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Mord geht immer

Die Zuschauer wollen es, ARD und ZDF liefern es: Die öffentlich-rechtliche Krimiflut ist zum Tsunami geworden – und die Programmvielfalt verödet.

Ein Osterfest ohne Tod und Mordschlag? Für die krimisüchtigen Deutschen und ihr öffentlich-rechtliches Fernsehen undenkbar. Natürlich gibt es auch an diesem Wochenende unter anderem einen „Tatort“ samt Mädchenleiche, diesmal aus Saarbrücken.
Ein Osterfest ohne Tod und Mordschlag? Für die krimisüchtigen Deutschen und ihr öffentlich-rechtliches Fernsehen undenkbar. Natürlich gibt es auch an diesem Wochenende unter anderem einen „Tatort“ samt Mädchenleiche, diesmal aus Saarbrücken. © SR-Kommunikation/ARD

Seit dem vorläufigen Platzen der Beitragserhöhung im Dezember köchelt die Debatte um Gegenwart und Zukunft von ARD und ZDF auf stetiger Flamme. Ohne Sparmaßnahmen und einschneidende Reformen geht es nicht mehr weiter. Ein fordernder Vorschlag nach dem anderen wird aus der Politik an die öffentlich-rechtlichen Anstalten herangetragen. Ein Reformversprechen nach dem anderen kommt nun auch verstärkt von den ARD- und ZDF-Spitzen selbst. Der populärste – und populistischste – Vorwurf aus der Öffentlichkeit an die „Öffis“ lautet: Die Sender strahlen immer weiter vorbei an den Wünschen der Zuschauerinnen und Zuschauer. Das aber ist grundfalsch.

Im Gegenteil richten sich ARD und ZDF schon seit vielen Jahren immer mehr nach der Quote, nach dem Publikumsinteresse. Obwohl sie das eben wegen der öffentlichen Beitragszahlungen eigentlich weniger müssten als die private Konkurrenz, die sich ausschließlich aus Werbeeinnahmen finanziert. Die Folge ist eine zunehmende „Mainstreamisierung“ auch des Angebots von ARD und ZDF.

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Nirgends lässt sich das so unverstellt beobachten wie bei Mord und Totschlag: Die Krimiflut im Ersten und Zweiten hat längst die Ausmaße eines Tsunamis. Dass gerade die Deutschen gar nicht genug von Krimis bekommen können, gilt indes nicht nur fürs Fernsehen; auch der Buchmarkt wird seit Jahren immer blutiger. Was letztlich übrigens zu einer Verzerrung der Realität führt, denn in dem Maße, wie die echte Kriminalitätsrate bei den Gewaltverbrechen sinkt, steigt sie in den Buchregalen und im öffentlich-rechtlichen TV – ganz zu schweigen von den Zuständen bei den Privaten.

Zahl der ZDF-Krimiserien seit 2000 verdreifacht

Gestorben oder geschlagen wird eigentlich immer und immer mehr. Hatte die ARD 2010 noch 24 Krimiserien im Programm, waren es 2020 schon weit mehr als doppelt so viele. Das ist aber nichts im Vergleich zur ZDF-Konkurrenz. Die Mainzer „Killer-Queen“ hat ihr Aufgebot von 25 Serien anno 2000 bis jetzt mehr als verdreifacht. War jahrzehntelang der Freitag in der Haupt-Krimizeit mit zwei aufeinanderfolgenden 45-Minütern, ermitteln inzwischen auch samstags inzwischen 15 Teams um Figuren wie Wilsberg, Helen Dorn und „Herr und Frau Bulle“ in Spielfilmlänge. Am Sonntagabend können die Zuschauer nach dem „Tatort“ herüberschalten zu eingekauften ZDF-Serien etwa aus England und Schweden. Hinzu kommen im Zweiten neben zahlreichen Krimis im „Montagskino“ der Mittwochs- und der Donnerstags-Krimi, noch obendrauf packt man die Vorabendserien diverser „Sokos“ aus dem ganzen Bundesgebiet sowie deren Wiederholungen im Tagesprogramm.

Die ARD wirkt dagegen beinahe waisenknabenhaft, doch auch sie klappert gefühlt pausenlos mit den Handschellen. Sonntags feiern die „Tatorte“ und „Polizeirufe“ ihre Erstausstrahlung, bevor sie dann in sämtlichen Dritten zweit- oder drittverwertet werden. Zwar hat das Erste die Vorabendkrimis etwas zurückgefahren, gleichwohl ist dort immer noch verbrechermäßig einiges los, ganz zu schweigen von der internationalen Mordküche am Donnerstag: Mittlerweile beschäftigt die ARD diverse ausländische Kommissarinnen und Kommissare an den Standorten Wien, Bozen, Bretagne, Irland, Istanbul, Kroatien, Zürich, Barcelona, Athen, Lissabon, Tel Aviv, Amsterdam … und serviert von dort, das muss man leider sagen, oft genug flache Geschichten voller Klischees und mittelmäßigen Schauspielerinnen und Schauspielern. Doch auch die künstlerisch und erzählerisch ambitionierteren Serien der Öffentlich-Rechtlichen sind neben Staffel-Erfolgen wie „Charité“ und „Ku’damm“ vor allem mörderische Geschichten wie „Das Geheimnis des Totenwaldes“, „Babylon Berlin“, „Die Toten von Marnow“ oder „Tod von Freunden“.

