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Junge Deutsche brilliert in Hollywood

Preisverdächtig: Im Westernfilm „Neues aus der Welt“ begeistert wieder Helena Zengel an der Seite von Tom Hanks.

Helena Zengel und Tom Hanks in einer Szene aus "Neues aus der Welt" - derzeit bei Netflix zu sehen.
Helena Zengel und Tom Hanks in einer Szene aus "Neues aus der Welt" - derzeit bei Netflix zu sehen. © Universal Pictures/AP

Von Andreas Körner

Sie schreit. Sie quiekt. Und dann beißt sie Tom Hanks in die Hand. Helena Zengel, zwölfjährig, hat in diesem Film vielleicht kein System zu sprengen, aber ihre Figur der schwer zu lenkenden Benni bricht sich gleich am Beginn ein weiteres Mal Bahn. Das Schreien, Quieken, Beißen hat man schon gesehen und gehört. Es hatte uns gepackt, dort, wo das Schlafittchen ist.

„Systemsprenger“ von 2019 wirkt natürlich nach. Dieses Drama eines Sozialdilemmas war der Grund, weshalb die tief blauäugige und nicht minder blonde Jungdarstellerin Zengel noch im selben Jahr nach Hollywood und auf der deutschen Kinotour zur Premiere nur per Videobotschaft vom Pferd grüßen musste.

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Der Sprung über den Teich war für Helena Zengel zugleich einer durch Jahrhunderte. Man schreibt jetzt 1870, Texas liegt waidwund am Boden wie große Teile der nicht mehr ganz so vereinigten Staaten von Amerika, obwohl das Ende des Bürgerkriegs wieder die Einheit proklamierte. Dieser Krieg ohne Gewinner liegt fünf Jahre zurück, die Menschen in den südlich-ländlichen Regionen ringen mit Armut und einem sich nur zäh verändernden Umgang mit Schwarzen und Ureinwohnern.

Helena Zengel als Benni in einer Szene des Films "Systemsprenger".
Helena Zengel als Benni in einer Szene des Films "Systemsprenger". © Yunus Roy Imer/Port au Prince Pictures/dpa

Captain Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks) ist Veteran mit angegriffener Seele. Fünf Jahre war er nicht daheim, nicht bei seiner Frau. Gleich nach dem letzten Schuss hat sich der ehemalige Zeitungsherausgeber und Druckereibesitzer dazu entschlossen, als berittener Zeitungsvorleser und Erzähler übers Land zu reisen und den Provinzmenschen, die selbst zumeist nicht lesen können, „Neues aus der Welt“ zu bringen. Sie werfen das, was sie an Münzen entbehren können, in eine Büchse, versammeln sich in einem spärlich beleuchteten Raum und hängen Kidd an den Lippen. Dass irgendwo da draußen die Meningitis ausgebrochen sei, quittieren sie mit einem entsetzten Murmeln, bei politischen Meldungen gibt es schon mal einen handfesten Kommentar, bei lustigen Storys befreiendes Lachen.

Als der Captain eines Morgens weiterzieht, findet er im Gebüsch einen umgekippten Planwagen, einen Toten und – Helena Zengel. Sie schreit. Sie quiekt. Sie beißt ihm in die Hand. Erst nach und nach wird klarer, was es mit diesem wilden Mädchen auf sich hat. Nicht durch Reden, denn die Sprache der Kleinen ist Kiowa, es sind zudem nur Brocken der Angst und des Misstrauens. Behördliche Papiere, die Kidd entdeckt, belegen, dass er es mit einem deutschstämmigen Kind zu tun hat, Johanna Leonberger, als Baby entführt, sechs Jahre bei Indianern aufgewachsen, im Grunde doppelte Waise und zu deutschen Verwandten zu überstellen. Doch der, der es vollziehen sollte, hängt am Baum, anbei ein Zettel mit der Aufschrift: „Texas sagt nein! Dieses Land gehört den Weißen!“.

Der Cast von "Systemsprenger" (l-r): Lisa Hagmeister, Regisseurin Nora Fingscheidt, Helena Zengel und Albrecht Schuch kommen zur Verleihung des Europäischen Filmpreises. Das Drama gewann die Goldene Lola als bester Spielfilm.
Der Cast von "Systemsprenger" (l-r): Lisa Hagmeister, Regisseurin Nora Fingscheidt, Helena Zengel und Albrecht Schuch kommen zur Verleihung des Europäischen Filmpreises. Das Drama gewann die Goldene Lola als bester Spielfilm. © Archiv/Jörg Carstensen/dpa

Immer, wenn ein neuer Western ins Kino kommt oder notgedrungen via Stream plattgeformt wird, ist man geneigt, ihm die Worte „guter, alter“ anzuhängen. Das Genre überlebt im Filmkanon, wenn es starke Geschichten zu klassischen Bildern bringt. Regisseur Paul Greengrass fand seine Vorlage in Paulette Jiles Roman „News From The World“ (2016), der noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Was verwundern darf und das nicht nur allein durchs Sujet, sondern auch durch prägnante Allegorien auf aktuelle US-amerikanische Zustände. Ein gespaltenes Land, unbewältigter Rassismus, Wunsch nach Versöhnung, Umgang mit der Presse – keine Fragezeichen!

Als Film vernetzt „Neues aus der Welt“ diese Aspekte mit aller Unaufdringlichkeit, setzt auf ruhiges Tempo, natürlich auch auf Reiter, Pistolen und die ewigen Weiten samt Sandsturm, behandelt jedoch speziell seine beiden Hauptcharaktere mit feiner Neugier, sensibler Zuwendung und der nötigen Sorgfalt. Da werden keine mühsam überraschenden Wendungen auf 400 Meilen Weg von Captain Kidd und Johanna platziert, die lieber ihren indianischen Namen Zikade hören mag, weil ihr das Deutsche in ihrem jungen Leben zu fremd ist. Da geht es um Verstehen über Herztöne, das Verbindende aus Verletzungen und einem Trauma heraus, ums Erinnern und die Weigerung, dieses Erinnern zuzulassen.

Tom Hanks darf ein wenig gebrochenes Kiowa und Deutsch sprechen, Helena Zengel hat vor allem ohne zusammenhängende Dialogsätze Präsenz zu zeigen. Das gelingt ihr ein nächstes Mal grandios. Mit einem Blick, der säbeln und streicheln kann, blitzschnell von Wehmut und Traurigkeit auf Angriff schaltet. Mit erstaunlich wissender Körpersprache.

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Dieses Talent ist im deutschen Film besonders rar gesät. Bei nächsten Projekten wäre darauf zu achten. Begabung braucht Pflege und Umsicht. Der Golden Globe, für den Helena Zengel nominiert ist und den sie demnächst vielleicht sogar bekommt, sollte nicht blenden.

Der Film ist ab sofort streambar auf Netflix.

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