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Familie Kanneh-Masons ist die musikalischste der Welt

Die Kanneh-Masons gelten als begabteste Musikerfamilie der Welt. Hinter dem Aufstieg der sieben Geschwister aus dem englischen Nottingham steckt harte Arbeit.

Musikalische Familie auf Spitzenniveau: Die Eltern (oben auf der Treppe) mit ihren Kindern bei einem Fototermin in der Londoner Royal Academy of Music.
Musikalische Familie auf Spitzenniveau: Die Eltern (oben auf der Treppe) mit ihren Kindern bei einem Fototermin in der Londoner Royal Academy of Music. © ddp/CA/Fred MacGregor

Von Susanne Kippenberger

Im Hause Kanneh-Mason ruhen die Instrumente niemals. Die Familie hat so viele davon, dass man damit eine ganze Musikalienhandlung füllen könnte – allein vier Klaviere. Und auch sonst ist Stille in dem alten Backsteinhaus in Nottingham ein Fremdwort.

Sieben temperamentvolle Kinder zwischen elf und 24 plus Eltern, allesamt Reggae- und R & B-Fans, die gerne Gesellschaftsspiele spielen – „sie schreien die ganze Zeit“, sagt Mutter Kadiatu. Sie, das sind die Pianistin Isata, der Geiger Braimah, Sheku, der Cellist, Konya (Geige und Klavier), Jeneba (Cello und Klavier), Aminata (Geige und Klavier) sowie Mariatu (Cello und Piano). „Die begabteste Familie der Welt“, so hat Simon Cowell, Produzent und Showmaster von „Britain’s Got Talent“, sie getauft.

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„Großbritanniens musikalischste Familie“ werden sie auch genannt, weltberühmt seit der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle im Mai 2018. Angeblich zwei Milliarden Menschen sahen Sheku Kanneh-Mason damals dabei zu, wie der Teenager, in sich gekehrt und allein, sein Cello spielte. Nicht wenige hat der damals 19-Jährige mit der Innigkeit seines Spiels zu Tränen gerührt. Einer seiner Lehrer bescheinigte Sheku, der 2016 – als erster Schwarzer – den BBC-Titel „Young Musician of the Year“ gewann, eine fast hypnotische Wirkung.


Preise und Stipendien erhalten die Geschwister im Dutzend, treten einzeln, im Duo, Trio oder gleich als Kollektiv im Fernsehen und in großen Konzertsälen auf. Und auf allen Bühnen sind „die Jackson Five der Klassik“ absolute Ausnahmen: Der Anteil an Schwarzen unter klassischen Musikern liegt in den USA und Großbritannien bei unter zwei Prozent. Sie wachsen selten in bildungsbürgerlichen Familien auf, die sich Privatschulen, Musikunterricht und teure Instrumente leisten können.

Die Superlative, die ihnen angeheftet werden, lächeln die drei Kanneh-Masons, die jetzt in Nottingham vor der Videokamera ihres Laptops sitzen, einfach weg. „So denken wir nicht“, sagt Jeneba auf der Wohnzimmercouch, über sich ein grellblaues surrealistisches Gemälde, neben sich Schwester Isata und Mutter Kadiatu, die alle nur Kadie nennen. „Man muss sich auf seine Arbeit konzentrieren, seine eigenen Ziele“, sagt Letztere. „Sonst wird man nur abgelenkt.“

Das klingt, wenn man es so liest, nach Eislaufelterndrill. Doch wenn man sie sieht, wirkt die 57-jährige Mutter von sieben Kindern mit ihren langen Braids, der zarten Figur und dem sanften Lächeln noch immer mädchenhaft. In Interviews schwärmen die Kinder von der Unterstützung durch die Eltern. Die Freude an der Musik, an Beethoven, Schubert und Schostakowitsch ist es, was sie eint. Aber üben, üben und noch härter üben, das tun sie alle. Notfalls im Bad, wenn sich sonst kein freies Plätzchen finden lässt.

