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Im Hintergrund der identitätsstiftende Dialekt

Der Düsseldorfer Fotokünstler Andreas Gursky zeigt die erste Einzelausstellung in seiner Geburtsstadt Leipzig.

Der Fotograf Andreas Gursky hier in Düsseldorf mit Marion Ackermann, der Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.
Der Fotograf Andreas Gursky hier in Düsseldorf mit Marion Ackermann, der Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. © kairospress

Das Museum der bildenden Künste zeigt erstmals eine Einzelausstellung des renommierten Fotokünstlers Andreas Gursky in dessen Geburtsstadt Leipzig. Arbeit, Freizeit, Konsumverhalten, Großereignisse und Finanzsysteme sind Themen des Fotografen. Die Leipziger Ausstellung mit rund 60 Werken, darunter 50 extreme Großformate, hat Gursky als persönlichen Rückblick angelegt. Neben älteren ikonischen Werken sind neue Arbeiten zu sehen. Im begleitenden Künstlerbuch erzählen Arbeiten seines Vaters und Großvaters von der langen Fototradition der Familie. Gursky studierte Fotografie an der Kunstakademie Düsseldorf bei Bernd Becher. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf und auf Ibiza.

Herr Gursky, Ihr Vater hat sich 1955, im Jahr Ihrer Geburt, aus Leipzig nach Düsseldorf abgesetzt, Sie folgten mit Ihrer Mutter zum Jahresende. Warum wollten Ihre Eltern die DDR verlassen?

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Mein Vater ist gelegentlich für Foto-Aufträge in den Westen gefahren. Als man versuchte, ihn für politische Zwecke zu instrumentalisieren, entschlossen sich meine Eltern, die DDR zu verlassen.

Wie präsent war die ostdeutsche Identität in ihrer Kindheit und Jugend?

Meine Eltern sprachen beide sächsisch, zwar in abgeschwächter Form, aber dieser Dialekt war hintergründig immer identitätsstiftend für mich. Da meine Eltern mit der Ankunft im Westen voll und ganz mit ihrer Existenzgründung beschäftigt waren, verbrachte ich einige Zeit bei einer Schwester meines Vaters in Zürich. Deshalb waren die Städte Düsseldorf, Essen, wo wir zuerst wohnten, und Zürich prägend für mich, was sich interessanterweise in meinen ersten Bildern widerspiegelt. Eine ostdeutsche Identität war in meiner Kindheit und Jugend deshalb nicht wirklich präsent.

Gab es während der deutschen Teilung weiterhin professionelle bzw. private Verbindungen in die DDR?

Als Kind bin ich mit meiner Mutter öfter mit dem Auto nach Leipzig gefahren, um ein paar persönliche Sachen zu holen. Daran kann ich mich noch gut erinnern, ich war damals etwa sechs Jahre alt. Irgendwann ist die Verbindung dann aber eingeschlafen und ich war gar nicht mehr in Leipzig. Auch nach der Wende bin ich vielleicht nur ein oder zwei Mal da gewesen.

Anfang der 1990er wurden Sie von der Galerie für Zeitgenössische Kunst beauftragt, den Bau der Neuen Messe in Leipzig-Wiederitzsch zu fotografieren. Wie oft waren Sie damals in Leipzig? Wie haben Sie die Stadt erlebt?

Leider hatte ich damals kaum Zeit, mir die Stadt anzusehen, denn ich musste nach den Aufnahmen direkt wieder zurückfahren. Zwar hatte ich überlegt, nochmals zurückzukehren, aber dann war ich mit den Aufnahmen zufrieden und habe das richtige Motiv für diese Arbeit gefunden.

Wie haben Sie den Mauerfall 1989 erlebt? Hat er für Sie persönlich etwas verändert?

