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„Ich könnte schreien vor Glück“

Die zwölfjährige Helena Zengel ist für den Golden Globe nominiert. Sie erzählt, wie sie in Hollywood das Weinen gelernt hat und süchtig vom Beruf ist.

Die Jung-Schauspielerin Helena Zengel, die jetzt für einen Golden Globe nominiert worden ist.
Die Jung-Schauspielerin Helena Zengel, die jetzt für einen Golden Globe nominiert worden ist. © dpa

Die 12-jährige Berlinerin Helena Zengel war das Kreische-Kind in dem Kinofilm „Systemsprenger“. Sie erhielt für die Darstellung der verhaltensauffälligen neunjährigen Benni 2019 einen Silbernen Bären auf der Berlinale und 2020 den Deutschen Filmpreis als Beste Hauptdarstellerin. Jetzt legte der deutsche Jungstar an der Seite von Oscar-Preisträger Tom Hanks sein Hollywood-Debüt „Neues aus der Welt“ vor – und wurde in einer Reihe mit Jodie Foster, Glenn Close und Olivia Colman als beste Nebendarstellerin für einen Golden Globe nominiert, den wichtigsten Filmpreis nach dem Oscar. Die Preise werden diesen Sonntag vergeben. Zuvor ein Gespräch mit der Berlinerin über Anrufe aus Hollywood, Rumalbern mit Stars und wie schwer es ist, Emotionen zu verkaufen.

Helena, herzlichen Glückwunsch zur Golden Globe-Nominierung! Wie hast du den Tag der Nominierung erlebt?

Augusto
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Das war der schönste Tag meines Lebens! Ich war gerade Möhren kaufen für mein Pferd, meine Mama hat im Auto auf mich gewartet, und als ich zurückkam, hatte die PR-Agentur angerufen: „Du hast es geschafft, du bist für den Golden Globe nominiert!“ Im ersten Moment konnte ich gar nichts sagen, weil ich so gar nicht damit gerechnet hatte. Ich bin immer noch total überwältigt, irgendwie sprachlos und gleichzeitig könnte ich schreien vor Glück!

Du gibst mit erst zwölf Jahren dein Hollywood-Debüt – und das an der Seite von Superstar Tom Hanks. Wusstest du vorher, wer das ist?

Seinen Namen kannte ich. Aber mir war nicht klar, wie superberühmt er ist, weil er ja eher Filme für Erwachsene macht.

Welcher Film von ihm hat dich beeindruckt?

„Forrest Gump“! Ich habe alle Filme gemocht, die ich von Tom gesehen habe, aber „Forrest Gump“ habe ich so oft geschaut, dass er einer meiner Lieblingsfilme geworden ist. Der Film ist so gut, weil der Typ so schräg ist, so sonderbar, aber auch süß!

Tom Hanks als Captain Jefferson Kyle Kidd und Helena Zengel als Johanna Leonberger in einer Szene aus "Neues aus der Welt".
Tom Hanks als Captain Jefferson Kyle Kidd und Helena Zengel als Johanna Leonberger in einer Szene aus "Neues aus der Welt". © Netflix/Universal Pictures

Wie verlief dann deine erste Live-Begegnung mit Tom Hanks?

Am Anfang war ich noch ein bisschen nervös, weil alles so neu war. Und ich glaube, er auch. Zuerst habe ich auch noch nicht alles in Englisch verstanden. Später hat sich das gelegt, da war ich entspannter. Und wenn ich mal etwas nicht verstand, hat Tom es erklärt. Ab der Mitte der Dreharbeiten wurden wir Freunde und sind heute noch in Kontakt.

Was schätzt du an ihm?

Also Tom ist total lustig, er hat immer einen Witz drauf. Er ist sehr selbstbewusst, supernett und ein krasser Gentleman! Oh, und sportlich ist er auch! Wir sind viel rumgerannt und manchmal hat er mich Huckepack genommen.

Du spielst ein deutschstämmiges Mädchen, das bei Indianern aufwuchs und erst nach und nach der Hanks-Figur vertraut. Wie im echten Leben bei euch?

Nun, wir haben uns erst so zwei, drei Tage vor Drehstart kennengelernt. Das sollte so sein, weil wir uns zu Anfang der Filmstory auch nicht kennen. Das Fremdeln ist dann einfacher zu spielen.

Was hast du von Hanks gelernt – und was hast du ihm vielleicht beigebracht?

Ich habe von ihm viel gelernt. So hat er mir ein paar Tricks gezeigt, etwa wie man auf Kommando weinen kann. Er hat mir auch beigebracht, wie man Planwagen fährt. Dafür habe ich ihm bisschen das Reiten beigebracht. Und etwas Deutsch. Er lief dann rum: „Wo finde isch etwas zu essen? Ich suche Kaffee und Pflaumenkompott.“

Verrätst du uns, wie man „à la Hanks“ weint?

Wenn die Tränen nicht von alleine kommen wollen, dann ziehe ich den Gaumen runter, dadurch muss ich gähnen, aber das unterdrücke ich dann – und dann kommen die Tränen. Das baut sich richtig auf. Das ist ein technischer Trick.

