Paul Rubens malte die „Allegorie auf den Krieg“ (Ausschnitt) um 1628. Auch eine „Allegorie des Friedens“ entstand. Der „Krieg“ befindet sich in Wien, der „Frieden“ in der Gemäldegalerie in Dessau © Vaduz Vienna, Liechtenstein, The

Es begann mit dem Prager Fenstersturz: Wütende Protestanten stürmten 1618 in die Prager Burg und warfen zwei kaiserliche Statthalter aus dem Fenster, weil sie ihre Beschwerden nicht vortragen durften. Es ging um nichts weniger als die Glaubensfreiheit der protestantischen Adligen, die Ferdinand II., katholischer König von Böhmen seit 1617, Kaiser ab 1619, eingeschränkt hatte. Dieser Fenstersturz gilt als Beginn des 30-jährigen Krieges, des grausamsten und gewalttätigsten Krieges in der Geschichte Europas, der schon allein durch seine Dauer unendliches Leid mit sich brachte. Ganz Europa war involviert, und es war nach dem Krieg nicht mehr dasselbe. Städte wie Bautzen oder Magdeburg wurden in Schutt und Asche gelegt, Mantua und Mainz geplündert. Menschen starben, mancherorts verloren zwei Drittel der Einwohner ihr Leben. Wer fliehen konnte, packte seine Siebensachen und setzte sich in Bewegung.

Dieses düstere Kapitel haben die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden nun zum Gegenstand einer kunsthistorischen Ausstellung gemacht: „Bellum & Artes“, Krieg und Kunst. Die Schau ist in der Fürstengalerie, im Sponselraum des Neuen Grünen Gewölbes und im Studiolo des Dresdner Schlosses zu sehen. Und da Dresden im 30-jährigen Krieg nicht geplündert wurde, verfügen die SKD über reiche Bestände an Kunst aus jenen Jahren. An den entsprechenden Objekten wird in den Dauerausstellungen auf „Bellum & Artes“ verwiesen. Zum Beispiel an der fantastischen Elfenbeinfregatte von Jacob Zeller oder am Prunkkleid von Johann Georg I. von Sachsen. Dirk Syndram lädt deshalb zu einer Expedition durch das Schloss ein. Auf der kann man Entdecker- und Bildungslust zugleich befriedigen. Denn auch in der letzten großen Sonderausstellung, die der Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer vor seinem Ruhestand gemeinsam mit seinem Kuratorenteam entwickelt hat, verbindet er große Geschichte mit hoher Kunst.

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Doch zuallererst haben Historiker und Kunstwissenschaftler eine Expedition in die Tiefen der Dresdner Sammlungen und auf die Schlachtfelder des 30-jährigen Krieges in Mittel- und Osteuropa gemacht. Sie holten sich elf andere Museen und Wissenschaftsinstitutionen an die Seite wie das Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europas, die Prager Nationalgalerie oder die Esterhazy Privatstiftung Burg Forchtenstein im österreichischen Burgenland.

Die Familie Esterhazy hat über Generationen bewahrt, was Vorfahren hinterließen – auch originale Waffen, die im 30-jährigen Krieg verwendet wurden. Das Bemerkenswerteste daran scheint zu sein, dass sie überhaupt noch erhalten sind. Mit dem Kriegsgerät wird der Auftakt der Ausstellung zum Kriegsschauplatz und mit Harnischen und Hellebarden, Pechkränzen und Pistolen, Kanonenkugeln und Granaten auch zu ihrem martialischsten Teil. Die Wirkung verstärkt ein wandfüllender Spiegel, vor dem der Dresdner Künstler Till Ansgar Baumhauer drei „Hinterbliebene“ installierte. Es sind Keramikfiguren, die in ihrer Form an Urnen erinnern, aber Gesichter tragen. Über allem sind die Opferzahlen eingeblendet: 20.000 bis 30.000 1631 in Magdeburg. 6.000 bis 9.000 in Lützen 1632. 6.000 in Wittstock 1636.Bei all dem kann man die Medienstation an der Wand über dem Eingang zum Neuen Grünen Gewölbe leicht übersehen. Was von Nachteil wäre, wenn man nicht nur Kunst und Waffen gucken, sondern auch die Komplexität der Kriegsereignisse zwischen 1618 und 1648 verstehen will. Recht anschaulich wird gezeigt, wer wann gegen wen kämpfte, wer welche Bündnisse schloss und wie sich Europa veränderte.

Blick in die Waffenkammer des 30-jährigen Krieges. Die originalen Waffen stammen aus der Sammlung Esterhazy in Österreich.
Blick in die Waffenkammer des 30-jährigen Krieges. Die originalen Waffen stammen aus der Sammlung Esterhazy in Österreich. © 360-berlin

Mit dem Eintritt in die Fürstengalerie übernimmt die Kunst das Regiment. Aber auch hier geht es anfangs recht kriegerisch zu. Schlachten – dargestellt in Gemälden und Kupferstichen und, wen wundert‘s, meist aus der Sicht des Siegers. Künstler stellten sich in den Dienst der Herrschenden, aber sie zogen auch in den Krieg oder stellten sich in den Dienst des Friedens. Der berühmteste war der Maler Peter Paul Rubens. Tatsächlich hielten die Künstler aber auch das Elend fest, meist in Kupferstichen, und trugen so die Informationen über den Krieg weiter. Diese grausligen Bilder sind in einem Extra-Kabinett versammelt. In dessen Mitte liegt ein besonderes Buch: Der böhmische Steuereinnehmer und ehemalige Soldat Daniel Hubatka schrieb 1655 ein Gesuch an Kaiser Ferdinand III. und bat um Erlass seiner Steuerschulden. Er legte zwei kleine Zeichnungen bei, Selbstporträts von vorn und hinten. Sie zeigen all seine Schusswunden, die nicht heilen wollten.


Das Buch mit der Bittschrift des Steuereinnehmers Daniel Hubatka ie
Das Buch mit der Bittschrift des Steuereinnehmers Daniel Hubatka ie © 360-berlin

Um eine Tafel mit hochrangigen Kunstwerken sind Akteure des Krieges versammelt. Büsten und gemalte Porträts etwa von Sachsens Kurfürst Johann Georg I., vom Habsburger Kaiser Ferdinand II., König Gustav II. Adolf von Schweden, Kardinal Richelieu, Albrecht von Waldstein, besser bekannt als Wallenstein.

Die Kunst selbst war im Krieg immer auch Objekt der Begierde. Mantua wurde komplett geplündert. Die Schätze der Prager Kleinseite machten Schweden reich, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Ob Sachsen nun Gewinner oder Verlierer war, darauf geben Historiker und Kunsthistoriker unterschiedliche Antworten. Auch das zeigt diese Ausstellung.

„Bellum & Artes“ bis 4. Oktober im Residenzschloss Dresden. Es erscheinen zwei Kataloge zum Preis von 48 Euro (Museumsausgabe 29 Euro) und 15 Euro.

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