Die ersten Bilder des Mauerfalls waren für mich auf überwältigende Weise im Fernsehen präsent. Normalerweise hätte ich dieses für Deutschland so einschneidende Ereignis mit der Kamera festgehalten, aber das Jahr markiert auch die Geburt meiner Tochter und ich war an dem für mein persönliches Leben wichtigeren Ort, also bei ihr.

Wie präsent war und ist Kunst und insbesondere Fotografie aus der DDR in der Düsseldorfer Kunstszene?

Während meiner Studienzeit an der Düsseldorfer Akademie orientierten wir uns zunächst an unseren Lehrern und suchten Kontakt zu anderen Klassen. Darüber hinaus interessierten uns vor allem die aktuellen Strömungen aus Amerika oder Vorbilder aus Frankreich.

Andreas Gursky - Chicago Board of Trade III
Andreas Gursky - Chicago Board of Trade III © Andreas Gursky

Was war Ihr erster Kontakt mit der ostdeutschen Kunstszene?

Die Leipziger Schule beispielsweise war mir natürlich immer ein Begriff, aber an der Düsseldorfer Akademie, wo ich mich seit Beginn meines Studiums intensiver mit Malerei beschäftigte, spielte diese Strömung zu dieser Zeit keine Rolle. Erst mit dem Aufkommen der sogenannten Neuen Leipziger Schule setzte ich mich näher mit der Malerei aus Leipzig auseinander. Die architekturbezogene Malerei von Matthias Weischer interessierte mich besonders, aber auch die Malerei Tim Eitels. Zudem folgte ich dem Werk Eberhard Havekosts aufmerksam, der ja aus Dresden stammt. Mit ihm verband mich ein intensiv kollegialer Austausch an der Düsseldorfer Akademie. Einen echten persönlichen Kontakt und Austausch gibt es mit Neo Rauch. Wir hatten im Jahr 2014 in der Kestner Gesellschaft in Hannover eine gemeinsame Ausstellung und kennen uns seit dieser Zeit.

2010 und 2016 stellten Sie bereits in Leipzig aus, im Rahmen von Gruppenausstellungen. Haben Sie die Einladung zur Einzelausstellung in einem dortigen Kunstmuseen erhofft?

Natürlich hätte ich mich über eine Einzelausstellung in Leipzig zu einem früheren Zeitpunkt gefreut. Umso größer war dann die Begeisterung, als Alfred Weidinger, der damalige Direktor des Museums der bildenden Künste, auf mich zukam und mir dann auch noch die wunderbaren Räume im obersten Geschoss anbot. Die Proportionen sind für meine Arbeiten wie geschaffen und ich bin insgesamt von der schlichten, aber zugleich großzügigen Architektur des Hauses sehr beeindruckt.

Ihr Vater hatte an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB) Malerei studiert, bevor er Fotograf wurde. Inwieweit hat dies Einfluss auf seine und möglicherweise auf Ihre Arbeit als Fotograf genommen?

Mein Vater war ein großartiger Techniker, der wirklich alle Kniffe kannte und für jedes bildnerische Problem eine Lösung wusste. Er meinte, dass er vieles davon während seiner Zeit an der Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig, wie die HGB damals noch hieß, und an der Bayerischen Staatslehranstalt für Lichtbildwesen in München gelernt habe. Ich profitierte viel von seinem Wissen, das er an mich weitergab.

Die Fotografin Heidi Specker, Professorin an der HGB, hat Sie an die Hochschule eingeladen. Werden Sie dieser Einladung 2021 nachkommen?

Über diese Einladung habe ich mich besonders gefreut, da ich Heidi Specker sehr schätze. Wir planen ein Gespräch mit Studierenden an der HGB im August dieses Jahres.

Interview: Sarah Alberti

  • Ausstellung: Andreas Gursky bis 22. August im Museum der bildenden Künste Leipzig, Katharinenstr. 10; geöffnet 10 bis 18 Uhr, mittwochs 12 bis 20 Uhr, montags geschlossen.

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