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Dresdner will an Deutschlands Musikspitze

Caspar Hoba ist einer von 726 Teilnehmern bei "Jugend musiziert". Der Wettbewerb findet trotz Corona statt - unter gewöhnungsbedürftigen Bedingungen.

Warum ein Waldhorn? „Hornisten sind cool, zumindest kenne ich nur solche“, sagt Caspar Hoba..
Warum ein Waldhorn? „Hornisten sind cool, zumindest kenne ich nur solche“, sagt Caspar Hoba.. © kairospress

Die Visitenkarte dauert knapp sieben Minuten. Wenn der junge Hornist Caspar Hoba das Stück „Im Wald“ des Franzosen Eugene Bozza spielt, dann muss er Farbe bekennen. Das Stück ist schwer, erfordert unter anderem Lippentriller und das sogenannte Handstopfen, bei dem durch Einführen der Hand in den Schalltrichter die Tonhöhe verändert wird. Darüber hinaus ist große Flexibilität, eine schnelle Zunge und die Beherrschung der Extreme der Hornreichweite gefragt. Kein Wunder: „Im Wald“ wurde 1941 als Prüfungsstück für das Pariser Konservatorium komponiert und Insider sagen, „es tut alles, um den Interpreten zu testen“.

„Das Schöne an dem Stück ist, dass es die Geschichte des Horns als Jagdinstrument nutzt“, sagt der Dresdner: „Es werden berühmte Fanfaren und festliche Hymnen zitiert.“ Einige Stellen erinnern an beeindruckende Momente aus Richard Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“.

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Die Magie von 50 Cent

Diese Klasse wird Caspar in den nächsten Tagen online einspielen, denn der „Wald“ für Horn und Klavier ist einer seiner Beiträge für den regionalen Wettbewerb von „Jugend musiziert“. Der findet derzeit an drei aufeinanderfolgenden Wochenenden statt. Doch der Traditionswettstreit ist diesmal anders, merkwürdig und gewöhnungsbedürftig für alle: Insgesamt 726 Teilnehmer sollen nämlich ihre Wettbewerbsprogramme als Video hochladen. 600 solcher Beiträge haben dann 27 Fachjurys in digitalen Konferenzen zu bewerten.

„Wir haben lange überlegt, wie wir der besonderen Situation, den verschiedenen Unterrichtsbedingungen, technischen Voraussetzungen und den geltenden Corona-Regeln gerecht werden können“, sagt Torsten Tannenberg, Geschäftsführer des Sächsischen Musikrates und Organisator des Wettbewerbes in Sachsen. „Daher veranstalten wir erstmalig Regional- und Landeswettbewerb gemeinsam und haben das Bewertungssystem entsprechend angepasst.“ Die Besten der Besten qualifizieren sich für den Bundeswettbewerb, wollen an Deutschlands Musikspitze ihrer Generationen.

Ob Caspar Hoba wieder die Höchstpunktzahl von 25 erreicht, wie vor einem Jahr mit einem Horn-Trio? Damals gab es Sonderpreise und Einladungen – Corona ließ wenig zu. Nun nimmt der 17-Jährige ein letztes Mal bei „JM“ teil, auch wenn er sagt: „Ich habe immer von älteren Teilnehmern gehört, dass der Wettbewerb, wenn man ihn mehrfach mitgemacht hat, nicht mehr so aufregend und wichtig ist.“ Tatsache ist: Beobachter beklagen mitunter eine fehlende Objektivität bei den nicht pädagogisch geprägten Juroren. „Dass der Bundeswettstreit Pfingsten in Bremen und Bremerhaven stattfindet, glaubt angesichts der Inzidenz-Zahlen ohnehin keiner. Trotzdem versuche ich mein Bestes.“

„Hornisten sind cool“

Seit acht Jahren treibt ihn, den Sohn von Profis, die Musik um. Die Wahl aufs Horn fiel, weil Caspar von einem Lehrer gehört hatte, der seinen Schülern für jede gelungene Etüde 50 Cent spendieren würde. „Das hat mich lange enorm motiviert, auch wenn es Monate dauerte, bis die ersten Töne saßen.“ Die Auffassungsgabe der Jungen war gut. Zumindest sammelte er so viele 50-Cent-Stücke, dass er einmal im Jahr die Eltern zum Eis einladen konnte.

Das Monetäre ist längst nicht mehr der Antrieb. Er habe das Waldhorn mit seinem runden, warmen Ton, das so nach Jagd und Natur klingt, schon immer geliebt. Außerdem: „Hornisten sind cool, zumindest kenne ich nur solche.“

Tatsächlich haben viele Orchester-Hornisten diese Eigenschaft – und das, obwohl sie zu den Schwerstarbeitern im Klangkörper gehören. Wegen ihres enormen Pensums speziell in der Romantik und Klassik, Schwerstarbeiter auch, weil jeder im Saal jeden noch so kleinen Kiekser mitbekommt. Auch der junge Mann ist bereits ein Schufter am schönen Trichterinstrument: „Ich muss ständig üben, sonst geht der Ansatz verloren“, also wie er die Lippen am Mundstück ansetzt. „Ein Tag ohne Üben bedeutet zwei Tage Ackern, um das vorherige Niveau wieder zu erreichen.“

Drei Pläne für die Zukunft

Noch hat Caspar Zeit. Er macht erst nächstes Jahr das Abitur. Dann ein Musikstudium? Dies hänge auch davon ab, wie er sich bis dahin verbessere. Seine Lehrer bescheinigen ihm Talent. „Doch Corona ist angesichts der zur Nichtarbeit verdammten Orchester eigentlich ein Argument gegen den Musiker-Beruf.“ Außerdem sollte man mindestens drei Pläne haben, für Eventualitäten. Caspar schwankt derzeit zwischen Jura, Musik und Journalismus. Auch zu Letzterem kann man ihm raten. Zumindest fiel er beim Praktikum in der Sächsischen Zeitung durch Gefühl für Sprache, große Offenheit und Konzentrationsfähigkeit auf.

Egal, wohin ihn der Weg führt. „Das Interesse an Musik wird bleiben.“ Zu gern geht er in Konzerte, bedauert die derzeitige Stille in Oper und Konzert. Und trauert den eigenen verpassten Möglichkeiten, zu musizieren, nach. Er ist schließlich Mitglied in Sachsens Landesjugendorchester. Letztmals hat dieses im Herbst konzertiert – dessen Ostern-Projekt ist schon abgesagt.

Quasi alle Auftritte fallen weg, auch die bereits von Schülern so geschätzten musikalischen Gelegenheitsgeschäfte, ob solo oder mit Partnern, ob zu Ausstellungseröffnungen oder Schülerkonzerten. Die brachten mitunter etwas Geld ein, vor allem aber Öffentlichkeit und Anerkennung. „Ja, die Muggen fehlen extrem“, sagt Caspar. Braucht jemand einen jungen Virtuosen, der sich musikalisch „Im Wald“ auskennt?

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