SZ + Feuilleton
Merken

Lessing-Förderpreis für Jasna Zajcek

Die Autorin und Nahost-Expertin Jasna Zajcek kam nach Sachsen, um Flüchtlingen Deutsch beizubringen. Ihr Buch darüber wurde nun ausgezeichnet.

Von Johanna Lemke
 8 Min.
Teilen
Folgen
Jasna Zajcek ist in Görlitz angekommen
Jasna Zajcek ist in Görlitz angekommen © J. Loesel, loesel-photographie.d

Diese Frau ist nicht zu stoppen. Wenn Jasna Zajcek ansetzt zu reden, wird sie nicht so bald damit aufhören. Und was sie erzählt, klingt wie eine Mischung aus Nahost-Thriller, Mediensatire und politischer Agenda. Ein bisschen Autobiografie mischt sich mit rein und der Sound einer Berlin-Novelle, am Ende dann noch ziemlich viel verliebte Sachsen-Romantik. Im Nu sind zwei Stunden vergangen und man fragt sich: Wie passt so viel Leben in paarundvierzig Jahre?„Ein klares Ja zum Unbequemen“ – so beschreibt Jana Zajcek ihre journalistische Arbeit in ihrer Rede anlässlich des Lessing-Förderpreises des Freistaats Sachsen, den sie kürzlich verliehen bekam. Das heißt: Sie ist zwar nun Trägerin des Preises, aber verliehen bekam sie ihn nicht. Pandemie eben. „So schade, diese besonderen Momente sind so selten im Leben“, sagt Jasna Zajcek am Telefon. Aber die Dinge sind, wie sie sind, immerhin ein Förderpreis, „für den ich 48 werden musste“.

Jasna Zajcek arbeitet als Projektmanagerin für eine Organisation, die den unmerkbaren Namen „Entwicklungsgesellschaft Niederschlesische Oberlausitz“ trägt, kurz: ENO. Hier ist sie dafür zuständig, den Strukturwandel in der Lausitz öffentlichkeitswirksam zu begleiten. Das ist nicht unbedingt der Job, auf den man kommt, wenn man sich ihren Lebenslauf ansieht. Zajcek, 1973 geboren in Westberlin, war Reporterin unter anderem in Syrien und im Libanon, sie ist Nahost- und Bundeswehrexpertin, arbeitete als Journalistin und schrieb zahlreiche Sachbücher. Sie spricht fließend Arabisch inklusive diverser Dialekte und engagierte sich seit 2015 mit einem selbst gegründeten Verein für die Integration neu nach Deutschland gekommener Syrer. Wie führt einen diese Biografie in die Oberlausitz?

Die Antwort könnte in einen kurzen Satz passen: Es gefiel ihr. Doch Jasna wäre nicht Zajcek, wenn die Antwort nicht auch eine Geschichte wäre, die unzählige Schlenker macht und die im Wohnzimmer ihrer Großeltern beginnt.In diesem Wohnzimmer in Detmold, so erzählt Zajcek, in diesem Wohnzimmer sah sie den Nahost-Experten Peter Scholl-Latour im Fernsehen. Sie folgte staunend seinen Berichten über politische Vorgänge in der arabischen Welt und war fasziniert von den Bildern: Männer mit Kalaschnikows, „Abenteuer unter Palmen“, so empfand sie es als Kind, und wollte herausfinden, warum das so war. Die Faszination blieb und führte sie schließlich irgendwann ins Studium der arabischen Hochsprache. Der erste Schritt in ein Leben, das selbst allzu oft wie ein Abenteuer unter Palmen klingt.

