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Des Königs Schnitzel

Eine Nachfahrin des Ministers Heinrich von Brühl gibt Einblicke in die Geschichte ihrer Familie. Lesen Sie ab heute Auszüge aus ihrem neuen Buch.

Edzard Haußmann spielt den Grafen von Brühl Ezard Haußmann als
Heinrich von Brühl im DDR-Mehrteiler „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“.
Edzard Haußmann spielt den Grafen von Brühl Ezard Haußmann als Heinrich von Brühl im DDR-Mehrteiler „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“. © Deutsches Rundfunkarchiv/DEFA/Heinz Pufahl

Von Christine von Brühl

Heinrichs Karriere war keineswegs so steil, wie es von außen den Anschein haben mochte. Vierzehn Jahre gehörte er zu Augusts II. engstem Gefolge. Erst ein gutes Jahr vor dem Tod des Königs beförderte ihn dieser auf einen Posten, der ihn zu einem Mitglied der Regierung machte mit allen Möglichkeiten rechtmäßiger Einflussnahme. Trotzdem prägte sich der Eindruck eines kometenhaften Aufstiegs ein, den sich auch seine direkten Nachkommen, meine Familie, kaum erklären konnte. Vielmehr kursierte eine beliebte Legende, die mein Vater meiner Mutter, kaum dass sie sich kennengelernt hatten, erzählte.

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Ein Schnitzel, das August II. bei einem feierlichen Abendessen serviert wurde, rutschte vom Teller, und während alle zu Boden gingen, um danach zu fahnden, sei Heinrich blitzschnell in die Küche geeilt, habe eine neue Portion geholt und sie dem König kurzerhand vor die Nase gesetzt. August II. sei darüber derart begeistert gewesen, dass er ihn sofort zu seinem Leibpagen, bald darauf zum Kammerdiener und schließlich zum Premierminister gekürt habe.

Bei Europas glanzvollster Hochzeit in Dresden 1719 erlebt Heinrich von Brühl als Silberpage seine Feuertaufe.
Bei Europas glanzvollster Hochzeit in Dresden 1719 erlebt Heinrich von Brühl als Silberpage seine Feuertaufe. © akg-images

Am 16. April 1719 trat Heinrich von Brühl seine Anstellung in Dresden an. Gemeinsam mit 15 weiteren Silberpagen übernahm er die Verantwortung für die kurfürstliche Tafel, sein Jahreseinkommen betrug 250 Taler. Der Führungsstil Augusts II., seine Macht- und Prachtentfaltung übertrafen alles, was Heinrich bislang erlebt hatte. Zu allem Überfluss geriet er mitten in die Vorbereitungen zur Hochzeit des kurfürstlichen Thronfolgers. August II. hatte beschlossen, ihn mit Maria Josepha von Österreich zu verheiraten, ihr Vater, der Kaiser, hatte eingewilligt, und der sächsische Hof plante Festlichkeiten, die sowohl die anderen Kurfürsten als auch europäische Königreiche wie Russland oder Frankreich davon überzeugen sollten, dass sein Haus Wettin durchaus in der Lage war, selbst einen Kaiser zu stellen. Vier Wochen lang wurde gefeiert, 28 Tage mit Aufmärschen, Paraden, Theater- und Opernaufführungen gefüllt, mit Feuerwerk, Jagden und Bällen, gar nicht zu reden von den zahlreichen Konzerten und Banketten, die die Festlichkeiten begleiteten. Vier Millionen Taler ließ sich der Kurfürst das Spektakel kosten.

Vor allem Personnage war bei derlei Festlichkeiten vonnöten. Angestellte anderer sächsischer Höfe waren aufgefordert, sich zu beteiligen, entsprechende Gewänder zu tragen und die Rollen auszufüllen, die ihnen zugedacht waren. Auch Heinrichs Familie war in diesen Festtagen am Dresdner Hof im Einsatz. Sein Vater, Hofmarschall Hans Moritz von Brühl, trat bei der „Wirtschaft der Nationen“ als Afrikaner auf, Heinrichs Schwester Johanne Eleonore als Chinesin. Sie trug bei dem Fest einen Preis davon, einen grün und silbern geflochtenen Beutel aus grüner Seide. Ebenso waren Vater und Tochter beim Venusfest engagiert, dem eindeutig prächtigsten Ereignis der Galareihe.

