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"Ich will das Erbe der Herkuleskeule weitertragen"

Ein Gespräch mit dem Kabarettchef Philipp Schaller über die Grenzen der Satire, seine Heimat Dresden und den Konflikt zwischen Jung und Alt.

Philipp Schaller hatte in den anderthalb Jahren seiner Zeit als künstlerischer Leiter vor allem mit Corona und den daraus resultierenden Problemen zu tun. Seit Juni spielt die Keule endlich wieder vor Publikum.
Philipp Schaller hatte in den anderthalb Jahren seiner Zeit als künstlerischer Leiter vor allem mit Corona und den daraus resultierenden Problemen zu tun. Seit Juni spielt die Keule endlich wieder vor Publikum. © Matthias Rietschel

Es ging los mit dem Bierglaswurf. Kurz nach seinem Antritt als künstlerischer Leiter der Herkuleskeule schmiss ein Zuschauer bei einem Programm der Herkuleskeule ein Bierglas auf einen Kabarettisten. Aus der Szene kamen viele Solidaritätsbekundungen – und eine Debatte über Meinung, Streit und Satire entbrannte. Kurz danach begann Corona. Philipp Schaller, Sohn des langjährigen Keulen-Chefs Wolfgang Schaller, hatte mit neuen Problemen zu tun. Nun beginnt so etwas wie Normalbetrieb: Letzte Woche hatte Schallers neues Programm „Im Kühlschrank brennt noch Licht“ Premiere, die Keule spielt wieder im Kulturpalast und zusätzlich Open Air.

Herr Schaller, seit anderthalb Jahren leiten Sie die Herkuleskeule: ein Kabarett mit einem jahrzehntelang gewachsenen Namen. Wie gehen Sie damit um?

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Erst einmal sind der Ruf und der eigene Stil Dinge, die mir helfen. Die Keule ist etabliert, die Zuschauer kommen. Das ist toll. Doch die Seh- und Hörgewohnheiten verändern sich natürlich. Gemeinsam mit dem Ensemble schaue ich, wie ich diese beiden Pole zusammenbringen kann.

Sie haben Ihren Vater als künstlerischen Leiter abgelöst. Ich stelle es mir nicht leicht vor, das Erbe der eigenen Familie weiterzutragen.

Ich will vor allem das Erbe der Herkuleskeule weitertragen …

… das aber untrennbar mit Wolfgang Schaller verbunden ist.

Natürlich. Und ich komme auch nicht und sage: Jetzt wird alles anders. Kabarett muss für jede Zeit eigene Antworten suchen. Aber das Erbe meines Vaters macht mir natürlich Druck, gerade, weil es groß ist. Wenn ich versuche, dem zu entsprechen, kann ich nur scheitern. Darum versuche ich, in der Keule lebendiges, provokantes Kabarett stattfinden zu lassen – und genau das ist das Erbe meines Vaters.

Wie viel reden Sie beide über die Keule?

Mein Vater ist sowohl Autor als auch Gesellschafter des Hauses. Insofern waren wir gerade in der Corona-Krise viel im Austausch über das Haus und die Zukunft. Wir sprechen aber viel über Politik. Da bewegen uns ähnliche Themen. Die aber auf der Bühne unterschiedlichen Ausdruck finden.

"Ich lerne auch, zu sagen: Danke, ich mache das anders"

Haben Sie damals eigentlich lange überlegt, ob Sie die künstlerische Leitung der Keule übernehmen möchten?

Ja, habe ich. Das hatte aber weniger mit meinem Vater zu tun und mehr mit meiner persönlichen Situation. Ich habe mein Leben lang als Kabarettist frei gearbeitet. Jetzt noch mal die Verantwortung für ein Ensemble und für 20 Festangestellte zu übernehmen, das hat mich beschäftigt.

Was lernen Sie von Ihrem Vater?

Eine gewisse Unbeirrbarkeit auf der Bühne. Als Kabarettist stellt man sich oft die Frage: Kann ich dieses oder jenes wirklich sagen? Mein Vater antwortet stets: Ja, kann ich. Das finde ich gut, das lerne ich von ihm.

Ist er ein Mentor für Sie?

Es ist eher ein kollegialer Austausch. Er zeigt mir seine Texte und ich ihm meine. Darüber tauschen wir uns viel aus. Man kennt die Sorgen und Ängste des anderen beim Schreiben. Er hat mein Vertrauen, ich habe seins. Das ist ein großes Glück.

Wolfgang Schaller hat mehrere Jahre lang angekündigt, die künstlerische Leitung der Keule abzugeben, um immer noch ein Jahr dranzuhängen. Von außen betrachtet, war der Eindruck: Er konnte nicht loslassen. War das so?

Wenn jemand so lange ein Haus erfolgreich prägt, dann ist das schwierig, das ist doch klar und auch menschlich. Im Gegenzug musste ich aber auch lernen, selbstbewusster zu sagen: Danke für den Hinweis, ich mache es aber anders.

Es war damals ein kluger Schachzug: Ein junger Kabarettist, der aber den berühmten Namen seines Vorgängers trägt und somit automatisch anerkannt beim Publikum ist, wird Chef der Keule.

