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Jan Josef Liefers: "Das hat mich kalt erwischt"

Nach der Aktion #allesdichtmachen erntete Jan Josef Liefers erstmals harte Kritik. Wie ihn diese Erfahrung verändert hat und wie er heute über Corona denkt.

Jan Josef Liefers kommt mit einem Stück über DNA-Manipulation und Wunschkinder nach Dresden: Am 26. September läuft "Die Unmöglichen" im Dresdner Kulturpalast.
Jan Josef Liefers kommt mit einem Stück über DNA-Manipulation und Wunschkinder nach Dresden: Am 26. September läuft "Die Unmöglichen" im Dresdner Kulturpalast. © Agentur

Herr Liefers, Sie sind mit der szenischen Lesung des Stückes „Die Unmöglichen“ auf Tour. Darin geht es um künstliche Befruchtung, Wunschkinder, letztlich um Eingriffe in die Natur durch die Wissenschaft. Was kann Wissenschaft, was sollte sie dürfen – wie würden Sie diese Fragen für sich beantworten?

Nehmen wir mal an, Menschen mit Kinderwunsch hätten die Möglichkeit, in die DNA, gezielt in den Bauplan des Embryos einzugreifen, um zu verhindern, dass das Kind an Erbkrankheiten leidet, besonders gesund wird und besonders intelligent.

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Klingt für viele zunächst bestimmt ziemlich verlockend.

Richtig. Aber wo verläuft bei dieser Möglichkeit die ethische Grenze zwischen gut oder schlecht, richtig oder falsch? Dürfen wir oder darf die Wissenschaft Gott spielen? Als Realist glaube ich: Wenn es so weit ist, wird es keine Grenze geben. Meine bescheidene Lebenserfahrung zeigt mir: Was möglich ist, wird auch gemacht, wenn nicht offiziell, dann inoffiziell. Das sehen wir ja am Thema Corona: Die Möglichkeit, dass das Virus doch in einem Labor gezüchtet wurde, können wir nicht komplett ausschließen, das räumt selbst die Weltgesundheitsorganisation WHO ein.

„Die Unmöglichen“ ist 2018 entstanden, also vor Corona. Wenn Sie es jetzt wieder aufführen: Hat sich ihr Blick auf die Wissenschaft in den letzten anderthalb Jahren verändert?

Überhaupt nicht. Ich war immer schon ein großer Wissenschaftsfan. Der Mensch, sein Körper, was ihn erhält, was ihn krank macht – das fasziniert mich seit jeher. Ich führe da, wenn du so willst, ein zweites Leben nebenher.

So als ewiger Student?

Ja, und was mir stärker als vorher klar geworden ist: Es gibt definierte wissenschaftliche Paradigmen, es gibt die sogenannte vorherrschende Lehre, und es gibt abweichende Meinungen. Aber selbst die vorherrschende Lehre muss irgendwann revidiert werden, sie ist nicht für ewig in Stein gemeißelt. Das heißt aber nicht, dass mein Glaube an die Wissenschaft schwächer geworden wäre, im Gegenteil, auch nicht wegen der Erlebnisse mit Corona. Nur: Wenn die Wissenschaft jetzt vor allem dank der Impfstoffentwicklung als Erlöser von dem Problem gefeiert wird, ist es natürlich verwirrend, dass sie möglicherweise auch dessen Verursacher gewesen sein könnte.

Die Kritik am unbedingten Vertrauen der Regierung in die vorherrschende Wissenschaftsmeinung war ja auch ein Thema der Aktion #allesdichtmachen. Damit wollten Sie und andere Kunstschaffende die Corona-Schutzmaßnahmen satirisch aufs Korn nehmen ...

Aber die Aktion richtete sich nicht gegen die Wissenschaften, sondern gegen das Verhalten der Politik, vor allem gegen deren Umgang mit der Kunst. Es war und ist für mich sehr niederschmetternd, dass die Kunst nicht so gewertschätzt wurde, wie es ihr gebührt, sondern wie irgendwas zwischen Spaßbad und Puffbesuch.

Sie haben sich als einer der wenigen von #allesdichtmachen auch offensiv der Kritik an Ihrer Kritik gestellt. Gibt es etwas, das Sie im Nachhinein anders machen oder formulieren würden?

Auf wen trifft das denn nicht zu? Wer macht denn mit seinem Tun Erfahrungen, die ihn ins Nachdenken bringen, und macht danach haargenau das Gleiche noch einmal? Ich habe die Erfahrung eines großen Shitstorms gemacht und von viel Kritik, die teilweise auch extrem rabiat war. Das ging ja bis zur persönlichen Diskreditierung vieler Beteiligter. Aber wenn wir diesen Weg gehen wollen, dann landen wir dort, wo wir nie wieder hinwollten. Und wenn man in der DDR gelebt hat, sind die Antennen da natürlich etwas anders ausgerichtet als bei Leuten, die zum Beispiel in München aufgewachsen sind.

Inklusive der Möglichkeit, dass man mit seinen DDR-erfahrenen Antennen selbst dort Nachtigallen trapsen hört, wo gar keine sind?

Alles inklusive, das Gute wie das Schlechte, die Sensibilität wie die Übersensibilität.

Eine Rolle, die dem Wissenschafts-Fan besonders gut gefällt, ist die des Pathologen Professor Börne im Münsteraner "Tatort".
Eine Rolle, die dem Wissenschafts-Fan besonders gut gefällt, ist die des Pathologen Professor Börne im Münsteraner "Tatort". © ARD Das Erste

Sie engagieren sich für Gesundheit und sozial, äußern sich aber auch politisch, etwa gegen die AfD. Um das Thema Grenzen noch mal aufzugreifen: Ziehen Sie welche zwischen politischem und nicht politischem Engagement?

