merken
PLUS Feuilleton

Jazz-König mit grenzenloser Zuversicht

Aus armen Verhältnissen kämpfte sich Louis Armstrong hoch zum Weltstar. Selbst in der DDR hatte der Trompeter, der vor 50 Jahren starb, viele Fans.

Schweißtuch als Markenzeichen: Louis Armstrong, der amerikanische Jazz-Trompeter, Komponist, Sänger und Schauspieler, 1955 bei einem Auftritt in Frankfurt. Vor 50 Jahren starb der „König des Jazz“ in New York.
Schweißtuch als Markenzeichen: Louis Armstrong, der amerikanische Jazz-Trompeter, Komponist, Sänger und Schauspieler, 1955 bei einem Auftritt in Frankfurt. Vor 50 Jahren starb der „König des Jazz“ in New York. © dpa

Von Christina Horsten

An der Straßenecke steht ein kleiner Kiosk, ein Restaurant bietet Gerichte aus der Dominikanischen Republik, daneben verkauft ein Laden Besen und Klopapier. Am anderen Ende des Straßenblocks wäscht ein Mann ausgiebig sein Auto, aus dem Gebäude dahinter dringt Salsa-Musik. Genau dazwischen verbrachte Louis Armstrong, der am Dienstag vor 50 Jahren starb und bis heute als einer der besten Trompeter der Jazz-Geschichte gilt, einen Großteil seines Lebens.

Anzeige
Jetzt Studienplatz sichern!
Jetzt Studienplatz sichern!

Die beste Zeit für Studieninteressierte sich einen Studienplatz an der Hochschule Zittau/Görlitz zu sichern ist jetzt!

Mit Songs wie „What a Wonderful World“ und „Hello, Dolly“ wurde Armstrong zum Trompeten-Star und „König des Jazz“, außerdem sang er, komponierte und schauspielerte, baute seine eigene Band auf und hatte eine Radioshow. Seine Hits vertrieben zeitweise sogar die Beatles von den vordersten Chartsplätzen. Der Mann mit der unverkennbaren Stimme war in ärmlichen Verhältnissen in New Orleans aufgewachsen, hatte sein Instrument einst im Jugendarrest gelernt und später auf Flussdampfern auf dem Mississippi gespielt, bis er den Jazz-Musiker Joe „King“ Oliver kennenlernte. Der wurde zu seinem Mentor, baute ihn stetig auf und brachte Armstrong mit Größen wie Ella Fitzgerald, Benny Goodman und Duke Ellington zusammen.

Louis Armstrong, US-amerikanischer Jazz-Trompeter, am Rande eines Auftritts im Jahr 1965 in der Jahrhunderthalle Höchst.
Louis Armstrong, US-amerikanischer Jazz-Trompeter, am Rande eines Auftritts im Jahr 1965 in der Jahrhunderthalle Höchst. © dpa

Aber auch als er längst zu Berühmtheit und Reichtum gekommen war, blieb Armstrong in dem bescheidenen Backstein-Haus tief im New Yorker Stadtteil Queens, weit entfernt von Manhattans Wolkenkratzern, das er 1943 gemeinsam mit seiner vierten Ehefrau Lucille erworben hatte. „Das Haus ist vielleicht nicht das schönste“, schrieb der Star-Trompeter einmal, „doch wer es betritt, das Heim der Armstrongs, der findet viel Gemütlichkeit und Glücklichsein“.

DDR-Tour mit kundigem Betreuer

Dorthin hatte er auch einst den prominentesten Jazz-Experten der DDR eingeladen. Karlheinz Drechsel war als offiziell eingesetzter Betreuer dabei, als Armstrong 1965 durch den Osten Deutschlands tourte. Der Star aus den USA zeigte sich beeindruckt von Drechsels Fachwissen und seiner Eigenart, stets die komplette Band bei Konzerten vorzustellen. Der äußerst bescheidene Armstrong, der stolz auf seine Mitmusiker war, bedankte sich ein Jahr nach der Tour in einem langen Brief bei Drechsel. Dieser konnte jedoch Armstrongs Einladung nicht annehmen – die Genossen ließen ihn nicht ausreisen.

Armstrong feierte am 4. Juli 1971 seinen 71. Geburtstag, auch wenn nach seinem Tod Dokumente aus seiner Geburtsstadt New Orleans belegten, dass er nicht wie von ihm angegeben am 4. Juli 1900, sondern am 4. August 1901 geboren worden war. Der Trompeter war schon seit einiger Zeit gesundheitlich angeschlagen gewesen und hatte keine Konzerte mehr gegeben.

Grabstein mit weißer Trompete

Am 5. Juli aber rief er seinen Manager an und bat ihn, die Band für eine Probe zusammenzubringen, wie es vom Museum heißt. In der darauffolgenden Nacht starb Armstrong. Beerdigt wurde er auf dem Friedhof von Flushing, noch tiefer östlich in Queens – mit einer weißen Trompete und seinem Spitznamen „Satchmo“, der auf Witzeleien rund um seinen großen Mund her stammt, auf dem Grabstein.

Seine Nachbarn in der 107. Straße im Viertel Corona aber nannten ihn lieber „Pops“, wie auch enge Freunde und Musiker-Kollegen. Das rote Backsteinhaus gehört nach dem Tod von Lucille 1983 inzwischen der Stadt New York, ist innen fast im Originalzustand erhalten und seit 2003 Museum. Ausgerechnet zum 50. Todestag seines berühmten Bewohners ist das Gebäude allerdings hinter einem Baugerüst verhüllt und wegen der Coronavirus-Pandemie vorübergehend geschlossen. Auch gegenüber zwischen zwei leerstehenden Häusern wird derzeit gebaut. Dort soll noch in diesem Sommer ein Gemeinschaftszentrum für Ausstellungen, Vorträge und Diskussionsrunden als Erweiterung des Museums eröffnet werden.

Für den Samstag nach dem 50. Todestag hat das Museum eine große Party auf dem Straßenblock angekündigt, um „das Leben von Louis Armstrong zu feiern“. Ein paar Straßen weiter sind unter anderem eine Schule, ein Spielplatz und ein Tennis-Stadion nach Armstrong benannt, in New Orleans heißt der Flughafen nach ihm.

Der Trompeten-Legende war immer der Blick für das Schöne in der Welt besonders wichtig. Bevor er bei seinen Konzerten „What a Wonderful World“ anstimmte, sagte er häufig zum Publikum: „Ihr sagt: ,Hey Pops, was soll der Quatsch mit der wunderbaren Welt, schau dich doch mal um.’ Ich weiß, aber ich singe das, damit ihr seht, wie schön die Welt sein kann, wenn wir sie schön machen.“ (SZ/dpa)

Mehr zum Thema Feuilleton