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Ist das noch Kunst oder schon Politik?

Das Filmfest Dresden macht auf Berlinale: Das Bekenntnis zum politischen Film war noch nie so klar. Das ist nicht ideologisch, das ist gesellschaftsrelevant.

Ela (Banafshe Hourmazdi) will in „Yallah Habibi“ mit einer Freundin zusammenziehen. Davon muss sie erst noch ihre Eltern überzeugen. Das größte Hindernis ist aber nicht Elas muslimischer Vater. Sondern die Mutter.
Ela (Banafshe Hourmazdi) will in „Yallah Habibi“ mit einer Freundin zusammenziehen. Davon muss sie erst noch ihre Eltern überzeugen. Das größte Hindernis ist aber nicht Elas muslimischer Vater. Sondern die Mutter. © Filmfest Dresden

Egal wie unmissverständlich Caravaggio gemalt, Verdi komponiert, Christa Wolf geschrieben oder Frank Beyer gedreht hat: Seit Jahrhunderten versuchen Kulturpuristen aus diversen Gründen, eine grundsätzliche Trennbarkeit zwischen Kunst und Politik herbeizureden. Als würden die meisten Künstlerinnen und Künstler nicht immer auch die gesellschaftlichen Zu- und Umstände ihrer Zeit reflektieren und kommentieren. Als seien sie damit nicht – auch – politisch. Selbst wenn das einigen nicht immer oder sofort bewusst ist.

„Als ich vor 20 Jahren meinen Kurzfilm ,Und hinten scheißt die Ente‘ gedreht habe, war das für mich nur eine Komödie“, sagt etwa die in Dresden geborene Regisseurin Sabine Michel. „Aber wenn ich jetzt nachdenke über diese Geschichte eines Westdeutschen, der sich nach der Wende in einem Lausitzer Dorf einen Hof kaufen will und von den Ostlern so richtig vorgeführt wird – dann ist das natürlich politisch.“

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Mit entsprechend geschärften Augen saß Michel in der Jury des Filmpreises „voll politisch“, für das Filmfest Dresden erstmals gestiftet von der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung. „Voll politisch“ hätte auch als offizielles Motto über dessen 33. Ausgabe hängen können, die am Sonntag endete. Zwar beschäftigen sich die zumeist jungen und vielfach noch ungebrochen idealistischen und engagierten Kurzfilmerinnen und Kurzfilmer traditionell mit den existenziellen Fragen unserer Zeit. Aber selten so auffällig und vielfältig wie in diesem Jahrgang.

In "Obervogelgesang" von Ferdinand Eberhardt setzt sich ein Mädchen mit dem Rechtsextremismus in seiner Heimat auseinander, der Sächsischen Schweiz.
In "Obervogelgesang" von Ferdinand Eberhardt setzt sich ein Mädchen mit dem Rechtsextremismus in seiner Heimat auseinander, der Sächsischen Schweiz. © Filmfest Dresden

Rechtsextremismus in der Sächsischen Schweiz

Wenn im Animationsbeitrag „Obervogelgesang“ vom Dresdner Filmstudenten Ferdinand Eberhardt ein Mädchen aus der Sächsischen Schweiz mit dem Rechtsextremismus in ihrer Heimat ebenso hadert wie mit deren dadurch kontaminiertem Image, ist das schnell als „politisch“ zu erkennen. Doch wenn Amelie Befeldt in „Allgemeine Geschäftsbedingungen“ den Kampf ihres Vaters und ihrer Geschwister um den Familienbauernhof gegen Preisdumping und Dürre schildert, wird erst auf den zweiten Blick klar: Auch das ist politisch. Ebenso Eliza Gleises Zukunftsvision „Max und die Tiere“, in der ein melancholischer Cyborg durch den virtuellen Raum des alten Computerspiels „Second Life“ wandert und längst ausgestorbene Tiere rekonstruieren will.

Das gilt nicht minder für die Frage, wie Kinder sich angesichts einer unausweichlichen Katastrophe verhalten. Hannah Stragholz und Simon Steinhorst stellen sie in ihrem Animationsfilm „Doom Cruise“. Sachsens Staatsministerin für Kultur und Tourismus war das den 20.000-Euro-Förderpreis wert.

Wie gesellschaftlich engagiert, wie politisch Regisseurinnen und Regisseure arbeiten, hängt oft mit den jeweiligen Bedingungen in deren Ländern zusammen. In ärmeren Regionen, in autoritären oder diktatorischen Systemen und unter Zensurbedingungen erzählen sie oft klarer und deutlicher, leben aber manchmal auch gefährlicher.