Erfolg wird auf der Bühne entschieden, automatisch läuft da gar nichts. Zum einen habe ich viele Jahre schon mitgeschrieben, zum anderen muss ich mir die Anerkennung der Dresdner Zuschauer weiter erarbeiten. Ich habe zwar lange in Berlin gelebt, aber ich kenne und liebe meine Heimatstadt. Mit allen Widersprüchen, die die Menschen haben und die ich auch habe.

Die Herkuleskeule "bewohnt" den Keller des Dresdner Kulturpalastes, nachdem sie sich jahrelang am Sternplatz befand.
Die Herkuleskeule "bewohnt" den Keller des Dresdner Kulturpalastes, nachdem sie sich jahrelang am Sternplatz befand. © kairospress

Welche Widersprüche sind das?

Vor allem ist Dresden nicht so schwarz-weiß, wie es oft dargestellt wird. Ich habe ein Jahr lang in einem Flüchtlingsheim gearbeitet und lernte eine Frau kennen, die jungen Flüchtlingen Deutsch beibrachte – und montags zu Pegida ging. Genau bei diesen Widersprüchen setze ich auch in meinen Programmen an.

Gehen die Sachsen denn selbstkritisch mit diesen Widersprüchen um?

Nicht mehr oder weniger als anderswo. Nach den Vorstellungen habe ich auch oft sehr spannende Gespräche mit Zuschauern, bei denen ich sehr viel lerne über die Beweggründe, konkrete Sorgen und Ängste. Der Dialog ist wichtig!

Sie sind Anfang 40, Ihre Zuschauer, so behaupte ich mal, eher älter. Wie etablieren Sie Neues, wie kommt das an?

Ob man in der Keule einen spannenden Abend erlebt, hängt weniger damit zusammen, wie alt man ist. Wenn ich mich noch für irgendetwas interessiere, für den Zustand des Landes, für die Art, wie wir miteinander reden und leben, dann kann ich auch darüber lachen. Das betrifft junge wie auch ältere Menschen. Wir versuchen, pointiert zu argumentieren. Darum kann auch jemand Vergnügen daran haben, der eine andere Meinung hat. Wir nehmen kein Eintrittsgeld dafür, dass uns jemand für unsere Haltung beklatscht.

Viele Menschen wollen ihre eigene Meinung bestätigt hören – siehe der Bierglaswurf. Der geschah auch im Widerspruch zu dem, was der Kabarettist auf der Bühne sagte.

Ja, das ist es, woran es zurzeit krankt. Die Menschen beharren auf ihrer Meinung und sind nicht mehr bereit, anderen zuzuhören. Allerdings mache ich in unseren Programmen meistens die Erfahrung, dass der Perspektivwechsel gelingen kann.

Philipp Schaller (links) mit seinem Vater Wolfgang Schaller rechts und dessen Frau Schaller.
Philipp Schaller (links) mit seinem Vater Wolfgang Schaller rechts und dessen Frau Schaller. © Eric Münch

Wirklich? Sie bekommen in der Keule mehr Applaus, wenn sie etwa Amerika kritisieren. Würden Sie ein russlandkritisches Programm schreiben?

Ja, das würde ich. Ganz verkürzt: Ich nehme wahr, dass massiv Stimmung gegen Russland gemacht wird. Aber ich sehe auch, dass Russland mit Putin jemanden an der Spitze hat, der gewiss kein Friedensengel ist. Das eine wie das andere müssen wir benennen. Aber auf einer Welle herumzureiten, weil ich dafür Applaus bekomme, das sollten wir nicht tun. Dann täten wir genau das, was wir anderswo kritisieren.

In den vergangenen Monaten gab es einige Diskussionen über Satire, was sie darf und was nicht. Wie nehmen Sie diese Debatte wahr?

Die Schauspieler, die bei der Aktion #allesdichtmachen die Corona-Maßnahmen kritisierten, wurden anschließend mit Hass überhäuft. Da hieß es, satirische Mittel verbieten sich angesichts der Corona-Opfer. Wie absurd! Wenn wir das Maß dessen, was wir sagen, diejenigen bestimmen lassen, die verletzt sind oder sich verletzt fühlen, dann wird die Schranke, welche Fragen wir stellen dürfen, immer höher. Die Menschen sind so empfindlich geworden. Es wird inzwischen mehr über den politisch korrekten Ausdruck gestritten als über Inhalte. Wer zum Beispiel nicht gendert oder nicht „people of color“ sagt, der ist für manche schon verdächtig, dem muss man auch nicht zuhören. Das ist eine perfide Masche und verhindert jeden Dialog – dagegen müssen wir satirisch angehen und dürfen keine Rücksicht nehmen auf jeden, der sich verletzt fühlen könnte.

Es gibt also nicht mehr die alte Vereinbarung, dass Satire zwar nach oben tritt, aber nicht nach unten?

Ich verstehe Satire nicht als Irgendwohintreten. Es ist auch nicht immer genau zu definieren, wer ist stark, wer ist schwach? Nehmen wir Pegida oder AfD-Wähler: Sind das die Schwachen? Sind sie stark? Das kann kein Maßstab sein, der uns als Satiriker leitet. Nicht treten, sondern infrage stellen! Mit Treten bestätigt man Menschen nur darin, Opfer zu sein. Das ist unwürdig.


Das Gespräch führte Johanna Lemke.

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