Beim Interview strahlen die drei Frauen, sind von schier unfassbarer Harmonie und Freundlichkeit. Nie fällt eine der anderen ins Wort, aufmerksam hören sie zu, ergänzen einander. Nur als es um den Brexit geht, der sie empört, fangen sie gleichzeitig an zu reden, entschuldigen sich aber gleich und lassen der Mutter den Vortritt: „Ich glaube, es ist grundsätzlich falsch, Menschen voneinander zu trennen.“ Die Natürlichkeit und positive Ausstrahlung ist Teil ihres Erfolgs. Für die Mutter ist das Lächeln auch eine Waffe, die Freundlichkeit ein Schutzschild, das sie sich als kleines Mädchen zugelegt hat. Gegen rassistische Anfeindungen, um im britischen Bildungssystem bestehen zu können. „Als Kind lernst du Strategien, um in der Gesellschaft zu überleben. Und das war meine.“

Die Kanneh-Masons sind keine heilige Familie – aber eine gläubige. Ihre Mischung aus Selbstbewusstsein und Bescheidenheit, auch ihr gesellschaftliches Engagement haben damit zu tun. Zudem sind die sonntäglichen Gottesdienstbesuche ein Ruhepol im turbulenten Alltag, wie die Mutter sagt.

Die Kinder sind auf eine öffentliche katholische Schule gegangen, in der Musik eine zentrale Rolle spielt. Jetzt aber hat selbst diese zu kämpfen: wegen gekürzter Etats. Solche wie die Kanneh-Masons, glaubt Kadie, wird es in Zukunft nicht mehr geben. Nicht, wenn es so weitergeht. An Großbritanniens Schulen wurde der Unterricht in den musischen Fächern radikal zusammengekürzt, wenn nicht ganz gestrichen, der Fokus liegt zunehmend auf dem Kern-Curriculum: Englisch, Mathe, Naturwissenschaften.

Die Pandemie verschärft die Situation an den staatlichen Schulen noch. Denn Musikunterricht kostet Geld. Geld, das den Schulen ohnehin fehlt. Doch die Familie sieht darin eine öffentliche Verpflichtung.

Es war ein intensives Jahr für sie. Es ging los mit Shekus Interpretation eines Cellokonzerts des britischen Komponisten Edward Elgar, das er zusammen mit dem Dirigenten Sir Simon Rattle aufnahm. Das Album landete in Großbritannien auf Platz eins der Klassik-Charts. Im Lockdown ging es weiter mit einer einstündigen BBC-Dokumentation und ein bis zwei Facebook-Konzerten in der Woche aus dem Wohnzimmer oder Treppenhaus. Keine Konzertsaalqualität, trotzdem erreichten sie so bis zu eine Million Zuschauer.

Zur selben Zeit beendete die Mutter ihr Buch über die Familie, „House of Music“, das im Herbst erschien. Das Jahr endete mit der ersten gemeinsamen CD aller sieben Geschwister: Camille Saint-Saëns‘ „Karneval der Tiere“, ein Konzert für Kinder. Nicht irgendwo aufgenommen, sondern in den Londoner Abbey Road Studios, vor dem die Beatles einst über den Zebrastreifen liefen.

Dazwischen Preise, Schule und Studium, einige gespielte und viele abgesagte Konzerte, stornierte Reisen – nach Australien zum Beispiel, Nordamerika, Ghana und Antigua, wo die Familie von Vater Stuart ihre Wurzeln hat und die Kanneh-Masons ein musikalisches Projekt für Kinder betreiben. Im Lockdown zogen die erwachsenen Sprösslinge zurück zu Mom and Dad. Und brachten aus London einen brasilianischen WG-Mitbewohner und Musik-Kommilitonen mit, den sie nicht alleine lassen wollten.

Fast wie im Märchen

Ohne die üblichen Reisen und Verpflichtungen hatten sie mehr Zeit, zusammen für ihr Album zu proben – und mehr Zeit für anderes. Tischtennis, Fußball im Park, Kochwettbewerbe und die Gesellschaftsspiele. Mit Klezmerkonzerten auf der Straße haben sie die Nachbarn von der Pandemie abgelenkt. „Ihr habt euch Quizze ausgedacht, Theateraufführungen gemacht“, erinnert die Mutter ihre Töchter. Der Lockdown habe sie nur noch kreativer gemacht, sagen sie.

