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Je emotionaler, je radikaler, desto besser

Hass und Verschwörungsmythen verbreiten sich gerade über die Sozialen Medien enorm. Was kann man tun, wenn sich jemand im Umfeld radikalisiert?

Wenn aus Klicks Hass wird: Facebook und Co. tragen maßgeblich zur Radikalisierung bei.
Wenn aus Klicks Hass wird: Facebook und Co. tragen maßgeblich zur Radikalisierung bei. © erl/tooonpool.com

Um das Thema Corona ranken sich wilde Verschwörungsmythen. Auf den Demonstrationen gegen die Pandemie-Maßnahmen war zu sehen, dass der Schritt zur Radikalisierung schnell getan ist. Wie lässt sich dem begegnen? Die Dozentin und Journalistin Dana Buchzik hält Workshops und Seminare zum Umgang mit Hass und Verschwörungsmythen. Außerdem berät sie Menschen, die im direkten Umfeld mit Radikalisierung konfrontiert sind.

Frau Buchzik, wieso sind Verschwörungsmythen gerade in der jetzigen Pandemie-Zeit so beliebt?

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Verschwörungserzählungen sind nicht neu, Vorstufen gab es schon in der Antike. Aktuell sehen wir aber drei Faktoren, die als Beschleuniger wirken: Zum einen eine globale Pandemie, die viele Selbstverständlichkeiten unseres Lebens einfach ausgehebelt hat. Zum anderen wenig regulierte Messenger-Dienste wie Telegram, wo sich Menschen sehr schnell radikalisieren können, weil es keine Moderation und keine alternativen Meinungen gibt. Und nach wie vor: die Aufmerksamkeitsdynamik der Sozialen Medien.

Wie genau wirken die Sozialen Medien?

Manche stellen sich das Internet ja als „Marktplatz der Ideen“ vor: Es gibt eine Fülle von Angeboten, und jeder pickt sich einfach raus, was ihm gefällt. So funktionieren aber die Sozialen Medien nicht. Der Algorithmus belohnt nur, was Interaktionen triggert, das heißt, je emotionaler, je radikaler, desto besser. Das Gemäßigte rutscht in die Unsichtbarkeit. Dazu kommt ein Problem namens Gruppenpolarisierung: Menschen, die in einer Gruppe von Gleichgesinnten diskutieren, gehen mit einer deutlich verschärften Meinung aus der Diskussion heraus.

Woran liegt das?

Wir alle suchen Bestätigung. Wir reden am liebsten mit Menschen, die unserer Meinung sind. Wenn wir für unsere Meinung bestätigt werden, fühlt sich das gut an. Davon wollen wir mehr. Also setzen wir noch einen drauf: Wir verstärken unsere Ansichten, in der Hoffnung, noch mehr Bestätigung zu bekommen. Und natürlich werden unter Gleichgesinnten auch vor allem Argumente ausgetauscht, die die eigene Position stärken. So können sich die Mitglieder geschlossener Gruppen sehr schnell hochschaukeln. Vor allem in den Sozialen Medien verbreiten sich Verschwörungsmythen und Hass leicht. Das liegt vor allem an der Flut radikaler Inhalte insgesamt, es ist aber auch ein hausgemachtes Problem.

Inwiefern?

Soziale Medien nutzen sogenannte recommender systems, also Empfehlungsalgorithmen, um Menschen so lange wie möglich auf ihrer Seite zu halten. Wir kennen das von Amazon: „Kunden, die diesen Artikel angesehen haben, interessierten sich auch für…“ Oder die Empfehlung ähnlicher Videos und Autoplay bei YouTube. Viele Aussteiger aus Rechtsextremismus und Islamismus haben YouTube als wichtigen Bestandteil ihrer Radikalisierung bezeichnet. Bei Facebook war seit 2016 bekannt, dass satte 64 Prozent aller Beitritte in extremistische Gruppen auf Facebooks eigene Empfehlungsalgorithmen zurückgingen.

Soziale Medien tragen also konkret zur fortschreitenden Radikalisierung bei?

Absolut. Sie schaffen die Bedingungen dafür, dass Menschen immer wieder mit radikalen Inhalten in Berührung kommen. Etwa durch die Empfehlungen radikaler Texte, Videos und Gruppen. Radikalisierte Menschen sind eine sehr attraktive Zielgruppe für Soziale Medien: Sie konsumieren exzessiv, sie kommentieren und teilen hochfrequent. Sie verbringen also nicht nur sehr viel Zeit auf den Plattformen, sondern sie motivieren auch andere dazu. Und je länger Menschen auf den Plattformen bleiben, desto höher werden die Werbeeinnahmen für die Firmen selbst.


Dana Buchzik berät zu den Themen Hass im Netz, Verschwörungserzählungen und Radikalisierung
Dana Buchzik berät zu den Themen Hass im Netz, Verschwörungserzählungen und Radikalisierung © Pierre Horn

Warum ist es eigentlich so schwer, dem Bekannten, der an Verschwörungsmythen glaubt, argumentativ zu begegnen?