Vielleicht war es wirklich so etwas wie Abenteuerlust, dass Jasna Zajcek nach einer Karriere in der Werbebranche, als Tauchlehrerin und Reporterin über Bundeswehrthemen letztlich über Israel nach Syrien und in den Libanon fand. „Ich war die einzige freie Reporterin, die versuchte, da Fuß zu fassen.“ Das Arabisch half ihr dabei, aber vor allem ihre unfassbare Neugier, die sie eine so gute Kenntnis der islamischen Welt erlangen ließ, dass sie zu Beginn des Syrien-Krieges zur gefragten Expertin wurde. Doch 2011 wurde es selbst ihr zu gefährlich in Damaskus. Sie kehrte zurück nach Berlin. Dann kam 2015.

„Jasna, du kennst dich doch aus mit Syrern“

Als in jenem Sommer zahlreiche Menschen aus dem arabischen Raum nach Deutschland flohen, war Jasna Zajcek mit ihren Sprach- und Kulturkenntnissen eine wichtige Vermittlerin. „Traumatisierte Syrer waren überall in Berlin, wir gründeten einen Verein und halfen ihnen bei Amtsgängen, Anträgen oder einfach beim Bahnticketkaufen.“ Das klingt weniger aufregend als das Leben einer Kriegsreporterin. Aber so, wie sie aus dieser Zeit berichtet, nämlich fast beiläufig und kein bisschen wie Heldengeschichte, war genau das in ihrem Leben jetzt einfach an der Reihe: den Geflüchteten zu helfen.

„Jasna, du kennst dich doch aus mit Syrern“ – diesen Satz zitiert Zajcek gern, denn damit holte eine Freundin sie nach Sachsen. In der Nähe von Bautzen sollte sie 2015 den Zuwanderern Deutsch beibringen. Einen kurzen Moment überlegte sie, aber: „Ich brauchte eh ein neues Abenteuer“. Statt in den Nahen Osten ging es also nach Ostdeutschland. Der Unterricht fand statt in einem Heim, das früher ein Hotel gewesen war. Neun Jahre hatte es leer gestanden, weil der Brandschutz fehlte. „Plötzlich wurden darin Menschen aus Syrien, Sri Lanka, Pakistan, Rumänien und weiteren, fernen Ländern zu neunt in ein Zimmer gepfercht“, erzählt Zajcek. Sie berichtet von skurrilen Situationen, in denen zwei Rechtsrock hörende, nicht englischsprachige Sicherheitsmitarbeiter mit den alltäglichen Problemen der 190 Geflüchteten konfrontiert waren.

Von diesen fünf Monaten in Sachsen handelt Jasna Zajceks Buch „Kaltland“, für das sie nun mit dem Lessing-Förderpreis ausgezeichnet wurde und in dem sie laut Jury „einen schonungslos klaren Blick auf die Realität“ gewähre. Zajcek erzählt darin nicht nur von den zeitweise sinnlos scheinenden Versuchen, Analphabeten die deutsche Sprache nahezubringen. Von anderen, die als gut ausgebildete Fachkräfte kamen und durch bürokratische Hürden vom deutschen Arbeitsmarkt ferngehalten wurden. Von Geflüchteten, die einfach wieder aus dem Heim verschwanden, von der Skepsis vieler Sachsen vor den Fremden. Ihre Reporternase führte Jasna Zajcek damals regelmäßig zu Pegida nach Dresden, um zu verstehen, woher diese Wut in Sachsen kam, auch darum geht es in „Kaltland“. Und dann landete sie eben an diesem einen Tag in Görlitz, wo der Pegida-Ableger „Görgida“ sich treffen wollte. Sie wollte halt schauen, was sich da so tut, und vielleicht etwas schreiben darüber.

