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Kochen im Kino mit Penélope Cruz und Milena Smit

Der spanische Kinomaestro Pedro Almodóvar inszeniert in "Parallele Mütter" mal wieder Frauen ganz komplex, voller Inbrunst und Genauigkeit.

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Milena Smit (l.) als Ana und Penélope Cruz als Janis
Milena Smit (l.) als Ana und Penélope Cruz als Janis © El Deseo/StudioCanal

Von Andreas Körner

Folgt man den Worten der beiden Frauen, dann sind sie als werdende Mütter Unfallopfer. Janis und Ana begegnen sich im Krankenhaus vor der Geburt ihrer ersten Kinder. Janis ist mit bald 40 froh, dass es überhaupt geklappt hat, die 17-jährige Ana hätte gern noch gewartet. Für die eine kam die Schwangerschaft während einer Affäre mit ernsten Absichten, für die andere nach einer bitteren Vergewaltigung im Freundeskreis. Zwei Frauen, ein Wink des Schicksals, viele Berührungspunkte, unzählige Allegorien – Pedro Almodóvar, bitte übernehmen Sie, denn Sie kennen sich damit am besten aus!

Der 22. Film des 72-Jährigen

Immer, wenn ein Drama des spanischen Kinomaestros startet, geht die Verblüffung darüber in die nächste Runde, wie er zumeist Frauen zu inszenieren vermag, mit welcher Komplexität, Inbrunst und Treffgenauigkeit. So, dass sie sich gefunden und verstanden fühlen und selbst die zu kurz gekommenen Männer für resümierende Momente völlig neu auf ihre Partnerinnen schauen, ihre Mütter und Großmütter – anwesende und abwesende. Almodóvar schafft es auf spielerische, leuchtfarbige Weise. Seine Darstellerinnen sprechen von "zwanghafter Hingabe" an ihren heute 72-jährigen Regisseur. Bei seinem 22. Spielfilm war es gewiss nicht anders.

Am Titel wird im Deutschen, was sehr beruhigend ist, nicht herumgebastelt, "Madres Paralelas" startet angemessen schlicht als "Parallele Mütter". Von Janis (Penélope Cruz) erfährt man am Beginn viel mehr als von Ana (Milena Smit). Sie scheint eine erfolgreiche Werbefotografin zu sein, resoluter Single ist sie auf jeden Fall. Als Janis im Studio mal keine fein belichteten Schuhe oder edlen Taschen vor der Kamera hat, sondern mit Arturo (Israel Elajade) einen forensischen Anthropologen für ein Porträt, ist sie frei und entschlossen genug, um mit ihm eine sexuelle Beziehung zu beginnen. Pedro Almodóvar braucht keine acht Minuten, um sich die Ereignisse so zurechtzulegen, dass sie fortan An- und Entspannung sowie Tiefe nähren. Janis ist nicht schroff, nur klar, als sie Arturo früh verkündet, das kommende Kind allein großzuziehen, weil er in verhängnisvollen Zwängen steckt. Zweifel, ihr würde es nicht gelingen, sind grundlos.

Cineastisches Vergnügen auch an Details

Almodóvar eröffnet in dieser kurzen Zeit zugleich noch eine zweite Flanke für "Parallele Mütter", denn es geht um ebensolche aus der Vergangenheit. Dort im Dorf, wo Janis herkommt, haben Frauen in der Zeit des Franco-Regimes Männer, Söhne, Brüder verloren. Sie wurden getötet und in einem Massengrab verscharrt, Janis’ Urgroßvater war dabei. Die Familie überkommen noch immer dunkle Momente der Erinnerung und Ungewissheit, denn die spanische Regierung gibt wenig bis gar nichts dafür aus, um die vielen Gräber zu öffnen und den Angehörigen letzte Erkenntnisse und die würdevolle Beerdigung ihrer Toten zu ermöglichen. Das leisten erst seit zwei Jahrzehnten landesweite Stiftungen. Arturo arbeitet auch für sie. Es wird ihn und Janis verbinden, mehr noch, als es das Schicksal mit der gemeinsamen Tochter vorgesehen hat.

Drei Jahre behält Pedro Almodóvar für das Universum von "Parallele Mütter" im Blick. Es ist kein vordergründiges Vernetzen der Ebenen, das ihn interessiert. Sogar dem Vorwurf, die politisch-gesellschaftlichen Aspekte der Handlung seien nur "angepappt", musste er sich schon stellen. Dabei haben viele seiner dramatischen Filme längst bewiesen, dass er selbst mit Andeutungen noch immense Ergebnisse, mit dem Rahmen stärkere Wirkung erzielen kann als vielleicht mit dem eigentlichen Bild. Hier läuft es auf ähnliche Weise.

Was, zugegeben, das Beschreiben von "Parallele Mütter" ziemlich heikel macht. Wo beauftragte Agenturen gern explizit darum bitten, keine wichtigen inhaltlichen Entwicklungen zu verraten, verbietet es sich diesmal von allein. Denn die wesentliche Spannung für nun wirklich alle Entscheidungen, Reflexe und Geheimnisse, für daraus resultierende Lügen, Notlügen, schockierende Wahrheiten und liebevolle Zuwendungen der weiblichen Charaktere würde verpuffen. Nur so viel: Janis und Ana werden ihre Wege aus Gründen kreuzen lassen. Immer wieder. Weil sie es wollen, nachdem sie es mussten.

Ein Almodóvar-Film ist immer auch ein cineastisches Vergnügen, das lohnt, an den Figuren "vorbeizuschauen", hin zu ausstatterischen Details und Finessen, zu Farb- und Schattenspielen, zum Prall von Rot und Gelb und das auf einer großen und noch größeren Leinwand als Grundanforderung für die optimale Wirkung dieser aufregenden Eigenart von Kino. Schwer wird das Vorbeisehen indes, wenn (bereits zum siebenten Mal) Penélope Cruz die Hauptrolle spielt, und noch schwerer, wenn eine nächste starke Aktrice wie Milena Smit ihr furioses Almodóvar-Debüt geben darf. Parallel!

  • Der Film läuft im Programmkino Ost und in der Schauburg, Dresden