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Große Namen beim Lausitz-Festival

Das zweite Lausitz-Festival startet. Es setzt neue Akzente mit Film und Theater. Und ein Künstler wandert mit dem Publikum aus.

Nach ihren umjubelten Auftritten beim letztjährigen Festival kommt die Pianistin Martha Argerich dieses Mal mit der orgiastischen Ballettmusik „Das Frühlingsopfer“ in der Fassung für zwei Klaviere.
Nach ihren umjubelten Auftritten beim letztjährigen Festival kommt die Pianistin Martha Argerich dieses Mal mit der orgiastischen Ballettmusik „Das Frühlingsopfer“ in der Fassung für zwei Klaviere. © Adriano Heitman

Das ist doch mal eine Idee: Der polnische Pianist Piotr Anderszewski, Gast des am Mittwoch startenden Lausitz-Festivals, wandert quasi aus. Er will Präludien und Fugen aus Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ seinen Zuhörern zunächst im Kulturforum Görlitzer Synagoge präsentieren. Nach einem ersten Teil geht es mit den Zuhörern über die Brücke nach Zgorzelec in die St. Bonifatiuskirche, wo dann der zweite „wohltemperierte“ Teil ertönt.

Diese klangliche Reise mit dem hochgeschätzten Pianisten ist nur einer von vielen Höhepunkten, aber sie zeugt vom Grundgedanken dieses zum zweiten Mal stattfindenden Festivals: Künstler aus aller Welt treffen auf regionale Akteure im sächsisch-brandenburgisch-polnisch-tschechischen Grenzland, um Ost und West in eine neue Balance zu bringen. „Die Abkehr vom Braunkohleabbau zwingt zum Strukturwandel und lädt zu Wandlungsprozessen ein“, sagt Intendant Daniel Kühnel.

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„Das Lausitz-Festival steht für eine Region im Wandel, für das Verbindende, für Kreativität und Aufbruch“, sagt Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, der mit seinem brandenburgischen Kollege Schirmherr ist. Man strebe für das Festival eine internationale Relevanz an, wolle aber auch diejenigen aus Kunst und Kultur aus der Lausitz mitnehmen. Der Bund fördert die Festwochen mit vier Millionen Euro.

Iris Berben wird aus Alexander Granachs „Da geht ein Mensch“ lesen: wie ein jüdischer Bauernsohn zum expressionistischen Stummfilm- und Hollywood-Star wurde.
Iris Berben wird aus Alexander Granachs „Da geht ein Mensch“ lesen: wie ein jüdischer Bauernsohn zum expressionistischen Stummfilm- und Hollywood-Star wurde. © Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Nun, internationale Relevanz muss man sich durch langfristiges Wirken erarbeiten. Die Lausitz hatte schon genug Strohfeuer-Feste, von denen keiner mehr spricht. Was man freilich dem neuen Festival und seinem Team – das anfangs sehr abgehoben und ohne Bezug zur Region und ihren Menschen daherkam – zugestehen muss, ist, dass hier internationale Stars auftreten, wie derzeit bei kaum einem anderen

. Klassikgrößen wie die Opernsängerin Elina Garanca, der Geiger Gidon Kremer – unter anderem mit Piazzolla-Tangos – und die sich rar machende Ausnahmepianistin Martha Argerich kommen wieder. 20 Konzerte gibt es. Sechs Veranstaltungen bietet eine Liederabendreihe, die in diesem Volumen nur noch selten angeboten wird.

Theater in der Stasi-Gedenkstätte

„Trotz der großen Namen wie Kremer, Argerich und Garanca ist das Festival kein reines Klassik-Spektakel, sondern ein Mehrspartenfestival“, sagt Kühnel. 80 Veranstaltungen – gut 30 mehr als im Vorjahr – gibt es bis zum 18. September an 50 Orten. Drei große und drei kleinere Originalproduktionen – darunter Elfriede Jelineks „Rein Gold?“ mit Wotan als einem Bundespräsidenten, der einer entwerteten Gesellschaft vorsteht, die sich als Exportweltmeister geriert – steuert die Theatersparte bei. Von der Oper habe man bisher wegen der langen Vorläufe Abstand genommen. Aber eine kleinere Musiktheater-Produktion wird in der Bautzner Stasi-Gedenkstätte mit dem „Haus des Schweigens“ geboten.

Der Jazz ist mit sechs Abenden etwa mit dem Tingvall Trio und Posaunist Nils Wogram ebenso prominent vertreten wie die klassische Weltmusik. Geplant sind eine Literatur- und eine philosophische Gesprächsreihe, Ausstellungen und ein Filmschwerpunkt. Auftrittsorte sind neben zahlreichen Dorfkirchen im Kohle-Revier unter anderem Podien in Bad Muskau, Cottbus, Görlitz, Hoyerswerda, Lübbenau und Zittau. Zugleich spiegeln einige Angebote die Leistungsfähigkeit von kulturellen Einrichtungen der Lausitz wider.

Mehr Grenzübertritte als Ziel

Künftig will Kühnel mehr grenzüberschreitend aktiv werden. „So gehört beispielsweise die Friedenskirche Jawor definitiv als Ort zum Lausitz-Festival.“ Corona und die unterschiedliche Handhabung der Pandemie in den Ländern verhinderten dies bislang.

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Klingt gut, oder? Einzig spleenig ist das diesjährige Motto des Festivals mit der Wortschöpfung „Zwischensamkeit“. Damit habe er den Zustand zwischen den Dingen beleuchten wollen, so der Intendant. Man hätte auch Schwelle oder Übergang sagen können, aber beide Wörter erschienen zu richtungsweisend. „Wir suchten nach einem Begriff für einen Zustand. Man ist nicht mehr da, wo man herkommt, aber auch noch nicht da, wo man hin will, wenn man überhaupt weiß, wo man hin will. In diesem Zustand ist vieles möglich.“

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