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"Hitlers Elite?" in Dresden: Brauner ging's nicht

In Dresden entsorgt das Militärhistorische Museum der Bundeswehr den Übermenschen-Mythos der Fallschirmjäger. Das gefällt nicht allen.

Hitlers angebliche Elite am Ende: ein Fallschirmjäger nach seiner Gefangennahme 1945.
Hitlers angebliche Elite am Ende: ein Fallschirmjäger nach seiner Gefangennahme 1945. © Alpha Stock / Alarmy Stock

Tradition treibt mitunter seltsame Blüten, auch und gerade in Traditionsverbänden wie der Bundeswehr. Die jüngere Ereignisgeschichte rechtsextremistischer Vorfälle in ihren Reihen redet da Klartext, oft ähnlich deutlich wie jener Sinnspruch, der 2010 in einem Stützpunkt in Afghanistan hing: „Aus den Trümmern stand der Deutsche Fallschirmjäger auf und schlug Seite an Seite mit unseren Grenadieren die Angriffe unter fürchterlichen Verlusten für den Feind zurück.“ Möglicherweise war es den für diesen Aushang verantwortlichen Soldaten nicht klar, möglicherweise aber doch: Der Text stammt aus einem Bericht der „Wochenschau“ vom April 1944 über die zweite Schlacht am italienischen Monte Cassino. Er ist NS-Propaganda.

Cassino und die Eroberung Kretas 1941 sind die wichtigsten Bezugspunkte für den bis heute fortlebenden Mythos der deutschen Fallschirmjäger. Was davon übrig bleibt, sofern man die Hinterfragung wagt, zeigt nun „Hitlers Elitetruppe?“ im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr zu Dresden. Es ist die erste öffentlich zugängliche Schau nach dem Lockdown und eine Art Überbrückungs-Projekt; die Pläne für das Großvorhaben zum Kalten Krieg verzögern sich pandemiebedingt. Selten war eine derart „kleine“ Ausstellung so sprachmächtig und ähnlich radikal. Denn sie ergänzt die Historie der Fallschirmjäger nicht nur um einige neue Aspekte. Kurator Magnus Pahl und sein Team sammelten die wenigen verfügbaren, weit verstreuten und zudem teils bis vor Kurzem unter Verschluss gehaltenen Mosaiksteine ein. Das daraus zusammengefügte Bild korrigiert den Mythos nicht nur. Es entsorgt ihn.

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Die Fallschirmjäger der NS-Luftwaffe waren gut ausgerüstete und körperlich fitte Soldaten - und in hohem Maße nationalsozialistisch durchideologisiert.
Die Fallschirmjäger der NS-Luftwaffe waren gut ausgerüstete und körperlich fitte Soldaten - und in hohem Maße nationalsozialistisch durchideologisiert. © MHM Dresden

Nichts rechtfertigte den Mythos des "Übermenschen"

Wie lange Zeit die Wehrmacht insgesamt, so war auch die Fallschirmtruppe gehüllt ins weichzeichnende Bild des anständig gebliebenen, eher unpolitischen und von der NS-Führung missbrauchten Soldaten. „Das ist vollständig eine Legende“, sagt Kurator Pahl. „Die Fallschirmjäger waren und blieben stark nationalsozialistisch geprägt, eine ganz braune Truppe – brauner geht‘s kaum.“ Das war schon in ihrer Herkunft veranlagt, etwa in den „Führer“ und Luftwaffenchef Hermann Göring treu ergebenen Polizeieinheiten und in der SA. „Das hat sich ausgezahlt“, so Magnus Pahl. „Denn wenn ich dem Regime nah bin, belohnt mich das Regime dafür.“

Tatsächlich waren die Fallschirmjäger bis Kriegsende besser ausgerüstet, besser verpflegt und blieben ein Hätschelkind innerhalb des Eliteverbandes der Luftwaffe. In ihren tatsächlichen Leistungen als Kampfeinheit und Besatzungstruppe spiegelte sich das jedoch nicht wieder. So war Kretas Eroberung aus der Luft 1941 – die propagandistische Geburtsstunde des Mythos' – ein unzulässig vorbereitetes, teils dilettantisch durchgeführtes und entsprechend verlustreiches Unterfangen. Ein Drittel der 11.000 Fallschirmjäger kam ums Leben. Auch weil sie als Teil der Luftwaffe nicht geschult im planmäßig-strategischen Vorgehen von Infanterie-Einheiten waren. Bis zur Schlacht von Monte Cassino 1944 hatte sich das zwar geändert. „Inzwischen besaß die Fallschirmjägerdivision auch eine gute infanteristische Kampfkraft“, sagt Kurator Magnus Pahl. „Aber wesentlich stärker als bei Einheiten des Heeres war sie nicht. Für die propagandistische Steigerung des Bildes der Fallschirmjäger ins quasi Übermenschliche gab es, was deren tatsächliche Fähigkeiten anbelangte, faktisch keine Basis.“