Es klingt fast wie ein Märchen: zu gut, um wahr zu sein.

Im Mai hat Sheku dann auch noch den mit 15.000 Euro dotierten Lotto-Förderpreis des Rheingau-Musikfestivals bekommen. Nicht allein wegen seiner musikalischen Qualität – „seinem ehrlichen, erdigen Ton“ und dem warmen Vibrato. Sondern, wie es in der Jurybegründung heißt, auch wegen der Lebenseinstellung des Zuckerkranken, der sich nebenbei auch für Wohltätiges im Zusammenhang mit Diabetes engagiert: dass ihm Zusammenhalt, in der Familie und darüber hinaus, Solidarität und Nachhaltigkeit wichtig seien. Aufrichtigkeit und Mitmenschlichkeit würden ihn zum Vorbild und Hoffnungsträger einer ganzen Generation machen.

Hoffnungsträger sind die Kanneh-Masons vor allem für jene, die sich auf den klassischen Konzertpodien bisher nicht wiederfanden. Die Geschwister bügeln sich ihre Haare nicht glatt, sondern tragen zur Abendgarderobe ganz selbstverständlich Afro und Braids-Flechtfrisuren sowie Namen aus der afrikanischen und karibischen Heimat ihrer Großeltern. Die sieben sind heute das, was sie selbst nie hatten: Vorbilder. Aus Mangel an klassischen Musikern, die aussahen wie sie, wurden in der eigenen Familie andere role models installiert. Sportler wie Muhammad Ali – und Bob Marley, der fast so etwas wie ein Hausheiliger zu sein scheint. Und natürlich wurden die Großen zu Vorbildern der Kleinen: erst Isata, die mit einem Stipendium von Elton John in London studiert hat, dann der Geiger Braimah, dem die Mutter ein besonders feines Ohr bescheinigt, und Sheku – die drei haben ein eigenes Trio. „Weil wir immer zusammen waren, haben wir uns gegenseitig unterstützt, auch gepusht“, erzählt Schwester Janeba.

Und die Eltern haben an sie geglaubt. Das ist Kadie Kanneh-Mason besonders wichtig: anderen zu zeigen, „wie viel Talent Kinder haben, was sie erreichen können, wenn du an sie glaubst“, sagt sie.

Von sieben Wunderkindern ist bei den Kanneh-Masons schnell die Rede, auch wenn nicht alle Spitzenmusiker sind. Aber wenn es ein Wunder ist, so doch keins, das vom Himmel fiel. Dahinter steht auch der Verzicht der Mutter auf ihre akademische Karriere als promovierte Anglistin – und ein großer Schuldenberg. Ein neues Klavier zu kaufen, das war immer wichtiger als eine neue Küche. Als Familienkutsche dienen bis heute ausrangierte Großtaxis, die notfalls geflickt werden.

Rassismus im Alltag

Das Wunder hat auch eine Geschichte. Und die hat mit Rassismus zu tun. Kadie und Stuart Kanneh-Mason waren entschlossen, ihren Kindern Türen zu öffnen, die ihnen selbst verschlossen geblieben waren. Kadie wurde in Sierra Leone geboren, wo ihr Vater starb, als sie vier war. Ihre britische Mutter zog die vier Kinder allein in einer Kleinstadt in Wales auf, wo es sonst keine People of Color gab. Stuart wiederum, ein Physiker, der als Manager in der Reisebranche arbeitet, wuchs als Sohn karibischer Einwanderer in beengten Verhältnissen in London auf. „Die 70er-Jahre waren besonders giftig“, sagt Kadie Kanneh-Mason. Für beide war die Familie, das Zuhause ein geschützter Raum, in dem sie zum Vergnügen Cello und Klavier spielten.