Johanna Leonberger (Helena Zengel) und Captain Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks) in einer Szene des Films "Neues aus der Welt".
Johanna Leonberger (Helena Zengel) und Captain Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks) in einer Szene des Films "Neues aus der Welt". © Netflix/Universal Pictures

Wer half dir, die Sprache der Kiowa-Indianer so beeindruckend zu sprechen?

Das Kiowa habe ich vor allem von dem ältesten Mitglied der Kiowa, Dorothy, gelernt. Sie wird bald 90 Jahre alt. Sie brachte mir nicht nur die Sprache bei, sondern auch ihre Songs. In den drei Wochen vor Drehstart habe ich jeden Tag anderthalb Stunden gelernt.

Du hattest kaum Text und musstest das meiste über Mimik und Gestik transportieren. Wie schwierig war das?

Mit Text ist es schon leichter. Den lerne ich halt auswendig und brauche ihn dann nur richtig betonen. Wenn mir nur Mimik und Gestik bleiben, ist es schwerer, dem Zuschauer die Emotionen zu verkaufen. Aber das macht die Rolle auch interessant. Ehrlich gesagt mache ich beides ganz gerne.

Was ist dir von den Dreharbeiten besonders stark in Erinnerung geblieben?

Auf jeden Fall die tollen Menschen, die ich kennenlernen durfte, die Tiere und die Landschaft. Der erste und der letzte Drehtag waren schon sehr emotional. Spannend war der Dreh in der Western-Stadt, in den ganzen alten Häusern. Früher war das eine echte Stadt, die man heute gern als Kulisse für Western nutzt. Und dann gab’s natürlich noch Halloween!

Wie hast du dein erstes Halloween in den USA gefeiert?

Das ganze Set war geschmückt, sogar das Auto zum Drehort! Wir haben „Trick or Treat“ gespielt, sind zu den Wohnwagen gelaufen und haben Süßes oder Saures gesammelt. Wir waren natürlich verkleidet, hatten Kürbisgesichter geschnitzt und haben im Make-Up-Trailer die Musik aufgedreht und getanzt. Zu essen gab’s Cupcakes mit blutigem Zuckerguss und Würstchen, die wie abgebissene Finger aussahen. Und ich durfte das erste Mal vor der Kamera reiten! Das war echt der perfekte Tag!

Wie bist du überhaupt mal zur Schauspielerei gekommen?

Das alles hat angefangen, als ich ungefähr vier Jahre alt war. Ich konnte immer schon gut meine Gefühle zeigen und stand immer gerne im Mittelpunkt. Mein Selbstbewusstsein habe ich von meiner Mama. Sie ist so eine starke Frau. Von ihr habe ich gelernt, nicht schüchtern zu sein, sondern mich zu trauen, mich zu zeigen. Auf jeden Fall hat Mama eine Freundin, die eine Schauspielagentur leitet. Am Anfang spielte ich nur kleine Rollen, nur ein paar Tage lang, dann wurde das immer mehr. Ich habe aber nie wirklich gelernt, Schauspielerin zu sein. Das kommt einfach nur aus meiner Leidenschaft fürs Spielen.

Was machst du noch neben der Schauspielerei und der Schule?

Am liebsten bin ich mit Freunden im Stall oder nehme Reitunterricht. Generell bin ich gerne an der frischen Luft. Außerdem spiele ich Klavier, so auf dem Niveau von „Für Elise“, manchmal spiele ich dann auch was vor. Meine Mama hat bald Geburtstag, für sie werde ich ein kleines Konzert spielen. Ansonsten mache ich viel Sport, aber immer mal was anderes. Ich habe Leichtathletik gemacht, sechs Jahre lang Eiskunstlauf, und ich tanze viel. Meine neuste Entdeckung ist das Skateboardfahren. Sport und Bewegung machen mir unglaublich viel Spaß. Und Nähen, das ist auch noch eines meiner Hobbys!

Hat dein Tag etwa 72 Stunden?

Nee, auch nur 24. Aber ich unternehme gerne viel. Von Tom bekam ich zwei Bücher geschenkt, die er selbst geschrieben hat. Die will ich demnächst lesen. Das eine heißt „Schräge Typen“ und das andere handelt von ihm und seiner Karriere. Da freue ich mich drauf.

Wie fühltest du dich, als du mit „Systemsprenger“ auf der Berlinale so großen Erfolg hattest und später auch noch als jüngste Schauspielerin überhaupt mit der Lola geehrt wurdest?

Als ich den Filmpreis gewann oder auch in diesem Berlinale-Wahn war, fühlte ich mich wie in einer riesigen Luftblase voll Euphorie: Man ist die ganze Zeit glücklich, lernt viele neue Menschen kennen und schläft ganz wenig, weil man total aufgeregt ist. Das ist ein irres Gefühl, das auch ein bisschen süchtig macht, wie dieser Beruf überhaupt! Nervös bin ich nur, wenn ich eine Dankesrede halten muss. Ich will ja niemanden vergessen!

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