Ich glaube, das hängt fast alles miteinander zusammen und lässt sich überhaupt nicht klar trennen. Ich finde das auch gar nicht so wichtig. Entscheidender ist für mich, dass wir – und auch ich – in allem, was wir tun und wofür wir uns engagieren, Klugheit brauchen und Weisheit, denn ohne Weisheit gäbe es nur kalte Klugheit, die den Faktor Mensch außer Acht lässt.

Hat es Sie verletzt, als einzelne Kritiker an #allesdichtmachen Sie für so unklug gehalten haben, sich angeblich in die Nähe von Corona-Leugnern und Verschwörungstheoretikern zu begeben?

Ich fand das eher absurd. Ich hatte noch nie Kontakt mit irgendwelchen Spökenkiekern oder Aluhüten, ich habe noch nicht mal einen einzigen richtigen Querdenker in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Dafür aber einige, die viele Dinge hinterfragen, auch in der Corona-Politik. Dagegen hat sich #allesdichtmachen ebenfalls gewandt. Auch Hinterfrager brauchen Plattformen in den Medien, die sie aber nur selten bekommen haben. Da habe ich mich schon gefragt: Wo waren denn all die Menschen zwischen den Extremen, zwischen den Beifallklatschern und den Aluhüten? Warum kommen die nicht vor?

Mehr als nur ein Hobby: Mit seiner Band Radio Doria ist Jan Josef Liefers auch als Sänger erfolgreich unterwegs.
Mehr als nur ein Hobby: Mit seiner Band Radio Doria ist Jan Josef Liefers auch als Sänger erfolgreich unterwegs. ©  PR

Heftige persönliche Kritik an Everybody’s Darling J. J. Liefers – das war ja schon etwas Neues für Sie. Wird diese Erfahrung dazu führen, dass Sie sich in Zukunft weniger offensiv äußern?

Nein, warum sollte sie? Gut, die Art und die Richtung, aus der geschossen wurde, das hat mich schon auch kalt erwischt. Aber ich denke mir, na ja, so ist das halt. Wenn du keine Hitze vertragen kannst, dann geh’ halt nicht in die Küche. Außerdem ist der Shitstorm ja auch sehr schnell wieder verklungen. Und seither sprechen mich viele Leute anders an. Vorher kam da fast nur so etwas wie: „Hey Herr Liefers, war wieder ein super Tatort!“ Heute ist oft der erste Satz: „Wir fanden das richtig gut, dass Sie sich bei #allesdichtmachen geäußert haben. Wir hatten nämlich die gleichen Fragen und haben lange gedacht: Sind wir etwa die Einzigen damit?“ Auch daran sieht man ja, dass es für solche Perspektiven vorher offenbar keine oder nicht genug angemessene Plattformen gegeben hat.

Immerhin haben sich die Perspektiven auch für die Kultur wieder gebessert. Kino, Konzert, Theater – mit Einschränkungen geht alles wieder. Hatten Sie bereits einen Live-Auftritt mit Band?

Ja, Ende August am Bodensee. Das war der nachgeholte Auftritt eines verlegten Gigs. Mittlerweile schieben wir ungefähr siebzig Konzerte vor uns her, die alle nicht stattfinden konnten und irgendwann nachgeholt werden müssen.

Der erste Auftritt nach langer Zwangspause – wie haben Sie das erlebt?

Ich hatte ein Gefühl wie bei Goethes Osterspaziergang: Vom Eise befreit sind Strom und Bäche ... man holt Luft, nimmt wieder Kontakt zum Publikum auf, das ist schon toll. Was mir ein wenig gefehlt hat, war das Gefühl der Leichtigkeit, der Selbstverständlichkeit. Es war nicht mehr – oder noch nicht wieder – dasselbe wie vorher, weil das Normale sich sehr ungewöhnlich angefühlt hat, ein bisschen rar und seltsam.

Im Moment ist der Hunger nach Kulturveranstaltungen sehr hoch. Es gibt aber Befürchtungen, der Zuspruch könnte nach einem kurzen Boom wieder nachlassen, weil viele Leute in den letzten anderthalb Jahren gemerkt haben, dass sie auch mit weniger Kultur ganz gut auskommen.

Diese Gefahr sehe ich auch. Und ich fürchte, dass einige auf ihren Corona-Gewohnheiten hängen bleiben und in Zukunft ängstlicher und vorsichtiger sind, wenn es darum geht, sich mit vielen anderen Menschen in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Erst recht bei Rockkonzerten, aber auch im Theater. Und dass sie im Zweifel lieber zu Hause bleiben und statt ins Kino zu gehen Netflix schauen, weil sie auch das Streaming für sich entdeckt und großen Gefallen daran gefunden haben. Aber das wäre ziemlich fatal für die Gesundheit.

Die körperliche oder die seelische?

Die Gesamtgesundheit. Die WHO stellt ihre Definition von Gesundheit auf drei Säulen: das Physische, das Psychische und das Soziale. Ist eine der Säulen beschädigt, sind wir nicht gesund. Und um wirklich gesund zu sein – das hat man in der letzten Zeit ja fast vergessen können –, braucht es einiges mehr als einen negativen PCR-Test.

Das Gespräch führte Oliver Reinhard.

  • „Die Unmöglichen“ mit Jan Josef Liefers, Claudia Michelsen, Devid Striesow u. a.: 26. 9. im Kulturpalast Dresden. Tickets: sz-ticketservice.de sowie in allen VVK-Stellen.

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