Der Rassismus, den die beiden im Alltag erlebten „das ist es, wo unsere Kraft herkam. Und die Entschlossenheit, dass unsere Kinder die Möglichkeit haben sollten, alles zu erreichen, was sie wollten.“

Bis heute fährt ein Elternteil jeden Samstag, morgens früh um halb sieben, mit dem Zug nach London, wo die Kleinen Unterricht an der Junior Royal Academy bekommen. In die Hauptstadt zu ziehen, stand jedoch nie zur Debatte. Zu teuer. Für den Preis ihres Hauses hätten sie dort gerade mal eine winzige Wohnung bekommen. Aber Nottingham sei auch besser für sie, freundlich und musikaffin, klein genug, um einander zu kennen, groß genug für ein interessantes Kulturangebot.

Die Kanneh-Masons – ist es nicht schwer, seine eigene Individualität zu finden, wenn man immer als Kollektiv gehandelt wird? Mutter und Töchter grinsen. „Sie haben alle so starke Persönlichkeiten!“ Bis hin zur Jüngsten, Mariatu mit ihren elf Jahren – alle drei auf dem Sofa müssen lachen. „Sie hat eine gewaltige Persönlichkeit. Und überhaupt keine Angst. Sie hat einfach das Gefühl, dass sie auf die Bühne gehört.“ Kadie glaubt, dass die Geschwister deswegen so gut als Gruppe funktionieren, „weil sie alle was anderes mitbringen“.

Je mehr von ihnen gemeinsam auftreten, desto lieber ist es dem Publikum. Wegen des Knalleffekts natürlich, aber auch wegen der Harmonie. Ihre große Vertrautheit macht sich im Spiel bemerkbar. „Und mit deinen Geschwistern kannst du mehr riskieren“, glaubt Isata.

Für die Klassikbranche ist die Familie ein Segen. In Konzertsälen sieht man vor allem silbernes Haar im Publikum: alte weiße Männer und Frauen. In einer Zeit, in der Diversität das Gebot der Stunde ist, verfolgt die Familie eine Mission – ein jüngeres, vielfältigeres Publikum zu erreichen. So hat Sheku es als erster Klassikmusiker seit den 80er-Jahren in die allgemeinen Top-Ten-Charts geschafft. Über die sozialen Netzwerke erreichen die Geschwister Hunderttausende.

Dabei haben sie auch keine Berührungsängste, spielen eigene Arrangements, bei denen Puristen möglicherweise Gänsehaut bekommen. Ihren Auftritt bei einem BBC-Tanzwettbewerb im November sahen zehn Millionen Zuschauer.

Traditionelle Klassikfans werden über die Fernsehshow mit ihrem Glanz und Glitter und Nebel die Nase rümpfen: ziemlich hoher Kitschverdacht. Für die Familie ist es ein Weg zum Ziel. Und etwas, das ihnen offensichtlich Spaß macht. Wo sie die Grenze ziehen, Nein sagen würden? Eine konkrete Antwort haben sie nicht: „Wenn es sich für uns nicht mehr authentisch anfühlt.“

Aber 2020 war nicht nur das Jahr von Friede, Freude, Ave Maria. Es war das Jahr, in dem der Rassismus und die Empörung darüber ein neues Ausmaß annahm. Der Tod von George Floyd habe sie alle verstört. Natürlich reagierte die Familie auch darauf mit Musik, spielte auf Facebook ihre Version von Leonard Cohens „Hallelujah“, mit einer Einführung der Mutter, in der sie Musik zum Ausdruck von Protest und Hoffnung erklärte.

Sie sei wütend geworden, dass sich einige Dinge seit ihrer Jugend doch nicht verändert hätten, sagt sie im Gespräch. Dennoch endet ihr Buch über die Familie versöhnlich: mit der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle. Nicht damit, dass das royale Paar das Land 2020 verlassen hat – gerade wegen rassistischer Anfeindungen der Boulevardpresse.

Warum Kadie Kanneh-Mason darüber nicht spricht? Die Tatsache, dass ein britischer Prinz die Tochter einer Afroamerikanerin heiratet und ein schwarzer Teenager bei ihrer Trauung spielt, zählt für sie stärker. „Es zeigt, dass Geschichte in Bewegung ist. Was unsere Kinder erreicht haben, hätten wir nicht schaffen können.“

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