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Warum wir in der Krise egoistisch werden

Essen, Autos, Impfstoffe: Menschen teilen gern, doch es gibt etwas, das sie daran hindert. Eine Neurowissenschaftlerin weiß, woran das liegt.

Wenn sie die Wahl haben, entscheiden Menschen sich für Kooperation, haben Neurowissenschaftler herausgefunden.
Wenn sie die Wahl haben, entscheiden Menschen sich für Kooperation, haben Neurowissenschaftler herausgefunden. © www.plainpicture.com

Wenn Franca Parianen von „Schönheit“ spricht, dann meint sie keine Sonnenuntergänge. Die Kognitions- und Neurowissenschaftlerin sieht Schönheit im Ergründen menschlichen Verhaltens durch Hormone oder Gehirnströme. In ihrem neuen Buch „Teilen und Haben“ beschäftigt sich Parianen mit einer der wichtigsten Fragen dieser Zeit, die sich in der Corona-Krise besonders häufig stellt: Warum fällt es uns so schwer, gerecht zu sein?

Man hat das Gefühl, die Menschen werden immer egoistischer – Sie aber behaupten, Menschen seien zum Teilen geboren. Wie kommen Sie darauf?

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Es ist das, was wir am besten können. Stellen Sie sich folgende Situation vor: Zwei Kinder wissen, dass auf einem Schrank zwei Schokoriegel liegen. Es ist völlig klar, dass sie sich eine Räuberleiter bauen, die Schokoriegel herunterholen und danach aufteilen. Kein Kind, das oben auf der Räuberleiter steht, würde auf die Idee kommen, sich die Schokolade in den Mund zu stecken und zu sagen: Du da unten bekommst nichts. Dann würde das untere Kind ja nie wieder mit ihm spielen. Diese Einsicht gelingt den wenigsten Lebewesen.

Unser Antrieb ist Zusammenarbeit?

Genau, denn dann stehen wir mit mehr da. Als Kind machen wir uns einfach nicht den Gedanken, was passiert, wenn das andere Kind mit der ganzen Schokolade wegrennt. Sobald wir entscheiden, machen wir in unserem Kopf die Gemeinschaftsrechnung. Auf dieser Kompetenz baut alles in der menschlichen Entwicklung auf.

Wie lässt sich die Fähigkeit, zu kooperieren, im Gehirn nachweisen?

In neurowissenschaftlichen Studien sehen wir: Die intuitive Antwort ist fast immer die pro-soziale. Wenn wir die Möglichkeit haben, zu kooperieren oder nicht zu kooperieren, entscheiden wir uns meistens für die kooperierende Option. Andere hängen zu lassen ist dagegen kognitiv anstrengend.

Wieso passiert es dann häufig, dass wir uns nicht im Sinn des Gemeinwohls entscheiden?

Das, was uns fair macht, ist gegenseitige Abhängigkeit. Seit Menschen sesshaft sind, haben sie aber die Möglichkeit, Reichtum anzuhäufen. So ist ein Machtungleichgewicht entstanden, das es uns erlaubt, anderen nichts oder zu wenig vom Gewinn abzugeben. Vor solcher Willkür müssten wir die schwächeren Kooperationsparteien schützen. Stattdessen fördern wir lieber den Reichtum selbst – nach der modernen Annahme: Wenn genug Geld bei den Reichen liegt, ist das gut für alle. Dabei ist das nur so, wenn das Geld zirkuliert und in Gemeingüter investiert wird.

Die Ökonomisierung hat uns die Kooperation abtrainiert?

Genau. Erwachsene haben negative Grundannahmen verinnerlicht wie „Gib auf keinen Fall etwas ab, dann hast du weniger!“. Sie gehen davon aus, dass Menschen keinen Sinn für Kooperation haben und dass Vertrauen schlecht ist. Doch dieses Verhalten liegt uns Menschen eigentlich nicht.Aber warum ziehen wir unseren Besitz vor, wenn wir doch so gern teilen?Gemeinschaftsgewinn hin oder her, wenn Geld erst mal in unseren Besitz übergegangen ist, geben wir es ungern wieder raus. Versuche zeigen: Je mehr wir haben, desto weniger geben wir ab.

Derzeit wird viel über Privilegien für Geimpfte diskutiert. Offenbar fällt es uns Menschen nicht leicht, wenn wir feststellen, etwas ist nicht gerecht verteilt. Woher kommt diese Sensibilität?

Menschen haben eine grundegalitäre Einstellung. In dieser ist uns unser eigenes Gut aber am nächsten: Wenn jemand anderes mehr hat als wir, stört uns das mehr, als wenn wir mehr haben als jemand anderes. Wir sehen auch unseren Gewinn im sozialen Kontext: Haben wir das Gefühl, wir werden unfair behandelt, macht uns das aggressiv und frustriert. In der Wirtschaft wird häufig übersehen, dass Menschen nicht arbeiten können mit dem ständigen Gefühl, dass sie ungerecht behandelt werden. Und Appellieren an Großzügigkeit hilft nicht.

Warum das?

Großzügigkeit liegt uns als Menschen gar nicht so. Leider haben wir als Gesellschaft sehr lange genau auf sie gesetzt. Doch anstatt zu sagen, dass Milliardäre großzügiger werden müssen, sollten wir fragen: Wie kann es sein, dass die so viel Gewinn machen, während andere dafür mit Mindestlohn schuften? Die fundamentale Erkenntnis, die unsere Spezies ausmacht, ist: Zusammenarbeit funktioniert nur, wenn alle am Gewinn beteiligt werden. Das muss auch in der Wirtschaft klar werden.