Hinter Heinrich von Brühls Verhalten ist keine Strategie zu entdecken, eher die Begabung, über einen langen Zeitraum hinweg keine Fehler zu machen.
Hinter Heinrich von Brühls Verhalten ist keine Strategie zu entdecken, eher die Begabung, über einen langen Zeitraum hinweg keine Fehler zu machen. © akg-images

Nach Abschluss der Feierlichkeiten zog sich August II. mit seinem Hof nach Moritzburg zurück. Hier in seinem barocken Jagdschloss, elegant gelegen inmitten einer unberührten Wald- und Seenlandschaft, suchte er Erholung. Heinrich begleitete ihn. Am 15. November 1719 ging es für ihn weiter nach Polen. Ein ganzes Jahr verbrachte er mit sieben weiteren Silberpagen am königlichen Hof in Warschau. Seine Aufenthalte an der Weichsel nutzte er, um die Landessprache zu lernen, und war mit den dortigen Gepflogenheiten bald ähnlich gut vertraut wie in Sachsen. 1720, so ist den Rechnungsbüchern des sächsischen Hofs zu entnehmen, erhielt er wie die anderen eine Gehaltszulage von vier Talern und vier Groschen.

1725 rückte Heinrich in die Riege des ältesten Silberpagen auf. An Rang und Lohn hatte sich immer noch nichts verändert. Zwei weitere Jahre musste er seinen Dienst verrichten, bis er zum Leibpagen des Königs avancierte, einer Stellung, die er sich mit einem anderen Höfling, Carl Adolf von Carlowitz, teilte. Die Beförderung der beiden jungen Männer zu Kammerjunkern fand am 19. Mai 1727 in Leipzig statt, und ihre jährliche Besoldung stieg auf fünfhundert Taler. An ihrem Tagesablauf änderte das kaum etwas. Schon nach wenigen Wochen findet man sie wieder im Einsatz bei zwei Galadiners im Holländischen Palais. Sie bedienen den Kurfürsten und seine Gäste.

Weder Missgunst noch Neid

Keine stringente Strategie ist hinter Heinrichs Verhalten zu entdecken, kein kontinuierliches Machtstreben, eher die Begabung, über einen langen Zeitraum hinweg keine Fehler zu machen. Er beobachtete, wie sich der König verhielt, was ihm gefiel und wie er seinen Einfluss ausübte. Sämtliche Vorlieben und Gepflogenheiten seines Herrschers gingen ihm nach und nach in Fleisch und Blut über, unzählige Male würde er sie zu dessen Wohl repetieren und reproduzieren, kraft dieser Erfahrungen später eigene Entscheidungen fällen und dabei immer des Zuspruchs seines Dienstherrn sicher sein.

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Beobachten lässt sich in dem Zusammenhang, dass über all die Jahre, in denen Heinrich und seine drei Brüder an unterschiedlichen Höfen in und um Sachsen tätig waren, keinerlei Streitigkeiten zwischen ihnen herrschten, weder Missgunst noch Neid. Eher halfen sie sich gegenseitig und sorgten füreinander, hatten sie schließlich frühzeitig erfahren müssen, dass es nicht leicht war, eine Stellung mit regelmäßigen Bezügen zu erlangen. Heinrichs ältester Bruder Hans Moritz diente eine Zeit lang in Kursachsen und stieg zum General der Kavallerie auf, wurde dann aber Statthalter der Deutschordensballei Thüringen. Johann Adolph, der Zweitälteste in der Familie, avancierte mit den Jahren zum Stallmeister und Reisemarschall am Dresdner Hof, und Friedrich Wilhelm wurde später Steuereinnehmer des Landes.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch „Schwäne in Weiß und Gold“ von Christine von Brühl, Aufbau Verlag, 24 Euro. Es ist erhältlich auf www.ddv-lokal.de oder telefonisch bestellbar unter 0351 4864 1827.

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