Mit ihrer Dokumentation "Schichteln" über sächsische Glasarbeiter holte Verena Wagner der Publikumspreis der Mitteldeutschen Filmnacht.
Mit ihrer Dokumentation "Schichteln" über sächsische Glasarbeiter holte Verena Wagner der Publikumspreis der Mitteldeutschen Filmnacht. © Filmfest Dresden

Über 100 Film-Einreichungen zum Thema Corona

Im wohlstandssatten Deutschland hat sich das Politische im Kurzfilm in jenem Maße gesteigert, wie sich auch die Gesellschaft politisiert hat, nicht erst seit der großen Zuwanderungswelle im Jahr 2015. „Das ging schon mit der Finanzkrise 2008/2009 los, wo zum Beispiel die Kapitalismuskritik im Film immer deutlicher und präsenter wurde“, sagt Sven Pötting, der viele Programme beim Filmfest Dresden kuratiert hat. Und, natürlich, schlägt sich auch die Pandemie als Thema nieder. „Wir hatten über 100 Film-Einreichungen zum Thema Corona aus aller Welt“, bilanziert Pötting. „Viele davon sind leider ziemlich eintönig und handeln das Thema auf die naheliegendste Weise ab. Aber unter den ganz neuen Kurzfilmen sind schon etliche dabei, die wesentlich origineller sind.“

Es gibt eben politische „Modethemen“, die viel Interesse auf sich ziehen. Auch das zeigte sich im Programm analog zu den öffentlichen Debatten; es ging viel um Gendergerechtigkeit, Feminismus, Antirassismus. „An der Filmhochschule Konrad Wolf in Babelsberg ist das Thema Geschlechterdiversität schon sehr in den Kanon eingegangen“, so Pötting. „Als Kurator kann man ja ein wenig dafür sorgen, dass es in Festivalprogrammen nicht überpräsent ist.“

Wie verhalten sich Menschen im Angesicht einer nahenden (Schiffs-) Katastrophe? Mit ihrem Film "Doom Crusie" holten Hannah Stragholz und Simon Steinhorst den 20.000-Euro-Förderpreis der Sächsischen Staatsministerin für Kultur und Tourismus.
Wie verhalten sich Menschen im Angesicht einer nahenden (Schiffs-) Katastrophe? Mit ihrem Film "Doom Crusie" holten Hannah Stragholz und Simon Steinhorst den 20.000-Euro-Förderpreis der Sächsischen Staatsministerin für Kultur und Tourismus. © Filmfest Dresden

Törichte Forderung: geförderte Kultur "entpolitisieren"

Manches entwickelt sich allerdings gewissermaßen von ganz alleine und sorgt dafür, dass das Filmfest eine Besonderheit darstellt, gerade im eher konservativen und herkunftsmäßig homogenen Dresden. Etwa dass die Mehrzahl der eingereichten Filme von Frauen kam. Und dass es seit Jahren Normalität in einem Einwanderungsland ist, wenn deutsche Regisseurinnen Namen tragen wie Shoko Hara, Petra Stipetić und Mahnas Sarwari. Die räumt ein: „Ich habe meinen Film eigentlich aus Trotz gedreht gegen die Klischees, wie nicht weiße Deutsche und deren Familien oft dargestellt werden.“ So ist in Sarwaris „Yallah Habibi“ der muslimische Vater der Heldin kein frauenunterdrückender Tyrann, der seiner Tochter aus religiös-kulturellen Gründen den Einzug in eine WG verbietet. Vielmehr ein sanfter und verständnisvoller Mann, der sie dabei unterstützt – gegen die strenge Mutter.

Familien- und Rollenbilder, Ausbeutung, menschenwürdiges Wohnen und Arbeiten, Klimawandel; eine enorme Themenbreite und weltweite Einblicke kennzeichneten das 33. Filmfest Dresden, wieder einmal, und doch ganz besonders. Angesichts dessen entlarvt sich die Forderung einiger sächsischer Politiker – es sind meistens Männer –, man solle staatlich geförderte Kultur entpolitisieren, besonders deutlich als jene ideologische Kurzdenke, die sie ist. Schließlich heißt „politisch“ nicht automatisch „ideologisch“, schon gar nicht „parteipolitisch“. Und eine Kunst, die aufhören würde, gesellschaftlich relevante Themen zu reflektieren, verlöre damit auch ihre gesellschaftliche Relevanz. Keine schönen Aussichten, gerade für Kunst-, Kultur- und Filmfeststädte wie Dresden.

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