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"Die Kirche muss die Wut wahrnehmen"

Lisa-Marie Eberharter würde gern katholisch bleiben. Die Kirche macht ihr das schwer. Hier erzählt sie, warum.

Lisa-Marie Eberharter, 22, vor der Dresdner Garnisonskirche. Die Österreicherin hat 2020 den Bachelor in katholischer Theologie und Geschichte an der TU gemacht und ist jetzt Masterstudentin.
Lisa-Marie Eberharter, 22, vor der Dresdner Garnisonskirche. Die Österreicherin hat 2020 den Bachelor in katholischer Theologie und Geschichte an der TU gemacht und ist jetzt Masterstudentin. © ronaldbonss.com

Wenn Jesus heute leben würde, würde er vermutlich aus der Kirche austreten. Das ist keine Überspitzung, ich glaube das wirklich. Ich halte es für absolut verständlich, dass in Köln die Termine ausgebucht sind, um den Kirchenaustritt zu erklären. Es gibt drei Bereiche, in denen die Kirche endlich Signale setzen und Veränderungen vornehmen muss: Bei ihrem Umgang mit sexuellem Missbrauch, mit Frauen und mit Homosexualität. Das muss passieren, damit die, die bleiben wollen, auch weiterhin bleiben.

Seit vier Jahren lebe und studiere ich in Sachsen. Ich gehe jeden Sonntag in die Kirche und engagiere mich in der Gemeinde, vor allem in der Jugendarbeit. Geboren und aufgewachsen bin ich in Österreich, in Tirol, in einer ländlichen, katholischen Gegend. Der Glaube war mir schon in der Kindheit wichtig. Ich habe viele Menschen sterben sehen. Das hat den Blick noch stärker auf das gelenkt, was wichtig ist im Leben. Nicht Besitz, Karriere, Macht. Sondern Liebe, Humor, Güte. Ich würde heute sogar so weit gehen, zu sagen: Die Liebe ist das absolut einzige, das zählt.

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Durch eine Begegnung kam ich nach dem Abitur nach Bautzen. Seit vergangenen Sommer wohne ich in Dresden. Ich lebe sehr gern in Sachsen. Ich habe hier eine ganz andere, reflektierte Art des Katholizismus kennengelernt. In Sachsen sind nur vier Prozent der Menschen katholisch. Man hat es also mit einer kleinen Gemeinschaft zu tun. Da sich die Katholiken und Katholikinnen zu DDR-Zeiten für ihren Glauben rechtfertigen und mit Problemen rechnen mussten, haben sich die meisten intensiv mit der Religion auseinandergesetzt und legen Wert auf selbstständiges Denken. Es wird viel diskutiert, in der Gemeinde, im Studium, bei Freunden, bei den Hauskreisen. Solche Kreise, wo sich Leute untereinander treffen, um über den Glauben, die Bibel, Politisches und Privates zu sprechen, kenne ich aus meiner Heimat nicht.

Homosexualität gilt immer noch als Sünde

Außerhalb des katholischen Milieus werde ich sehr häufig gefragt, warum ich als kritisch und differenziert denkender Mensch noch katholisch bin. Wie ich das aushalte als Frau, dass Frauen aufgrund ihres Geschlechts Ämter in der Kirche verwehrt werden. Theologieprofessoren und Professorinnen müssen damit rechnen, bei kritischen Äußerungen die Lehrerlaubnis entzogen zu bekommen. Auch wenn man Religionslehrerin werden will oder ist, muss man mit solchen Problemen rechnen. Ich habe viele homosexuelle Freunde, mit denen ich über Gott und die Welt diskutiere. Kürzlich meinten einige, sie würden gern mal mitkommen in den Gottesdienst. Und dann verkündete die Glaubenskongregation, Homosexualität sei Sünde, und Sünde könne man nicht segnen. Das ist furchtbar. Das macht mich und viele andere wütend, und meine Freunde sind nicht mitgegangen zum Gottesdienst. Diese Wut der Menschen muss man endlich wahrnehmen. Es gibt viele, die sich jahrelang für die Rechte von Frauen und Homosexuellen eingesetzt haben und jetzt sagen: Das mache ich nicht mehr mit.

Auf der Gemeindeebene bin ich sehr zufrieden mit der Kirche. Ich finde dort auf einer menschlichen und spirituellen Ebene Kraft, Halt, Trost und Gemeinschaft. Aber es ärgert mich, wenn manche Priester oder Kirchenmitarbeitende sagen: „Ihr könnt doch so viel machen in eurer Gemeinde, so schlimm ist das doch gar nicht mit der Situation der Frauen in der Kirche.“ Doch, ich finde es schlimm, und nicht nur ich. Es gärt unter den Katholiken und den Katholikinnen. Aber wenn man die lange Geschichte der Kirche betrachtet, muss man sagen: Es wird vermutlich eine ganze Weile dauern, bis die katholische Kirche Priesterinnen, Kardinälinnen oder sogar eine Päpstin haben wird. Ich wäre schon froh, wenn es weibliche Diakone geben könnte. Diakone dürfen jedoch keinen Gottesdienst alleine durchführen. Die Frauen wären den Männern dann immer noch nicht gleichgestellt. Ich denke, dass ich in meinem Leben noch Diakoninnen erleben werde.

Vielleicht wird es so wie bei den Ministrantinnen. Die waren kirchenrechtlich lange Zeit nicht vorgesehen. Dann gab es eine Ausnahmeregelung für den deutschsprachigen Raum, und in vielen Gemeinden wurden immer häufiger und selbstverständlicher Mädchen im Gottesdienst eingesetzt. Nach Jahrzehnten gängiger Praxis wurde es kirchenrechtlich verankert, also wirklich legal gemacht. Das ist erst einige Monate her.