Typisches Motiv der NS-Bildpropaganda: Ein Fallschirmspringer an der Kabinentür einer Ju 52.
Typisches Motiv der NS-Bildpropaganda: Ein Fallschirmspringer an der Kabinentür einer Ju 52. © MHM Dresden

Besonders viele Kriegsverbrechen durch Fallschirmjäger

Neben ihren Ausstattungs- und Verpflegungs-Vorteilen war die überhöhte Truppe in einem weiteren Bereich eine Ausnahmeerscheinung. „Nach allem, was wir wissen, ließen sich Fallschirmjäger deutlich häufiger zu Kriegsverbrechen hinreißen als andere Verbände der Wehrmacht“, bilanziert der Militärhistoriker Peter Lieb. Die nötige ideologische Festigung und Betreuung dürften sie gehabt haben, wie Worte des Fallschirmjägergenerals Bernhard Ramcke von 1944 nahelegen: „Der Amerikaner ist – einst wie heute – das Kampfinstrument der internationalen Judenclique, die (...), jetzt im Verein mit dem russischen Bolschewismus, die Welt unterjochen will.“

Mit diversen ehemaligen Angehörigen übernahm die Bundeswehr bei ihrer Gründung 1955 auch den Mythos der Fallschirmjäger ins Selbstverständnis der neuen Luftlandetruppen. Vor allem die Legende vom „unpolitischen Soldaten“ verfestigte sich nun erst recht und wurde nicht hinterfragt, nachgerade in Veteranenverbänden. Zusätzliche Unterstützung erfuhr der Mythos 1958 durch den Kriegsfilm "Die Grünen Teufel vom Monte Cassino" mit Publikumsliebling Joachim Fuchsberger als moralisch sauberer Fallschirmjäger-Offizier. Wohin das führen kann, illustriert ein Ereignis von 1997: Am „Kreta-Tag“ sangen junge Fallschirmjäger der Bundeswehr in ihrer Ausbildungsstätte das NS-propagandistische Horst-Wessel-Lied und zeigten vor einem Hitlerbild den Hitlergruß.

Auch der Spielfilm "Die Grünen Teufel von Monte Cassino" mit Publikumsliebling Joachim Fuchsberger (r.) von 1958 trug zum Weiterleben des Mythos von den heldenhaften Fallschirmjägern bei.
Auch der Spielfilm "Die Grünen Teufel von Monte Cassino" mit Publikumsliebling Joachim Fuchsberger (r.) von 1958 trug zum Weiterleben des Mythos von den heldenhaften Fallschirmjägern bei. ©  Screenshot Sächsische.de

"Ich halte die Ausstellung ... schlicht für indiskutabel“

Ganz verflüchtigt hat sich die wirkungsmächtige Aura der NS-Verherrlichung bis heute nicht. Das deutet der eingangs erwähnte Aushang von 2010 an. Das zeigt auf ihre eigene Weise auch vereinzelte Kritik aus den eigenen Reihen gegen die Ausstellung im Militärhistorischen Museum. So ruft der missgestimmte Vorsitzende einer Fallschirmjäger-Kameradschaft im Brigadegeneralsrang ebenfalls missgestimmte Kameraden dazu auf, „die Ausstellung zu besuchen und in geeigneter Form zu kommentieren“. Doch er vertraut darauf, dass die „ausgestellten Exponate auf die Besucher aus sich heraus‘ wirken, unabhängig davon, was auf irgendwelchen Tafeln dazu geschrieben wird“.

Ein nicht minder missgestimmter früherer Offiziersausbilder wandte sich direkt an Museumsdirektor Armin Wagner, der ihn zur Diskussion eingeladen hatte: „Ich möchte mich keiner volkspädagogischen Gesprächstherapie mehr unterziehen. Ich halte die Ausstellung ... schlicht für indiskutabel.“ Nicht zuletzt dass es noch Leute wie jenen Herrn gebe, so Wagner, spreche „für die Notwendigkeit dieser Ausstellung“.

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Gleichwohl scheinen solche ablehnenden Haltungen in der Bundeswehr nicht mehrheitsfähig zu sein. Für "Hitlers Elite?", die auch als Plakatschau konzipiert ist, liegen bislang 300 Anforderungswünsche für interne Ausstellungen vor.

„Hitlers Elitetruppe?“ im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr, Olbrichtplatz 2 (DD). Ab 7. Juni täglich außer mittwochs geöffnet von 10 bis 18 Uhr

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