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Klangwundertaten im Dresdner Plattenbau

„Himmel über Prohlis“, das Konzertereignis des vergangenen Jahres, gibt es jetzt als atemberaubenden Film-Mitschnitt.

Auftritt nur mit Sicherungsgurten: 16 Alphornspieler und weitere Bläser spielten auf den Dächern der 17-Geschosser in Prohlis.
Auftritt nur mit Sicherungsgurten: 16 Alphornspieler und weitere Bläser spielten auf den Dächern der 17-Geschosser in Prohlis. © David Süunderhauf

Wer schwindelfrei ist, hat eindeutig mehr von diesem Film. Abenteuerlich anmutende Kamerafahrten über Hochhausdächer, über ein ganzes Wohngebiet, mitten rein in den weiten Himmel können sensiblen Gemütern schon ein sachtes Ziehen im Magen bescheren. Doch diese aufregenden Bilder sind eindeutig vonnöten, um das hinter ihnen steckende musikalische Ereignis gebührend zu illustrieren. Wer dabei war, wird sich an der jetzt veröffentlichten Konzertdokumentation erneut berauschen können; wer den Termin damals verpasst hatte, dürfte sich nun dafür erneut ohrfeigen wollen.

Am 12. September hatten die Dresdner Sinfoniker mal wieder ungewöhnliche Musik an noch ungewöhnlicherem Ort präsentiert und ganz nebenbei dafür gesorgt, dass eine Nachricht aus der sächsischen Landeshauptstadt anderswo kein hämisches Grinsen, sondern neidisches Staunen provozierte. Unter dem Titel „Himmel über Prohlis“ wurde eben dieses Plattenbaugebiet, sonst gerne zum Problemviertel stilisiert, plötzlich zum Mittelpunkt eines hochkulturellen Events. Denn die 17-geschossigen Hochhäuser rund um den Jakob-Winter-Patz bekamen für einen Tag alpine Atmosphäre verpasst.

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16 Alphornspieler hatten sich über die Dächer verteilt, dazu Trompeter und Tubisten, zudem waren vier Musiker an chinesischen Da-Gu-Trommeln sowie weitere Bläser mittendrin auf dem Parkdeck platziert. Insgesamt 33 Instrumentalisten loteten die Grenzen, aber auch die Möglichkeiten des Zusammenspiels über große Entfernungen aus. Das Ergebnis war frappierend. Nicht zuletzt auch, weil bei diesem musikalischen Experiment Kompositionen verschiedener Epochen aufeinandertrafen. Eröffnet mit der „Olympischen Fanfare“ von John Williams, folgten Stücke des Venezianers Giovanni Gabrieli aus dem 16. Jahrhundert und als Höhepunkt eine Uraufführung. Der Münchner Markus Lehmann-Horn bescherte mit „Himmel über …“ dem Ganzen ein maßgefertigtes Rundumklang-Sahnehäubchen.

Publikum war begeistert

Markus Rindt, Intendant der Dresdner Sinfoniker und Initiator des Projektes, sagt jetzt: „Wie man am Schluss des Konzertmitschnittes sehen kann, waren alle Projektbeteiligten, war ich überglücklich, dass dieses Wagnis so gut funktioniert hat.“ Das Wetter hätte nicht besser sein können, die Technik habe hervorragend funktioniert. „Und unser Publikum an den Fenstern, auf den Balkonen, auf dem Dach des Prohliszentrums sowie auf den angrenzenden Wiesen und Straßen war schlicht begeistert.“

Damit das Konzert nun auch via Bildschirm wirken kann, scheuten die Sinfoniker und ihre Partner von Sachsen Fernsehen keinen Aufwand. Rindt: „Es waren zehn Kamerateams im Einsatz. Hinzu kamen Dutzende Mikrofone, Laptops, Verstärker und Lautsprecher auf den Dächern.“ Zwölf Industriekletterer sicherten Musiker wie Kameraleute und Techniker professionell ab. „Dass wir mit so vielen Personen überhaupt auf die Dächer durften, verdanken wir der Vonovia“, erklärt Markus Rindt. „Ohne deren Vertrauen und Unterstützung hätten wir das Projekt nie stemmen können.“

Sinfoniker-Chef Markus Rindt (M.) und Komponist Markus Lehmann-Horn (r.) verfolgten das Konzert vom Tontechniker-Platz aus.
Sinfoniker-Chef Markus Rindt (M.) und Komponist Markus Lehmann-Horn (r.) verfolgten das Konzert vom Tontechniker-Platz aus. © David Sünderhauf

Die wirklich größte Herausforderung sei aber schließlich die Synchronisation aller Musikerinnen und Musiker über Hunderte Meter Entfernung gewesen. „Das haben unsere Tonmeister Volker Greve und Omar Samhoun hervorragend hinbekommen“, sagt Rindt. „Je weiter eine Instrumentengruppe entfernt war, desto früher musste sie beginnen, damit alle Signale gleichzeitig auf dem Parkdeck ankamen. Für den Tonmitschnitt wurde jedes Instrument einzeln aufgenommen und später im Studio mit den anderen Instrumenten zusammengebracht.“

Sein ausdrücklicher Tipp nun: „Die besondere, sogenannte binaurale Mischung ist in dieser Form eine große Seltenheit. Deshalb sollte man beim Ansehen des Films am besten gute Kopfhörer nutzen. So bekommt man einen authentischen Eindruck davon, wie die Musik vor Ort geklungen hat.“

Eine vielversprechende Alternative könnte die Präsentation auf großer Leinwand sein. Rindt: „Da wir jedes Hochhaus einem Lautsprecher zuordnen könnten, ist ein akustischer Nachbau des Konzertes im Kino möglich.“ So würde man einen ähnlichen Surround-Eindruck wie das Konzertpublikum in Prohlis bekommen. Konkrete Pläne gäbe es noch nicht. „Aber wir würden uns tatsächlich sehr über das Interesse eines Kinos oder gar der Filmnächte am Elbufer freuen.“

Musiker auf dem Dach, das Publikum auf dem Balkon.
Musiker auf dem Dach, das Publikum auf dem Balkon. © Sven Ellger

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Die Dresdner Sinfoniker haben sich etwas Besonderes in Corona-Zeiten einfallen lassen. Hörner und andere Instrumente spielen sie auf Hochhausdächern.

Ein Export von „Himmel über Prohlis“ sei ebenfalls vorstellbar. „Wir sind dabei, das Projekt auch in anderen deutschen und europäischen Städten anzubieten, um Konzerte in verschiedenen Hochhausgebieten zu realisieren“, erklärt Markus Rindt. „Darüber hinaus arbeiten wir an mehreren großen Projekten, die Ende 2021 und in den nächsten Jahren stattfinden sollen.“ Coronabedingt sei die Planung jedoch gerade etwas schwierig.

„Sollte es aber rechtzeitig die nötigen Lockerungen geben, wird am 17. April 2021 die transmediale Installation ,Survival’ in den Deutschen Werkstätten Hellerau zu erleben sein, eine Koproduktion mit der Marc Sinan Company, dem Ensemble ConTempo Peking, schnellebuntebilder und den Dresdner Sinfonikern.“ Ursprünglich sollte das bereits im Dezember 2020 über die Bühne gehen, der Lockdown verhinderte es. Der hat für Markus Rindt jedoch durchaus einen Vorteil. „Ich arbeite immer viel im Homeoffice, das bin ich also gewöhnt. Doch sonst reise ich zudem sehr viel rum. Dass das jetzt ausfällt, verschafft mir mehr Zeit für die Familie.“

Zu sehen ist der Film hier.

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