Die Kirche braucht Demut

Was der Kirche meiner Ansicht nach vor allem fehlt, ist Demut. Dass man sich eingesteht, dass sehr viele Fehler gemacht wurden. Vor allem was die Missbrauchsfälle angeht. Diese Erkenntnis muss man öffentlich machen. Man muss wieder glaubwürdig werden. Transparenz und Glaubwürdigkeit sind entscheidend. 2019 wurde der synodale Weg begonnen. Dort diskutieren die Bischöfe mit Katholikinnen und Katholiken, Laien sowie Verbänden, über den Umgang mit Missbrauch, Sexualmoral, die Stellung der Frauen, priesterliches Leben. Da wird sehr intensiv diskutiert, ich finde das gut und wichtig. Leider haben diese Beschlüsse keine bindende Kraft für die Weltkirche. Grundlegende Entscheidungen und Signale müssen aus Rom kommen. Aber ich hoffe, dass man in Deutschland damit etwas anstoßen kann.

Für mich ganz wichtig ist die Frage des Pflichtzölibats. Es verbietet Liebe aus gar keinem Grund. In der Antike wurden noch Bischöfe und Gemeindevorsteher gesucht, die gute Familienväter sein sollten. Im Mittelalter wurde das Zölibat aus ökonomischen Gründen eingeführt. Man wollte nicht für die Kinder der Priester sorgen, und es war auch Ausdruck der Herabwertung der Frau. Man meinte, es sei eklig, wenn ein Priester eine Frau berührt hat und am nächsten Tag heilige Gegenstände anfasst. Eine Frau galt ja als unrein. Dass an einer solchen Regelung, die nachweisbar so viel Leid und Unglück verursacht hat, festgehalten wird, macht mir, um ehrlich zu sein, Angst.

Wir sehen in vielen Teilen der Welt und in anderen Religionen, dass sich ein religiöses Amt und Familie nicht ausschließen müssen. Viele junge Männer würden gern Priester werden, aber das Pflichtzölibat ist eine Hürde für sie. Man muss ja auch bedenken, welche Männer man dann in den Priesterseminaren mit dieser Regelung heranzieht. Ich bin davon überzeugt, dass Gott so etwas nie gewollt hätte. In der Praxis führt das zu Beziehungen, die als sündhaft gelten. Bei den Ehebesprechungen hört kaum jemand dem Priester bei der Predigt zu, denn was soll ein Priester schon zur Ehe sagen? Das ist eine Farce, die man einfach nicht mehr ertragen mag.

Auf Vergewaltigung folgt Versetzung

Die Kirche muss sich strukturell radikal verändern, auch im Hinblick auf die Missbrauchsproblematik. Als Pädophiler oder Mensch mit absonderlichen Neigungen konnte man sich in der Vergangenheit in den Priesterseminaren und Machtstrukturen verstecken. Niemand fragte nach der Sexualität, man setzte sich nicht auseinander damit. Wenn dann etwas passierte, wurde der Täter versetzt. Was ist das für eine Praxis? Wenn man Kinder vergewaltigt, wird man versetzt, weil die Kirche sagt, denen muss man vergeben. Die Vergebung ist ein so tiefer, wichtiger Gedanke. Aber sie gilt nicht für einen Priester, der jemanden heiraten will, den er liebt. Dann droht ihm im schlimmsten Fall die Exkommunikation. Wenn er „Glück“ hat, verliert er nur seine Existenzgrundlage und seine Berufung. Da stimmt doch etwas nicht.

Dies alles führt dazu, dass die Kirche von der Gesellschaft gar nicht mehr wahrgenommen wird, weil sie als lächerlich empfunden wird, als unglaubwürdig. Dabei hat die Kirche so vieles zu sagen, finde ich. Sie gibt wichtige Impulse, etwa zu sozialen Problemen, zu Armut, zum kapitalistischen Wirtschaften, in jüngster Zeit zur Flüchtlingsfrage, zur Impfstoffverteilung, zur Klimafrage. Wenn sie sich jetzt zu viel Zeit lässt mit den dringend nötigen Veränderungen, wird sie den Anschluss an die Gesellschaft verpassen.

Ich denke noch nicht über einen Austritt nach. Was mir Hoffnung macht und mich in der Kirche hält, sind die vielen idealistischen, engagierten Katholiken und Katholikinnen. Viele Menschen beziehen Stellung und sprechen die Missstände an, wie Maria 2.0 zum Beispiel. Manche Diözesen in Deutschland widersetzen sich den Anweisungen des Vatikans, was das Verbot der Segnungen betrifft. Derzeit finden in katholischen Kirchen Gottesdienste statt, bei denen homosexuelle Paare gesegnet werden.

Die Kirche bezieht sich auf Jesus. Auf einen Mann, der keinen Menschen ausgeschlossen hat, der allen die gleichen Chancen gab und gegen die Vorstellungen seiner Zeit rebellierte. Jetzt, über 2.000 Jahre später, ist die Kirche nicht bereit, das Pflichtzölibat zu lockern oder Frauen als Diakoninnen einzustellen. Wenn die Kirche überleben will, muss sie sich auf ihre Grundwerte besinnen, verschiedene Meinungen zulassen und alle Menschen so akzeptieren, wie sie sind. Die Kirche verbietet aber immer wieder Liebe und macht sich unglaubwürdig. Und was ist eine Kirche ohne Glauben?

Notiert von Christina Wittig-Tausch

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