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Kästners Roman "Fabian" gibt es nun als brillanten Film

Tom Schilling spielt die Hauptrolle in der Verfilmung von Kästners Roman "Fabian". Sein Spiel ist funkelnd, abgründig. Gedreht wurde auch in Sachsen.

Tom Schilling spielt die Hauptrolle des "Fabian" funkelnd, abgründig – Kino als Feuerstunde.
Tom Schilling spielt die Hauptrolle des "Fabian" funkelnd, abgründig – Kino als Feuerstunde. © DCM Film

Von Andreas Körner

Cornelia fragt: „Wie ist Dresden?“ Fabian sagt: „Anders als Berlin!“ Der junge Mann – Germanist und Sohn, gescheit und verliebt – ist in seine alte Heimat zurückgekehrt, weil ihm die Hauptstadt zu sehr auf den Nägeln brannte, er Luft zum Atmen braucht im Spalt zwischen jubilierendem Glück und schmerzlichem Verlust. Im ländlich gelegenen Elternhaus verwaltet er trotzdem wie im Fieber das „Telefoniergerät“. Denn Cornelia soll, nein, muss sich melden.

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Deutschland atmet Zwischenluft

Sie ist Fabians große, schwierige und, wie sich herausstellen soll, einzige Lebensliebe. Fabian, der mit Vornamen Jakob heißt. In Berlin nur nennt ihn keiner so. Germanist ist er also, Autor will er werden. Dass Fabian mit Anfang 30 die Anstellung in der Werbeabteilung einer Zigarettenfabrik verliert, schmerzt ihn. Weniger aus Gründen nun etwa fehlender beruflicher Erfüllung, sondern weil er das Geld braucht.

Auch Deutschland mit Berlin als Epizentrum atmet 1931 Zwischenluft. Das Gold der Zwanziger ist stumpf geworden, Rufe nach „neuer Ordnung“ werden laut und lauter und bald erhört, junge Menschen sind vergnügungssüchtig oder illusionslos. Plakate mahnen doppeldeutig „Lernt schwimmen!“, erste Hakenkreuze weisen ins kommende Ersaufen, an Mauern brüllt mit roten Lettern „Wählt Thälmann“, es gibt Sex im Atelier und Kaffee im Café.

Auch Fabian und Cornelia sitzen oft in ihrem Lieblings-Etablissement „Spalteholz“. Sie, die Justizreferendarin, Abteilung Film, und angehende Schauspielerin. Er, der besonnene Geselle, eher ein neugieriger Beobachter seiner Umwelt, der sich Hals über Herz in diese Liebe stürzt. Sein Herz hat Heilung nötig, denn im Weltkrieg, dem Ersten, sei es krank geworden.

Fabian und Cornelia verbindet schnell mehr als 80 Mark Miete bei zufällig ein und derselben Wirtin. Zwei, die auch gern zu dritt sind, denn Fabians loyaler Freund Labude lädt zu Tontaubenschießen, Champagner und Frohsinn. Labude, der einfluss- und stinkreiche, aber abwesende Eltern hat, Klugheit offenbart, zu Lessing promoviert, der freies Denken mit Tendenz nach links auslebt und von rechts verraten wird.

Erich Kästners wohl schattigstes Buch

Es ist Erich Kästners wohl schattigstes Buch. 1931, als „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ erschien, zeigt er sich darin nicht nur wie gewohnt melancholisch und humorvoll, sondern um- und weitsichtig, präzise im Erfassen von Stimmungen, auch erotischen, und klug im Dechiffrieren gesellschaftlicher und politischer Signale. Zensur war die Folge, inhaltlicher Eingriff, das Lodern auf dem Bücherberg der Nazis. Erst 2013 wurde die rekonstruierte Originalfassung samt -titel „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ veröffentlicht. Von 1980 stammt die bislang einzige Verfilmung, Theateradaptionen existieren zuhauf, nicht zuletzt aufgrund der Verführung, radikale Parallelen ins Heute zu ziehen. Frank Castorfs fünfstündige Inszenierung am Berliner Ensemble ist jüngstes Ergebnis.

Jetzt, da Dominik Grafs Film mit all seiner Wucht und Opulenz, seinem Wagnis und seiner eindringlichen großen Geste startet, ist die Mutmaßung, es hätte sich zugleich mit „Fabian“ als Kinostoff für immer erledigt, nicht allzu vermessen. So ein Film, sagt der Regisseur, sollte eigentlich so lang sein, wie es dauert, das Buch zu lesen. Drei Stunden? In diesem Falle, ja. Und sofort sei entwarnt: Er hält es aus.

Auf vorzügliche Weise verbindet sich Handlung mit Handwerk, Originaltext mit erfundenem Wort. Es ist ein exzellentes Zusammenspiel aller Beteiligten im weiten Reigen von Kamera und Ton über Kostüm und Maske, leidenschaftlichen Darstellerinnen mit ebensolchen Darstellern auch von kaum auftauchenden, bald wieder verschwindenden Charakteren. Zuvorderst aber: Tom Schilling als Fabian, Saskia Rosendahl als Cornelia und Albrecht Schuch als Labude, die ein deliziöses chemisch-sinnliches Terzett aufführen.

Gedreht auch in Sachsen

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Allein beim Nennen der Elemente, die diesen „Fabian“ filmstilistisch tragen, müssten im Grunde die Zweifel siegen. Da fährt die Kamera am Beginn durch einen Berliner U-Bahnhof von heute raus ans Licht der Dreißiger. Später betreten Figuren das Trottoir, und Stolpersteine aus Messing sind zu sehen. Zwei Erzählstimmen (Jeannette Hain und Joachim Nimtz) sprechen Kästners Sätze, und es fremdelt überhaupt nicht. Die Bilder kommen haarscharf digital, grob Super8, schwarz-weiß aus Archiven, modern gesplittet, im Format wechselnd oder dem Stummfilm entlehnt, rasant geschnitten oder stehen, Atmosphäre saugend, als ruhige Totalen. Gedreht übrigens wurde auch an Originalschauplätzen in Görlitz, Bautzen und der Gemeinde Malschwitz.

Ein Liebesfilm, natürlich! Ein so funkelndes wie abgründiges Zeit- und Sittenbild, fürwahr! Kino als Feierstunde(n) – sowieso!

Der Film läuft in Dresden im Programmkino Ost und in der Schauburg.

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