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Von Dresden nach Bayreuth - als erste Dirigentin

Die Ukrainerin Oksana Lyniv ist die erste Frau am Pult der Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele – in 145 Jahren Geschichte. Studiert hat sie in Dresden.

Oksana Lyniv wird eine Männerdomäne ins Wanken bringen. Als erste Dirigentin leitet die 43-Jährige ein Stück bei den Bayreuther Festspielen – die Eröffnung am Sonntag mit dem „Fliegenden Holländer“.
Oksana Lyniv wird eine Männerdomäne ins Wanken bringen. Als erste Dirigentin leitet die 43-Jährige ein Stück bei den Bayreuther Festspielen – die Eröffnung am Sonntag mit dem „Fliegenden Holländer“. © Bayreuther Festspiele

Viele Zeitungen und Journale, viele Radio- und Fernsehstationen berichten derzeit von einer Ukrainerin: Oksana Lyniv. Die 43-Jährige wird am Sonntag als erste Dirigentin das Bayreuther Festspielorchester leiten. Und sie tut das nicht bei einer mehr oder minder versteckten Wiederaufnahme, sondern zur Eröffnung des diesjährigen Festivals. Dass sie in 145 Jahren die erste Frau am Pult dieser Festwochen mit ausschließlich Werken von Richard Wagner ist, sagt mehr über die Festspiele als über die Frau. Entsprechend oft hat sie auf die Frage zu antworten, wie es denn sei als Erste. Dabei passiert es ihr öfter, als erste Frau vor einem Orchester zu stehen. Auch das macht es nicht besser, wenngleich die Maestras im Kommen sind.

Aber kaum eine Zeitung, kaum ein Journal oder Sender berichtet, wo Oksana Lyniv zur Könnerin geformt wurde – nämlich in Dresden. Die Tochter zweier Musiker, die von 1996 bis 2003 an der Musikakademie Lwiw – dem ehemaligen Lemberg – Dirigieren studiert hatte, war 2005 nach Dresden gezogen und absolvierte an der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ ein Aufbaustudium. Ab 2007 führte der renommierte Pädagoge und vielseitige Ensembleleiter Ekkehard Klemm sie in einem Meisterklassen-Studium. Sie besuchte unter anderem Meisterkurse bei großen Dirigenten aus Sachsen, von Hartmut Haenchen über Peter Gülke bis Kurt Masur. Auch privat hatte sie enge Kontakte zu Musikern von Dresdner Spitzenorchestern.

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Ein historischer Moment

Nun also ein historischer Moment. Nach 92 Dirigenten auf dem Grünen Hügel gibt es nun eine Dirigentin. „Weil es offenkundig nicht genug Dirigentinnen gab“, antwortet die Festspielchefin Katharina Wagner auf die Frage, warum es so lange gebraucht hat. Oksana Lyniv, zuletzt Chefdirigentin der Oper Graz, hat eine andere Sichtweise: „Vor 100 Jahren wäre das wohl noch undenkbar gewesen, obwohl es auch damals schon erfolgreiche Dirigentinnen gab.“ Tatsache ist, dass noch vor einem Jahrzehnt Dirigentinnen vor allem an Spitzenpositionen rar waren. Die Australierin Simone Young war als langjährige Generalmusikdirektorin der Hamburgischen Staatsoper in der Klassikwelt fast allein auf weiter Flur.

Mittlerweile gerät diese Männerdomäne ins Wanken. Joana Mallwitz als „Generälin“ in Erfurt und heute Nürnberg, die – auch in der Semperoper schon mit Mozart aufgefallene – Julia Jones in Wuppertal, Ewa Strusinska, seit 2018/19 Musikchefin am Theater Görlitz-Zittau, oder Mirga Grazinyte-Tyla bei Salzburger Festivals, die Beispiele zeugen von einem Wandel. Auch wenn der Anteil von leitenden Frauen in den 130 Berufsorchestern in Deutschland noch klein ist.

Noch, denn mittlerweile sind über 45 Prozent der Dirigierstudenten weiblich, vor gut zehn Jahren waren es um die 20 Prozent. Zunehmend geraten Orchester – die ohnehin in vielen Instrumentengruppen frauendominiert sind – und Festivals in Erklärungsnot, wenn sie zu wenige Maestras engagieren. Dresdens Philharmonie wird nächste Saison gleich mehrere Debütantinnen begrüßen. „Wenn die musikalische Qualität stimmt, ist das Geschlecht des Leitenden unwichtig“, sagt Chefdirigent Marek Janowski. Freilich, eine Quote anzustreben, hält er für unsinnig. „Die Qualität, und nur die Qualität ist ausschlaggebend.“

Das Festspielhaus in Bayreuth wird von Sonntag an wieder zum Mekka für Richard-Wagner-Fans in aller Welt.
Das Festspielhaus in Bayreuth wird von Sonntag an wieder zum Mekka für Richard-Wagner-Fans in aller Welt. © dpa

Wie kommt es zum Wandel in dieser konservativen Branche? Joana Mallwitz sieht ihn im Siegeszug der Alten Musik. Deren Ensembles sind weniger hierarchisch organisiert, hier geben nicht mehr die klassischen Kapellmeister den Ton an. Sogar Quereinsteiger waren hier zeitig möglich, wie Nikolaus Harnoncourt, der zunächst einfacher Cellist war, ehe er sein Spezialensemble Concentus Musicus Wien gründete und später hochgeschätzter Dauergast der Wiener Philharmoniker und der Salzburger Festspiele wurde.

