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Kinotipp für Dresden: Mitgefühl als Therapie

Ein bemerkenswerter Dokumentarfilm porträtiert ein Heim in Dänemark, das einen neuen Umgang mit Demenz-Erkrankten pflegt.

Obwohl ihre Pfadfindertage längst vorbei sind, entdeckt Grethe mit Heimgründerin May die Natur immer wieder aufs Neue.
Obwohl ihre Pfadfindertage längst vorbei sind, entdeckt Grethe mit Heimgründerin May die Natur immer wieder aufs Neue. © PR

Von Andreas Körner

Es war nicht so gewollt. Aber die Umstände der vergangenen Monate führten dazu, dass genau jetzt drei Filme im tagesaktuellen Programm der Kinos angelandet sind, ein fiktionaler und zwei dokumentarische, die sich wie ein Kommentar zu baldigen Wahlen lesen lassen. Thematisch nehmen sie gesellschaftspolitische Debatten auf, die – mal leiser, mal lauter – schon geführt werden und noch vehementer geführt werden müssten.

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Christian Schwochows „Je suis Karl“ beschäftigt sich auf wuchtige Weise mit neuen Begehrlichkeiten einer rechtsradikalen Jugend, Maria Speths „Herr Bachmann und seine Klasse“ zeigt, was echtes integratives Lehren und Lernen auch an staatlichen Schulen bringen kann. „Mitgefühl“ der Dänin Louise Detlefsen beweist nun, dass es sehr wohl Alternativen zum eher starren Konzept der Pflege dementer Menschen gibt. Doch neben inhaltlicher Brisanz eint diese Werke vor allem eines: Sie wollen und brauchen die Leinwand, diesen besonderen Ort der Gemeinsamkeit in einem Filmtheater.

Ein Lied für jeden Gegangenen

Die Dänen und ihre Fahnen! Naturgewachsen. Essenziell. Es verwundert also nicht, dass auch im Garten von Dagmarsminde eine zumeist kräftige Brise den rotweißen Flatterstoff bewegt. Wenn jemand stirbt, wird die Fahne auf halbmast gesetzt, staatstragend muss die oder der Gegangene keineswegs gewesen sein. Halbmast gilt für alle. Dagmarsminde ist ein privat geführtes Pflegeheim.

2016 ließ May Bjerre Eiby eine alte Tischlerei in Nordseeland umbauen und erschuf so einen letzten Lebensort für bis zu zwölf an Demenz erkrankte, zumeist über 80-jährige Frauen und Männer. Manche ziehen als Ehepaar ein oder kommen, kaputt vom gängigen Betreuungssystem, aus anderen Häusern. Mays eigener Vater sei in einem dieser Heime an „schwerer Vernachlässigung“ gestorben, sagt die Enddreißigerin. Das ließ die Krankenschwester aufwachen. Sie erwarb ihren Master in Krankenpflege und entwickelte hartnäckig, mutig und schwimmend gegen den Strom ein eigenes Pflegekonzept, basierend auf Mitgefühl als Behandlungsmethode, die auch den Pflegenden wieder etwas zurückgibt, diesen Beruf im eigenen Sinne leichter und am Ende menschlicher macht. Zuwenden und berühren, respektieren, reden – umsorgen. Halbmast ist ein Teil davon.

Behandlungsmethode: Mitgefühl

Sie leben mit- und umeinander in Dagmarsminde. Sie leben ihre ganz individuellen Augenblicke. Medikamente wurden nach Ankunft ab- oder auf ein Mindestmaß heruntergesetzt. Es gibt Tiramisu, Portwein und frische Blumen, das Gemeinschaftszimmer ist groß, hell, warm und freundlich. Eine Katze schwänzelt um müde Pantoffelbeine, Trolle, der Hund, liegt an der Tür. Wen die Füße noch tragen, holt Eier aus dem Hühnerstall oder sieht nach den Kräutern im Garten. Obwohl ihre Pfadfindertage längst vorbei sind, sitzen die Männer und Frauen am Feuer, umarmen Bäume, und jenen, die auf finaler Reise sind, wird ein gemeinschaftliches Lied gesungen. Der Sarg steht zum Abschied noch kurz im Raum.

„Mitgefühl“ berührt auf unverstellte Weise. Weil es kein schaumlippiger Debattenfilm ist. Weil er die Fakten samt potenzieller Anklagen und Mahnungen ins freiwillige Nachhaken verlagert. Weil er nicht verklärt und sich dem Humor eines speziellen Alltags nicht verwehrt. Die erfahrene Dok-Regisseurin Louise Detlefsen, Jahrgang 1971, hat in Dagmarsminde in erster Linie beobachtet, nicht journalistisch seziert. Sie war über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren auf Details bedacht. Farben, Töne, Regungen, Menschen als Teil der Natur, Tod als Teil des Lebendigen erscheinen in oft langen, natürlich belichteten Einstellungen. Als die Kamera weg war, ging es in diesem Heim genauso weiter. Das Publikum will nichts anderes glauben.

An den Grenzen zur Sterbehilfe

Natürlich kommen Fragen auf. Könnte sich Dagmarsminde ein jeder „leisten“? Tragen Staat und Kommune auch diese private Einrichtung? Wie steht es um den Personalschlüssel? Wie lang ist die Warteliste? Wie verhalten sich die Pflegenden an den Grenzen zur Sterbehilfe, wenn das Essen einfach nicht mehr in die Körper der Demenzkranken will? Was passiert bei Jähzorn, Wut und leerem Akku? Einige mitunter erhellende und überraschende Antworten zeigt der Film, weitere kann man auf anderem Weg erfahren.

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„Mitgefühl“ steht für Hoffnung und Würde. Er ist für alle, die May Bjerre, Dorte und Lotte heißen oder auch nicht, aber pflegen, vielleicht als Tochter oder Sohn. Für alle, die Vibeke, Torkild, Grete, Jørgen, Inger heißen oder hießen oder ganz anders, aber alt waren und oft dement. Für jene, die es sind. Und es werden.

Der Film startet in Dresden (Programmkino Ost und Zentralkino). Regisseurin Louise Detlefsen kommt am Donnerstag, den 23. September um 19 Uhr zur Premiere samt ausführlichem Publikumsgespräch ins Zentralkino.

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Helden der Wahrscheinlichkeit: Das dänische Dreamteam ist wieder am Start! Regisseur Anders Thomas Jensen inszenierte mit Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas und Nicolas Bro die nächste tiefschwarzhumorige Story, diesmal um Gewalt, Rache und Zufall. Unbedingt sehenswert! (Dresden: PK Ost, Schauburg; Bautzen, Görlitz)

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Toubab: erzählt die Geschichte von Babtou, der dorthin abgeschoben werden soll, von wo seine Eltern einst nach Deutschland kamen: Senegal. Dabei ist der drahtige Kerl hier geboren worden, hat allerdings mit Gesetzen seine Probleme. Wieder in Freiheit, geht es schnell erneut schief. Hilft nur die Heirat mit einer Deutschen. Oder einem? Brennpunkt als Komödie. (Dresden: Zentralkino)

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