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Können wir die Natur beherrschen?

Die Klimakrise beschäftigt auch die Kunst. Was aber ist ihr Auftrag an die Natur? Die Nacht der Künste in Dresden sucht Antworten darauf.

Flutkatastrophen wie hier am Schloss Pillnitz werden wohl zunehmen. Was kann die Kunst leisten, um die Natur zu erhalten? Die Dresdner Nacht der Künste widmet sich dem Auftrag der Kunst an die Umwelt.
Flutkatastrophen wie hier am Schloss Pillnitz werden wohl zunehmen. Was kann die Kunst leisten, um die Natur zu erhalten? Die Dresdner Nacht der Künste widmet sich dem Auftrag der Kunst an die Umwelt. © Agentur

Klimakrise, Artenkrise, Umweltkrise – Der Dresdner Regisseur Holk Freytag will, dass sich die Kunst dem konfliktreichen Mensch-Natur-Verhältnis stellt. Mittels Lesungen sowie musikalischen und filmischen Erlebnissen hat er für den 24. September die Nacht der Künste im Japanischen Palais Dresden unter dem Titel „Auftrag Natur“ organisiert. Im Interview erklärt er, was die Kunst leisten sollte.

Kultur und Natur – das klingt nach einem Gegensatz. Warum widmen Sie sich in der „Nacht der Künste“ der Natur?

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Nager, die in kein Schema passen

Die Großen Maras haben gerade wieder Nachwuchs bekommen - und erhielten bei der Wahl zum Tier des Monats Oktober die meisten Stimmen.

Wo ist da der Gegensatz? Das bedingt einander, es gibt keine Kunst ohne Natur und keine Natur ohne Kunst.

Wie meinen Sie das?

Jede Art von Kunst ist auf die Natur zurückzuführen. Und die Kunst selbst schafft es, ein Abbild von der Natur zu erzeugen. Das heißt, die Kunst macht die Natur überhaupt erst kenntlich.

Und warum haben Sie gerade jetzt das Thema für das Programm ausgewählt?

Es gibt einen Gedanken im Wahlkampf, der unglaublich dramatisch ist: Die Regierung, die wir jetzt wählen, ist die letzte, die noch etwas an der Umweltkrise ändern kann. Wenn wir über die zwei Grad Erwärmung hinausgehen, ist die Katastrophe nicht mehr umkehrbar. Die Natur ist dermaßen bedroht, dass jeder Einzelne von uns beginnen müsste, Angst zu bekommen. Bei den Waldbränden in diesem Jahr kann mir kein Mensch mehr erzählen, dass das nur Wetter ist. Unser Beitrag in der „Nacht der Künste“ ist ein kleines Mosaiksteinchen dafür, ein Bewusstsein für die Umwelt zu schaffen.

Dramaturg und Regisseur Holk Freytag war bis 2020 Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, Außerdem arbeitete er als Intendant am Staatsschauspiel Dresden. Am 23. September leitet er die Nacht der Künste in Dresden.
Dramaturg und Regisseur Holk Freytag war bis 2020 Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, Außerdem arbeitete er als Intendant am Staatsschauspiel Dresden. Am 23. September leitet er die Nacht der Künste in Dresden. © © by Matthias Rietschel


Sie haben deshalb auch das Programm „Auftrag Natur“ genannt. Was ist denn der Auftrag der Kunst an die Umwelt?

Sie zu erhalten.

Auf Ihrem Ankündigungsplakat haben Sie einen brennenden Wald abgebildet. Es braucht wohl drohende Bilder, um die Menschen auf die Klimakrise aufmerksam zu machen.

Ja und Nein. Wir möchten unsere Besucher nicht mit depressiven Botschaften abschrecken, sondern vielmehr einen positiven Impuls setzen. Unsere Nachricht ist: Wir müssen etwas tun und wir müssen uns auf Augenhöhe begeben mit dem, was uns umgibt, wir müssen, die Natur respektvoll behandeln und positiv in die Zukunft zu blicken. Und wir dürfen nicht nur kritisieren, was alles schiefläuft.

Wie würden Sie denn das Verhältnis zwischen Mensch und Natur beschreiben?