Ein weiterer Grund, warum in der Musik die aktive Unterdrückung von Frauen in schöpferischen Berufen nicht mehr so stattfindet, sind die geltenden Tarifverträge. Diese unterscheiden nicht zwischen den Geschlechtern, erklärt die Deutsche Orchestervereinigung. „Im Vergleich zu anderen Feldern des Kultursektors und vielen Wirtschaftszweigen bekommen Frauen und Männer gleiches Geld für gleiche Arbeit.“

Gleiche Arbeit? Frauen sollten maximal Leichtes wie Debussy dirigieren, aber bitte kein anstrengendes Schwergewicht wie Wagner, hieß es noch vor Jahren. Nun reiht sich Oksana Lyniv in die Riege der Wagner-Experten ein. Zumindest der gut beobachteten, denn den „Holländer“ hat sie – als erste Frau in Spanien – schon in Barcelona musiziert.
Einen entscheidenden Vorteil gegenüber vielen männlichen Kollegen hat sie, erklärte sie unlängst: „Ich kann in Bayreuth die Bühne gut sehen und im Stehen dirigieren, dafür habe ich genau die richtige Größe. Denn dieser Graben ist für Richard Wagner maßgeschneidert.“ Wagner, der Musikriese, war nur 1,66 Meter groß und damit deutlich kleiner als viele männliche Dirigenten von heute. Deshalb dirigieren die meisten von ihnen im Sitzen.

Vor ihrem Engagement in Graz war Lyniv an der Bayerischen Staatsoper in München Assistentin von Stardirigent Kirill Petrenko. „Es ist interessanterweise fast symbolisch für mich, dass die erste Vorstellung von Kirill Petrenko, die ich gesehen hatte, nachdem ich von ihm die Zusage erhalten hatte, seine Assistentin an der Bayrischen Staatsoper zu werden, die ,Walküre’ in Bayreuth war.“ In den Jahren danach durfte sie Petrenkos Dirigate des vierteiligen „Ring des Nibelungen“ vom Orchestergraben aus erleben. 2018 kam dann die Einladung aus Bayreuth.

Ein Symbol unserer Zeit

Richard Wagner ist für die Ukrainerin „natürlich ein besonderer Komponist“. In der Sowjetunion hatte seine Musik „fast einen negativen Stellenwert“ und wurde kaum gespielt. „Das Erste, das ich über Wagner während meiner Hochschulzeit gehört hatte, war, dass er auch deshalb so selten aufgeführt würde, weil seine Opern so lang und zu kompliziert seien. Gerade das war für mich ein Ansporn, diesen umstrittenen und geheimnisvollen Komponisten kennenzulernen.“ Sie habe sich eingehend mit Wagner befasst. „Ich saß tagelang über den Klavierauszügen seiner Opern aus der Bibliothek und hörte alte Aufnahmen, war total in diese Musik vertieft.“

Für ihren neuen „Holländer“ hat sie sich nun noch einmal intensiv vorbereitet und war dafür auch in Meudon bei Paris, wo Wagner als junger Mann am „Holländer“ arbeitete. „Bitterarm, gescheitert, enttäuscht vom Misserfolg an der Grand Opera“, so Lyniv. „Und dieser jugendliche Zorn, dieser Drang nach dem Motto ,Ich werde es euch allen zeigen’, das ist vom ersten Takt des ,Holländers’ an zu hören. Genau das war für mich der Schlüssel.“ Dieses Werk könne man nicht von der Position des reifen Wagners aus interpretieren.

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Mal hören, wie ihr Wagner im akustisch heiklen Festspielhaus von Bayreuth klingt. Die Sächsische Zeitung wird kommende Woche berichten. So viel Fazit ist schon: „Dass ich als Frau am Pult stehen kann, ist vielleicht auch ein Symbol unserer Zeit“, sagt sie. „Natürlich hoffe ich, ein positives Beispiel zu liefern. Das wäre nicht nur für mich persönlich wichtig, sondern auch – etwas pathetisch gesagt – für die Welt und die Zukunft.“ (mit dpa)

Die Live-Übertragung der „Holländer“-Premiere ist am 25. 7., ab 17.57 Uhr u. a. bei MDR-Kultur und im Videostream auf BR-Klassik-Concert zu erleben. Eine Aufzeichnung sendet 3 sat am 31. 7. ab 20.15 Uhr.

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