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Kesselkratz und Meerschweinbraten

In den 1950er-Jahren erlebte Sachsen ein Weihnachten mit der Sorge ums Essen. Trotzdem gab es Geschenke, die bis heute unvergessen sind.

Im Advent 1950. Diese prächtige Pyramide stand damals in der Weihnachtsausstellung im Märkischen Museum Berlin.
Im Advent 1950. Diese prächtige Pyramide stand damals in der Weihnachtsausstellung im Märkischen Museum Berlin. © dpa pa

Die warme Weihnachtsstube, der Christbaum mit den flackernden Kerzen, die Pyramide, auf der sich das Christkind in der Krippe so schnell drehte, dass es schon einen Drehwurm haben musste, die flinken drei Weisen aus dem Morgenlande immer hinterdrein, und schließlich der Bergmann als Kerzenhalter in seiner traditionellen Tracht – das waren die Inbegriffe der romantischen Zeit am Jahresende.“ So beschreibt der 76-jährige Leipziger Kabarettist Bernd-Lutz Lange in seinen Kindheitserinnerungen „Magermilch und lange Strümpfe“ die Weihnachtszeit in den 1950er-Jahren in Zwickau.

Viele Sächsinnen und Sachsen verbinden in ihren Erinnerungen die Weihnachtszeit im Jahr nach Gründung der DDR mit viel Schnee, Kälte, Sorge ums Essen sowie selbst gebastelten Geschenken, aber auch dem Gefühl, dass endlich Frieden herrscht. Die Eltern dekorierten Anfang Dezember die Wohnung mit Weihnachtsfiguren aus dem Erzgebirge, wenn sie die in den Bombennächten 1945 nicht verloren hatten. Dass Nussknacker, Räuchermänner oder Pyramiden den gesamten Advent in den Stuben stehen, gehörte auch damals zur sächsischen Tradition.

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Das recycelte Weihnachtsgeschenk

Das schönste Geschenk für den sechsjährigen Bernd-Lutz sei ein Holzzug gewesen, erinnert sich Lange. „Meine Eltern hatten auf einem ausrangierten Bügelbrett eine kleine Welt zum Spielen aufgebaut. Ein Holzzug fuhr zwischen braun und grün gefärbten Sägespänen entlang.“ Improvisation in Holz gehörte zu dieser Zeit wie der Aufbau der Städte nach dem Krieg. Das meint auch Sänger Gunther Emmerlich. Bei ihm habe in den 1950er-Jahren unterm Weihnachtsbaum mehrmals ein alter Holzkreisel gelegen, allerdings immer neu angestrichen. „Und die Peitsche hatte einen neuen Strick bekommen. Das war es dann auch schon an Geschenken“, sagt der 76-Jährige.

Meine Schwiegermutter, Jahrgang 1938, hat damals eine Puppe geschenkt bekommen. Genäht war der Körper aus Stoffresten, der aufgesetzte Kopf sei aus Porzellan gewesen, von einer anderen alten Puppe, erzählt sie. Sie habe sich so sehr über das Geschenk gefreut, dass sie es der Nachbarin zeigen wollte. Deshalb sei sie die Treppe im Haus heruntergerannt, dabei allerdings samt Puppe hingefallen. Deren Kopf ging kaputt. Jahrelang habe sie dennoch damit gespielt, auch wenn die Puppe nur noch einen halben Kopf hatte.

Von Weihnachten zum „Fest des Friedens“

Meine Mutter, Jahrgang 1936, erinnert sich, dass sie Weihnachten 1950 von ihrer Mutter ein Kleid geschenkt bekam, genäht aus Wischtüchern, die sie von der Lumpenhändlerin gegenüber gegen ein Mittagessen getauscht hatte. So sei ihre Mutter auch in den Besitz von Fallschirmseide gekommen, aus der sie Unterwäsche nähte.

Im Jahr 1952 entstand das Lied „So viel Heimlichkeit“, geschrieben von Lotte Schuffenhauer, dessen Text die Zeit widerspiegelt: „… Meine Puppen sind verschwunden, hab nicht mal den Bär gefunden. (…) Hansels Eisenbahn ist weg, steht nicht mehr am alten Fleck. So viel Heimlichkeit, in der Weihnachtszeit!“. Geschenke wurden mehrfach, stets neu hergerichtet, auf den Gabentisch gebracht. Oder es wurde etwas gebastelt, gestrickt, gehäkelt, genäht. Die neuen Weihnachtslieder in der jungen DDR standen allerdings nicht nur symbolhaft für die Entbehrung, sondern zudem für eine staatlich verordnete Loslösung des Heiligen Abends von der christlichen Tradition. Weihnachten sollte sich zunehmend zum „Fest des Friedens“ entwickeln, nur noch „Das Fest“ oder „Frohes Fest“ heißen. Der Alltag der Menschen sah aber zum Beispiel in Zwickau anders aus. Bernd-Lutz Lange ging nach dem Heiligen Abend sechs Uhr morgens in die nahe gelegene Methodistenkirche zur Christmette. Auch meine Schwiegermutter und Mutter berichten, wie die meisten Leute in die Kirche gingen.

Es fehlten die Väter

Außerdem beschäftige in den 1950er-Jahren viele Frauen und Kinder noch ein weiteres Problem. Meine Mutter wohnte damals in der Dresdner Neustadt auf der Görlitzer Straße 17, Hinterhaus. Zum Haushalt gehörten die Großmutter, die Mutter und sie. Aber es fehlte der Vater. Er galt als vermisst. So ging es vielen Deutschen, auch Gunther Emmerlich, der sich daran erinnert, wie seine Mutter regelmäßig zu Weihnachten Briefe an das Rote Kreuz schrieb, um endlich Nachricht über den vermissten Mann zu bekommen.

Nicht zuletzt dominierte die Sorge um das Essen das Weihnachtsfest. In der Dresdner Neustadt, so berichtet meine Mutter, züchteten die Mieter im Hinterhof Kaninchen und Meerschweine. 1950 habe es zu Weihnachten mit Mehlbrei gefülltes Meerschweinchen gegeben, dazu Weißkraut und wenige Kartoffeln, deren Schalen auch noch geröstet und gegessen wurden. Ihre Mutter habe als Köchin im Krankenhaus gearbeitet und deshalb immer sogenannten „Kesselkratz“ mitgebracht, der ausgekratzte Rest aus einem Topf. Um die Stube warm zu kriegen, sei sie sogar auf den Friedhof gegangen und habe Grabschmuck zum Anfeuern des Ofens geklaut.

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Bernd-Lutz Lange sagt: „Als der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen Ende November sagte, 2020 werde das härteste Weihnachten, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben, da wurde ich nachdenklich. Wir wissen nicht genau, was alles noch auf uns zukommt. Aber der Mann hat die Nachkriegszeit in Sachsen nicht erlebt. Er kann nicht wissen, dass wir sächsischen DDR-Bürger den Verzicht schon vor Jahren trainiert haben.“

Dieser Artikel ist der dritte Teil unserer Serie "Weihnachts-Geschichten. Das Fest im Wandel der Zeiten".

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