Es ist nicht schwer, es ist sinnlos! Wenn Sie einem passionierten Raucher erklären, dass Rauchen nicht gut für die Gesundheit ist, wird er dann sofort die Zigarette wegwerfen und Ihnen mit Tränen in den Augen für diese Information danken? Das Problem ist nicht, dass die radikale Person bis gerade eben unter einem Stein gelebt hätte und jetzt sehnsüchtig darauf wartet, dass Sie ihr die Welt erklären. Das Problem ist, dass radikale Ideologien eine Funktion erfüllen. Sie bieten Vorteile. Es geht darum, zu verstehen, welche Vorteile das sind. Erst dann können wir wirklich helfen. Aber es ist sicherlich der schwerere Weg, mit diesen Menschen in Kontakt zu bleiben.

Auf den Corona-Demos sah man neben Skeptikern auch Rechtsextreme. Wann wird aus Verschwörungsgläubigkeit eine radikale Haltung?

Radikalisierung ist keine Frage von „vorhanden“ oder „nicht vorhanden“. Sie ist eine Frage der Ausprägung. Stellen Sie sich einen Lautstärkeregler vor. Im Alltag haben wir permanent mit ganz leisen Formen der Manipulation zu tun. Werbung zum Beispiel. Oder der Vorgesetzte, der uns zu Überstunden überredet, obwohl wir dringend Feierabend bräuchten. Radikalisierung bedeutet, dass dieser Lautstärkeregler immer weiter hochgedreht wird. Verschwörungsglauben zählt schon zu den deutlich gefährlichen Formen der Radikalisierung. Die Forschung zeigt, dass Verschwörungsgläubige Gewalt eher als legitimes Mittel der Meinungsäußerung bewerten. Mehrere Attentäter der jüngeren Vergangenheit, darunter der Pittsburgh-Schütze, der 2018 elf Menschen in einer Synagoge getötet hat, und die Attentäter von Halle und Hanau glaubten an antisemitische Verschwörungserzählungen.

An welchem Punkt ist Radikalisierung so weit vorangeschritten, dass sie sich nicht mehr aufhalten lässt – wann sollte man sich als Angehöriger oder Freundin selbst schützen?

Natürlich ist Selbstschutz fundamental wichtig. Wir müssen und sollten uns zum Beispiel nicht beschimpfen lassen, uns nicht zum Mülleimer für Aggressionen machen. Sobald jemand Gewaltfantasien äußert, braucht es sofort professionelle Hilfe, sei es eine Beratungsstelle oder in akuten Fällen auch die Polizei. Andererseits erlebe ich immer wieder, dass sich Menschen hinter dem Deckmantel „Selbstschutz“ verstecken. Und sagen, ich hab’s ja versucht, der oder die will aber gar keine Hilfe. „Hilfe“ besteht in den Augen dieser Menschen aber ausschließlich darin, die radikale Person mit Argumenten zu bombardieren. Da wird dann auf Nachrichtenseiten verlinkt und noch ein Buchtipp draufgelegt, und dann soll die radikale Person bitteschön alleine wieder zu Verstand kommen.

Wie kann ich einem Menschen in meinem Umfeld, der sich radikalisiert, denn dann helfen?

Wer sich radikalisiert, erzählt sich das eigene Leben als Heldengeschichte. Das eigene Leben wird massiv aufgewertet: Der Radikale ist jetzt ein strahlender Retter, von dem die Zukunft der freien Welt abhängt. Natürlich wird er aggressiv reagieren, wenn wir ihm das wegnehmen wollen. Vor allem, wenn wir keine Alternative anzubieten haben, um das eigene Leben auch ohne Radikalisierung als sinnvoll wahrzunehmen. Die Extremismusforschung zeigt, dass Freunde und Verwandte mächtige Allianzen im Kampf gegen Radikalisierung sind. Sie wissen, was der radikalen Person früher wichtig war. Was ihre beruflichen und privaten Ziele waren. Was in ihrem Leben Bedeutung hatte. Was Trost und Mut gespendet hat. Erst wenn wir das verstanden haben, können wir Gegenangebote machen. Wir können sozusagen eine alternative Heldenreise entwerfen.

Sind Sie optimistisch, dass sich die Zeiten auch wieder beruhigen werden? Oder müssen wir uns darauf einstellen, dass die gesellschaftliche Spaltung weiter voranschreitet?

Die große Mehrheit unserer Gesellschaft ist nicht radikal, das sollten wir nicht vergessen. Wir leben nicht nur in einer Blütezeit der Verschwörungsmythen, sondern auch in einer Zeit, in der viele Menschen sich sozial engagieren und für humanistische Werte einstehen. Aber zugegeben: Es ist gerade nicht so leicht, optimistisch zu bleiben. Auch eine radikale Minderheit kann in einer Gesellschaft großen Schaden anrichten.

Sie beraten in Kursen und ehrenamtlich zum Umgang mit Hass und Verschwörungsmythen. Wer wendet sich an Sie?

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Der produktive Umgang mit Hass und anderen Formen der Radikalisierung ist mittlerweile eine wichtige Kernkompetenz in vielen Berufsfeldern. Meine Kunden kommen vor allem aus dem Nonprofit-Bereich. Ab dem Wintersemester unterrichte ich an der Freien Universität Berlin zum Thema. Außerdem berate ich ehrenamtlich Freunde und Angehörige von Menschen, die sich radikalisieren. Hier zeigt sich immer wieder, dass Warnzeichen lange ignoriert wurden. Erst seit der rassistische Onkel oder die Impfgegnercousine nach Berlin gefahren ist, um bei der Querfront mitzulaufen, ist vielen klar geworden, dass es da ein ernsthaftes Problem gibt. Dabei ist es meist schon viel früher losgegangen.

Die Fragen stellte Johanna Lemke.

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