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Jetzt habe ich verstanden, wie Sachsen tickt

Die vierte Landesausstellung zur Industriekultur litt ebenfalls unter Corona. Die Veranstalter machten auch beim Bilanzieren das Beste draus.

Die Themenschau "AutoBoom“ in Zwickau war Zuschauermagnet der Landesausstellung: 31.500 Besucher kamen.
Die Themenschau "AutoBoom“ in Zwickau war Zuschauermagnet der Landesausstellung: 31.500 Besucher kamen. © Foto: Horch-Museum Zwickau

Kohle und Maschinen, Textilien und Autos: Die reichhaltige Vergangenheit seiner Industriekultur ist ein zentraler Identitätsstifter des Freistaates Sachsen. Umso erstaunlicher war es, dass seit den entsprechenden „Handlungsempfehlungen“ 2009 über eine Dekade vergehen musste, bis es nach mehreren Verschiebungen und Verlegungen am 11. Juli 2020 endlich zum „Boom“ kam, zum Startschuss der vierten Sächsischen Landesausstellung, nun über die Industriekultur, coronabedingt noch einmal mit zehn Wochen Verspätung.

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Am Freitag zogen die Verantwortlichen Bilanz, die den Umständen entsprechend positiv ausfiel: Über 100.000 Besucher fanden den Weg in eine oder mehrere von sieben Stationen der Schau zwischen Freiberg mit Zittau. Was unter pandemiefreien Umständen eigentlich „drin“ gewesen wäre, zumal bei diesem populären Thema, lässt sich nur erahnen. Etwa im Vergleich mit der letzten Landesausstellung über die alte Handelsstraße Via Regia, die 2011 nur in Görlitz stattfand und trotzdem knapp 170.000 Besucher anzog. So besehen, hätte „Boom“ sicher das Dreifache seiner tatsächlichen Bilanz verbuchen können.

Wo der „erste Aktivist der sozialistischen Arbeit“ haute

Unter den gegenwärtigen Bedingungen sei die Zahl von über 100.000 Besuchern jedoch als beachtlicher Erfolg zu werten, sagte Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU) auf der Pressekonferenz. „Das Leben vieler Sachsen ist eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Freistaats verbunden. In fast jeder Familie findet sich jemand, der mit dem Bergbau, Textilien, der Eisenbahn oder dem Autobau zu tun hatte und Geschichten erzählen kann“, so Klepsch. „Deshalb ist das Thema in Sachsen so überaus lebendig und beliebt, das hat die Ausstellung mit ihren vielen Schauplätzen gezeigt.“

Wenig überraschend: Unter den sieben Teil-Ausstellungen war „AutoBoom“ in Zwickau der Publikumsliebling und konnte, eingerechnet das Horch-Museum, 31.500 Besucher zählen. 5.500 weniger fanden den Weg in die Chemnitzer zentrale Schau. Dass „KohleBoom“ am Schauplatz des normenbrechenden Helden und „Ersten Aktivisten der sozialistischen Arbeit“ Adolf Hennecke, dem Bergbaumuseum Oelsnitz, sein Potenzial ohnehin nicht komplett ausschöpfen konnte, war von vorneherein klar: Die Anlage wird bis 2023 umgebaut. Immerhin 8.000 Menschen kamen trotzdem.

Wo Adolf Hennecke die Norm sprengte: Das Bergbaumuseum Oelsnitz konnte sein Potenzial nicht komplett ausschöpfen; es befindet sich im Umbau. 8.000 kamen trotzdem.
Wo Adolf Hennecke die Norm sprengte: Das Bergbaumuseum Oelsnitz konnte sein Potenzial nicht komplett ausschöpfen; es befindet sich im Umbau. 8.000 kamen trotzdem. © Foto: Bergbaumuseum Oelsnitz

"Boom"-Projekte für die Zukunft nutzen

Besonders enttäuschend war das Krisen-Handicap für die Sonderausstellung „F.I.T. for future“. Sie blickte in Gegenwart und Zukunft und präsentierte mit besonderem Marketing-Ansinnen die Innovationskraft der sächsischen Wirtschaft gezeigt. „Coronabedingt musste die Ausstellung leider vorzeitig geschlossen werden“, erklärte Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD). „Um die Inhalte dennoch einem interessierten Publikum zugänglich zu machen, geht die Ausstellung online.“

Nun wird es darauf ankommen, wie sich die ausgebremste Kraft von „Boom“ weiter nutzen lässt. „Die Schauplatzausstellungen AutoBoom im August Horch Museum und MaschinenBoom im Industriemuseum Chemnitz werden unabhängig von der Landesausstellung als eigene Sonderschauen bis ins Jahr 2021 verlängert“, sagte Oliver Brehm, Leiter des Industriemuseums Chemnitz. Doch auch dort muss man zunächst auf das Ende des Lockdowns warten. Die „Boom“-Standorte Energiefabrik Knappenrode und Tuchfabrik Crimmitschau sollen erhalten werden und dafür zusätzliche Mittel aus dem kommenden Doppelhaushalt fließen.

"Für das Selbstverständnis der Bürgerinnen und Bürger"

Ein von Zahlen – auch vom 18-Millionen-„Boom“-Budget - unabhängiges Fazit zog Klaus Vogel: „Die Landesausstellung hat gezeigt, dass Sächsische Landesgeschichte nicht ohne den Aspekt der Industriekultur geschrieben werden kann, weil sie zentral ist für das Selbstverständnis der Bürgerinnen und Bürger.“ Besonders gefiel dem Direktor des Deutschen Hygiene Museums die Reaktion eines auswärtigen Besuchers auf „Boom“, der gesagt habe: „Jetzt habe ich verstanden, wie Sachsen tickt.“ Das muss wohl als Kompliment gelesen werden. „Besser kann man es nicht sagen“, findet Vogel.

Die Kulturministerin hegt auch aus ihrer gleichzeitigen Ressortverantwortung für den Tourismus heraus entsprechende Hoffnungen. „Bestehende und noch entstehende attraktive Standorte der Industriekultur werden auf der touristischen Landkarte Sachsen eine immer größere Bedeutung annehmen und mit anderen touristischen Angeboten immer mehr verwachsen“, so Barbara Klepsch. Alles Weitere: nach der Pandemie.

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