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Guck mal!

Für alle, die das Fürchten lernen müssen: Die Schriftstellerin Heike Geißler zeigt im Schaufenster des Kunstvereins Dresden ein Märchen in Laufschrift.

Derzeit nur von außen zu sehen: die Arbeit von Heike Geißler im Dresdner Kusntverein.
Derzeit nur von außen zu sehen: die Arbeit von Heike Geißler im Dresdner Kusntverein. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Von Uwe Salzbrenner

Eine Frau winkt Passanten vom Bildschirm zu, aus dem Schaufenster des ansonsten geschlossenen Ausstellungsraums des Kunstvereins Dresden e.V. heraus. Das Winken ist noch vom Straßenrand aus gut zu sehen. Darf wohl heißen: Schaut her, es gibt sie noch, die Kunst! Oder verabschiedet sie sich soeben? Der Ausstellungstitel „Es war einmal/Good Bye“ weist womöglich auch darauf hin. Wichtiger ist jedoch der im anderen Bildschirm von unten nach oben laufende Text. Die Leipziger Schriftstellerin Heike Geißler hat ein Märchen verfasst, das von Schrecken der Gegenwart erzählt. Und von allen, die das Fürchten lernen müssen, weil eigentlich auch die Furcht gerecht verteilt werden sollte. Da gibt es den Mann, der für den Eintritt ins Märchen seine Daten verkauft, da ist das Mädchen, das vor seiner Machtlosigkeit erschrickt. Ein Dritter steht vor dem Supermarkt und fragt sich, ob auch alles mit rechten Dingen zugeht – und verpennt seine Arbeit. Geißlers Märchen entwickelt genregerecht ein Gespür dafür, wie man in Naivität versinkt oder sie Schritt für Schritt ablegt. Denn so eindeutig, wie der Märchenton verspricht, ist die Welt nicht eingerichtet. Das Gute gewinnt nicht automatisch, das Böse muss nicht scheitern. Und dann erscheint die Königin – oder sollte man besser sagen: eine Frau? – die in Kursen Ministerpräsidenten Haltung lehren will: „ … zu wissen, dass sie veredeln, was ihr Blick streift, was ihr Ohr empfängt, was ihre Hände berühren.“ Auch in Fragen der Wertschätzung, für manche schon ein Menschenrecht, gibt es die Richtigen und die Falschen.

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Erfahrung, Wissen und ein super Team. Bis zum heutigen Erfolg war es eine lange, lehrreiche Reise, die sich nun in verschiedenen Abteilungen widerspiegelt und seinen Kunden Einrichtungs- und Wohnträume verwirklicht.

Geißler, 1977 in Riesa geboren, hat mit großem Interesse Amerikanistik, Politik- und Literaturwissenschaften studiert, ohne eins der Fächer abzuschließen. Nach zwei Romanen und einem Kinderbuch überzeugt sie 2014 die Kritiker mit „Saisonarbeit“, einem Erfahrungsbericht von sechs Wochen Aushilfe bei Amazon. Darin geht es nicht allein ums Schuften im Akkord, sondern auch darum, was Arbeit oft mit sich bringt: Sie ist fremdbestimmt und macht kaputt.

Was für Schriftstellerinnen ungewöhnlich ist, ist für Heike Geißler jedoch selbstverständlich: Sie bewegt sich gern außerhalb literarischer Institutionen, arbeitet mit bildenden Künstlern zusammen; wie sie sagt, wegen des ausgeprägteren Spieltriebs. Sie liest oft in Galerien, zeigt dort Texte als Wandschriften. Zur Ausstellungsbegleitung markiert sie Textvorschläge in Büchern und schreibt Hörstücke, zum Beispiel für die Schau zu Experimentalfilmen Andy Warhols, die 2016 in der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig zu sehen war.

Bei Bedarf lässt sie Künstler erledigen, was sie selbst nicht so gut kann. Für „Es war einmal/Good Bye“ hat die Schauspielerin Charlotte Puder höchst wertschätzend gewinkt, Geißlers Mann, der Fotograf Adrian Sauer, hat die Videos erstellt. Hinter den Bildschirmen sieht man leere Pappschilder. Die wirken wie von ahnungslosen Demonstranten.

Heike Geißler, „Es war einmal/Good Bye“ bis 19. Februar, Kunstverein Dresden, Neustädter Markt 8

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