„Schon am Bahnhof umwaberte mich diese Atmosphäre aus Grandezza, Verschwendungssucht und Hochkultur“, berichtet Jasna Zajcek. „Ich lief die Berliner Straße herunter und wunderte mich, dass sich das AfD-Büro direkt neben der Halal-Fleischerei befindet. Ich witterte schon Storys. Daneben diese Prachtbauten, Architektur aus allen Epochen, und mittendrin steht dieser Dom ohne Not.“ Sie kam am Postplatz an, „und Achtung, jetzt wird es magisch: Es hat mich ereilt. Ja, ich glaube, das war Schicksal. Ich wusste sofort: Hier bist du Mensch, hier kannst du sein.“ Noch im Regionalzug zurück recherchierte Jasna Zajcek nach Stipendienprogrammen. „Ich wusste, Görlitz, das ist mein Ziel.“

Wie das bei Fügungen so ist, lief alles so, wie es sollte. Zajcek bekam ein Stipendium, dann eine Förderung, sie wurde zu Lesungen eingeladen und suchte sich eine Wohnung in Görlitz: Berliner Straße, Blick aufs besagte AfD-Büro und den Halal-Fleischer, „wo ich immer Stress erwartete, aber es kam kein Stress“. Sie schrieb an ihren Büchern und arbeitete als Journalistin, bis ihr Vater sie überredete, sich am Theater zu bewerben. Eine Weile leitete sie die Öffentlichkeitsarbeit des Gerhart-Hauptmann-Theaters, aber sie von einer Stelle las in der Firma, die die Werbekampagne für den Landkreis Görlitz kreierte, wandte sie dem Theater den Rücken zu. In „einem anderen Leben“, sagt sie, hatte sie schon mal in der Werbebranche gearbeitet, was lag also näher, „als den so lieb gewonnenen neuen Wohnort auch beruflich zu promoten/ nach vorne bringen zu wollen?“

Beim Strukturwandel helfen

Görlitz, so sagt sie, sei der erste Ort in ihrem Leben, an dem sie sich vorstellen kann zu bleiben. Na gut: außer Damaskus, da ging es Jasna Zajcek vor vielen Jahren auch einmal so. Aber irgendwie erinnert sie gerade in Görlitz so einiges an die syrische Hauptstadt: die Treppenhausfliesen mancher Häuser, die verschwenderische Architektur, der morbide Charme. Sie liebt die Nähe zu Prag, fährt eher nach Breslau als nach Dresden, und wenn es die Pandemie erlaubt, brettert sie am allerliebsten mit dem Auto durch Polen. „Da geht mein Herz auf, über diese Straßen in den Sonnenaufgang zu fahren.“ Ihr Name, Zajcek, ist Tschechisch. „Meine halbe Familie kommt ursprünglich hier aus der Ecke.“ Fügung? Vielleicht.

Die ENO, für die sie jetzt arbeitet, unterstützt Gemeinden und Bürger, die sich im Landkreis Görlitz einbringen wollen. Eine Entwicklungsgesellschaft des Landkreises also, der in den kommenden Jahren durch einen Wandel gehen wird. Jasna Zajcek, die vor Jahren nach Sachsen kam, um neuen Bürgern zu helfen, hilft jetzt der Region, in die sie sich so verliebt hat. „Ich habe Lust darauf, ein Teil dieser Riesenveränderung zu sein, die der Strukturwandel bringt“, sagt sie. Menschen dazu zu bringen, sich in diesen Prozess des Wandels einzubringen, das ist ihr Ziel. Sie will Leuten „Lust machen, ein aktiver Teil einer großen positiven Veränderung zu sein“.

Jasna Zajcek arbeitet jetzt in der Öffentlichkeitsarbeit, aber sie ist Reporterin im Herzen – und zwar eine von dem Schlag, die sich verkneift, auch nur ansatzweise zu kommentieren. Sie will mit ihren Texten beobachten und – in ganz alter Reportermanier – mithilfe von Beschreibungen aufklären. Doch wenn man heute mit ihr spricht, sechs Jahre nach ihrem Start in Sachsen, angekommen in Görlitz, zuständig für das Vorankommen dieser Region, heute denkt man schon: Jasna Zajcek schreibt vielleicht auch, um sich eine Welt selbst zu erschließen. Durch das Schreiben hat sie sich Sachsen angeeignet. Jetzt ist sie da. Und bleibt.