Auch in den neuen Bundesländern haben viele das Gefühl, nicht gerecht behandelt zu werden. Was denken Sie, woher kommt das?

Die neoliberalen Grundsätze oben bestimmen auch die Politik der Wiedervereinigung: Der Markt regelt. Es wurde nicht gefragt, wie für ein Macht-Gleichgewicht gesorgt werden kann oder dafür, dass die eine Seite die andere nicht ausbeuten kann. Da ist wahnsinnig viel schiefgelaufen. Leider hält sich bis heute quasireligiös der Grundsatz, Steuererleichterungen für die Reichen seien die Lösung – obwohl es so viele Metaanalysen gibt, die das widerlegen.

Franca Parianen, Autorin des Buchs "Teilen und Haben" Foto: TH & AI
Franca Parianen, Autorin des Buchs "Teilen und Haben" Foto: TH & AI © TH & AI

Es gibt bereits viele Ideen, die aufs Teilen setzen: Car-Sharing, Gemeinschaftsgärten oder geteiltes Werkzeug in der Nachbarschaft. Wieso setzen sich diese Modelle nicht in der Breite durch?

Das sind singuläre Versuche. Wir sehen es nicht als Grundlage unserer Werte, dass wir gemeinsam investieren müssen. Stattdessen reden wir nur über Verlust oder darüber, wozu wir bereit sind zu verzichten. Das sieht man auch bei globalen Fragen wie denen des Umweltschutzes, des Gesundheitssystems oder der Wissensvermittlung: All diese Bereiche werden als Verlustgeschäft gesehen. Die Werte, die entstehen, wenn wir in öffentliche Güter investieren, die Erfindungen, die zum Beispiel auf Unis zurückgehen, der Wert von Pflege- und Erziehungsarbeit, kommt in den Rechnungen nicht vor. Alles, was uns wirklich zugutekommt, fällt uns als Minus auf.

Während der Corona-Pandemie schützen junge, wenig gefährdete Menschen die Risikogruppen. Wieso tun sie das bloß?

Wir Menschen sind intuitiv sozial. Es ist keine großzügige Entscheidung, sondern es ist einfach das, was Menschen tun. Wir sind voneinander abhängig, darum unterstützen wir uns gegenseitig. Das ist die Grundlage unserer Zivilisation. Am Anfang der Krise gab es die Entscheidung: Wir bleiben zu Hause. Viele haben ihre Bewegungen eingeschränkt, schon bevor die Maßnahmen anfingen.

Wann ist diese gesamtgesellschaftliche Kooperation in der Pandemie gekippt?

Als die Politik begann, wirtschaftliche Interessen einzubeziehen und zu sagen: Die Menschen müssen wieder einkaufen gehen dürfen. Darum stecken wir seit Monaten in einem Limbo, aus dem wir nicht herauskommen.

Darum haben wir unser Verhalten von kooperativ hin zu egoistisch verändert?

Unser Sozialverhalten hat viel damit zu tun, ob es etwas bewirkt. Menschen spenden etwa nur dann, wenn sie wissen, dass etwas Gutes damit bewirkt wird. So ist es auch in der Corona-Zeit: Wir schränken uns monatelang ein, aber weil die Maßnahmen zu schwach sind, bringt es wenig bis gar nichts. Es gibt keine Perspektiven und keine Erfolge – und der Verlust von Kontrolle ist für Menschen der größte Stressor.

Mit welcher Folge?

Wenn Menschen Kontrollverlust spüren, ist das ein Einfallstor für Populismus oder Verschwörungstheorien: Durch sie wird die Welt wieder einordenbar. Was unkontrollierbar schien, wirkt fassbar. Mit dem zusätzlichen Bonus, dass ich als Person, die vorher nicht so viel verstanden hat, auf einmal Geheimwissen aus dem Internet habe. Ich kann mich also sogar überlegen fühlen. Als Teil einer Verschwörungsgruppe habe ich das Gefühl, dass ich die Situation handhaben kann.

Haben Sie die Hoffnung, dass wir zurückkehren zu mehr Miteinander?

Wir sind gerade alle wahnsinnig frustriert, das ist keine schöne Erfahrung. Aber es liegt auch eine Chance darin, denn wir könnten sagen: Was bringt das Festhalten am Status quo? Lasst uns doch lieber radikale Dinge verändern, wenn wir merken, dass kleine Änderungen nichts bringen.

Welche Änderungen meinen Sie?

Niemand sollte mit seiner Arbeit Gewinne schaffen, an denen er nicht beteiligt wird. Weltweit lehnen Menschen Lohngefälle ab, die mehr als das Zwanzigfache betragen. Diese Probleme kann man über Gesetze und Mindestlöhne angehen oder auch eine Verschiebung der Machtposition, über stärkere Gewerkschaften oder ein Grundeinkommen. Alles, damit Menschen wieder in einer Verhandlungsposition sind und nicht Arbeit für einen Lohn leisten müssen, von dem sie nicht leben können. Und wir brauchen wirklich Veränderungen im Steuersystem, sodass Vermögen stärker besteuert wird und Erbe mehr als Arbeit. Zuletzt müssen wir aufhören, immer nur die Kosten von Visionen zu hinterfragen, aber nie die des Status quo.

Das Gespräch führte Johanna Lemke.

Franca Parianen: „Teilen und Haben“, Dudenverlag, 144 Seiten, 12 Euro.

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