Das Publikum will es so

Nicht nur quotenmäßig sind ARD und ZDF dadurch ganz nah an den Zuschauerinnen und Zuschauern. Sie sorgen für schöne Bilder beliebter Urlaubsregionen im Aus- und Inland. Wie auf dem Buchmarkt blüht das Genre der Regionalkrimis, ganz vorne dabei sind Nord- und Ostsee, dicht gefolgt von Bayerns Bergen. Sachsen steht ebenfalls gut da. Neben dem Dresdner „Tatort“ kommt dank „Wolfs Revier“ Görlitz ausgiebig zum Zuge, ebenso der Süden im „Erzgebirgs-Krimi“, die Sächsischen Schweiz hat immerhin in „Der Ranger“ einen Krimi-Verwandten. Tagesausflügler können sich obendrein am „Spreewald-Krimi“ ergötzen. Fehlt eigentlich nur noch so etwas wie der „Lommatzscher-Pflege-Krimi“.

Die genaue Zahl an öffentlich-rechtlichen Ermittlungen lässt sich nur schwer beziffern, da die Landschaft in ständiger Bewegung ist, und zwar in die Breite. Immerhin vor fünf Jahren hat sich der Medienjournalist Glenn Riedmeier einmal die bilanzbuchhalterische Mühe des Nachzählens gemacht. Nach seiner Rechnung strahlte das ZDF 2015 ganze 2.061 Krimis aus, der Spartensender ZDF Neo noch mal 2.504, die ARD kam auf bescheidene 544, allerdings nur im Ersten. Die Dritten nicht eingerechnet, wurden an 365 Tagen also 5.109 Fälle gelöst, während im selben Zeitraum in Deutschland weniger als dreihundert tatsächlich Morde geschahen. Die Quoten sagen dazu eindeutig: Das Publikum will es so. Und es hat seither noch mehr bekommen.

Die Masse liebt auch Mittelmaß

Woher rührt sie bloß, die Affenliebe nicht nur von uns Deutschen für Krimis? Psychologen bemühen dafür stets die gleichen Erklärungen. Etwa mit unserer Angstlust, die wir in „Tatort“ & Co aber aushalten und schadlos befriedigen können, weil: ist ja nicht echt. Auch unserem Gerechtigkeitsempfinden schmeichelt es, da die Verbrechen ja so gut wie alle aufgeklärt und gesühnt werden. Außerdem, so heißt es, können wir dadurch innere Spannungen abbauen und das wohlige Gefühl auffrischen, dass es selbst in dieser immer unübersichtlicheren, verwirrenderen und dadurch bedrohlicher wirkenden Welt noch Orientierung gibt und zumindest eine Grundordnung herrscht. Allerdings bleibt das Hauptproblem bestehen: die große Illusions- und Suggestivkraft des Films, vor der schon Brecht gewarnt hat, und die mangelnde Abstraktionsfähigkeit vieler Menschen. Denn trotz allem „Ist ja nicht echt“-Verstandeswissen kann sich im Unterbewusstsein das Gefühl abspeichern, die Welt wäre doch viel schlimmer, das Verbrechen allgegenwärtiger und die Bedrohung viel größer, als sie es in der Wirklichkeit tatsächlich ist.

Unabhängig davon bleibt zu konstatieren, dass der Krimi-Tsunami das öffentlich-rechtliche Programm- und Versorgungsgebot einer möglichst großen Vielfalt konterkariert, den Begriff „Unterhaltung“ zunehmend einengt und letztlich die Verödung vorantreibt. Das gilt auch für das Genre selbst, denn je mehr Krimis es gibt, weil immer mehr verlangt werden, desto ähnlicher – und letztlich langweiliger – werden die Fälle, die Erzählweisen, die qualitativen Ansprüche, und zwar ohne Risiko. Denn: Selbst dröges Mittelmaß wird vom Massenpublikum honoriert. Wozu also sich mehr Mühe geben, innovativer sein, mutiger?

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Eines jedenfalls ist sicher: Würden ARD und ZDF gegensteuern, die Zahl der Krimis im Namen der Programmvielfalt reduzieren und zugleich mehr Wert auf Qualität statt Quantität legen – das Gros der Beitragszahlerinnen und -zahler wäre wohl noch unzufriedener mit den Öffentlich-Rechtlichen, als es das ohnehin schon ist.

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