In der Romantik war es so, dass der Mensch inmitten der Natur stand und die Natur als Partner begriffen hat, zumindest in der Literatur und Kunst.

Und wie ist es jetzt?

Im Moment treten wir darauf oder zünden sie an. Wir machen die Natur kaputt.

Und das Idealbild wäre…

Von Caspar David Friedrich gibt es dieses wunderschöne Gemälde, es heißt: „Der Wanderer über dem Nebelmeer“. Das ist eigentlich die Antwort auf die Frage – Der Mensch, der den Felsen erklommen hat, die Natur betrachtet und sich als Partner der Natur empfindet; das ist mein Idealbild.

Also nicht als Beherrscher.

Wir haben längst das Zeitalter des Anthropozäns betreten. Das erste Mal in der Menschheitsgeschichte ist der Mensch der gestaltende Faktor und nicht die Natur selbst.

Deshalb haben sie einen Programmpunkt auch „Der Mensch vor der Natur“ genannt. Um was geht es dabei?

Das ist eine Textcollage, welche ich gemeinsam mit dem Schriftsteller Christian Lehnert entworfen habe. Wir konfrontieren den Ist-Zustand der Natur mit literarischen Texten – Da wird auch Goethes Faust reichlich vertreten sein. Außerdem ergänzen wir die Collage mit Texten aus der Amerika stammenden Schule des „Nature Writings“, der sich Christian Lehnert angeschlossen hat

Die Art der Textform widmet sich im Kern der Naturbeschreibung.

Ja, die Natur wird in verschiedenen Zuständen beschrieben. In Zuständen der Sehnsucht und im Zustand der Zerstörung.

Hitzewellen, Flutkatastrophen, Waldbrände - Die Klimakrise wird spürbar. Deshalb sollte sich auch die Kunst dem Thema widmen, so Holk Freytag.
Hitzewellen, Flutkatastrophen, Waldbrände - Die Klimakrise wird spürbar. Deshalb sollte sich auch die Kunst dem Thema widmen, so Holk Freytag. © Stockphoto/Nico Jacobs

Was erwartet die Besucher noch?

Wir haben eine Art Parcours installiert, der durch die Kinderbiennale „Embracing Nature“ im Japanischen Palais führt. Die Künstler reagieren auf die Werke und interagieren mit ihnen. Sie repräsentieren alle fünf Sparten der Sächsischen Akademie für Künste: Baukunst, Bildende Kunst, Darstellende Kunst und Film, Literatur sowie Musik. Das ist auch unsere Gelegenheit zu zeigen, was die Akademie kann; was für ein Spektrum an Positionen, künstlerischer Kraft und Visionen in dieser Akademie versammelt sind.

Und worauf freuen Sie sich besonders?

Auf die Diversität der Werke, die sich mit der Natur auseinandersetzen. Die beiden größten Extreme sehe ich zum einen in einer Klanginstallation von Franz Martin Olbrisch. Er widmet sich den „Tagträumen einer Eule“ auf surreale Weise. Das andere Extrem sehe ich in der Performance des Oboisten Arnfried Falk. Darin zeigt er, wie aus einem Bambusrohr ein Oboen-Ton entsteht. Jeder Oboist schnitzt sich nämlich seine Mundstücke selbst, das wusste ich vorher auch nicht – es ist ein höchst komplizierter Vorgang. Er zeigt, wie abhängig wir in allen Bereichen von der Natur sind. Selbst, wenn wir eine Beethoven-Symphonie organisieren.

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Die Nacht der Künste findet am 24. September zum dritten Mal im Japanischen Palais in Zusammenarbeit mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden statt. Die Sächsische Akademie der Künste stellt sich gemeinsam mit den Staatlichen Kunstsammlungen der Klimakrise. Was leisten die Künste für die Wahrnehmung und den Erhalt der Natur? In Lesungen, Performances sowie musikalischen und filmischen Erlebnissen versuchen die Künstler eine Antwort darauf zu finden. Einlass zum Programm „Auftrag Natur“ ab 19.15 Uhr im Japanischen Palais nur mit vorheriger Anmeldung.

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