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„Kruzianer im Stimmbruch heißen weiter Mutanten“

Kreuzkantor Roderich Kreile im Interview über eine traurige Karwoche und viel Arbeit nach der Corona-Pandemie.

Berühmte Knaben. Die Mitglieder des Dresdner Kreuzchores.
Berühmte Knaben. Die Mitglieder des Dresdner Kreuzchores. © Matthias Weber

Roderich Kreile ist sicher. Der 28. Kreuzkantor in der über 800-jährigen Geschichte des Dresdner Kreuzchores wird als Pädagoge nicht nur regelmäßig getestet. In seinem Arbeitszimmer passen ganzjährig diverse Engel aus dem Erzgebirge auf. So kann der 65-Jährige arbeiten, auch wenn er eher online mit den Kruzianern übt. Gut 130 Knaben und junge Männer gehören dem Chor an, „diesem Kraftquell für viele in der Region“, so Kreile. Ein Gespräch mit dem Kirchenmusiker darüber, wie traurig dieses Ostern wird, über den Ehrgeiz der Kruzianer und wo es Trost gibt in dieser Zeit.

Herr Kreile, wie traurig wird die bevorstehende Karwoche?

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Die Karwoche ist an sich schon vom Namen her eine Woche der Trauer und Klage. Aber dieses Jahr ist sie besonders hart. Obwohl sie im Kirchenjahr mit die wichtigste Zeit ist, können wir fast nichts machen. Der Kreuzchor hat zwei Jahre hintereinander keine Matthäuspassion gesungen, kann seine Ostermette nicht darbringen. Dabei sind das Säulen unseres Chorlebens. Normalerweise zehren wir ja von diesen gemeinsamen Proben und Aufführungen.

Was also ist möglich?

Wir versuchen, in Online-Proben mit den Kleineren ein bisschen an der Matthäuspassion zu arbeiten. Damit wir, wenn wir sie im kommenden Jahr wieder aufführen können, nicht völlig bei null anfangen. Mit ein paar wenigen Männerstimmen werde ich, so es nächste Woche noch erlaubt ist, liturgische Gesänge etwa im Karfreitagsgottesdienst oder in der Osternacht in der Kreuzkirche gestalten. Es dürfen im Moment vier Solisten agieren – wir tun dies, um als Kreuzchor präsent zu sein.

Wie reagieren die Kruzianer?

Die Jungs sind gut bei der Sache, sind durchaus motiviert. Natürlich merkt man nach Wochen der Online-Proben, dass es Ermüdungserscheinungen gibt. Wir hoffen nach der Lockdown-Verlängerung, dass wir Pfingsten vielleicht etwas wie eine Bach-Kantate machen können. Wir reden von der Hoffnung, aber diese trägt uns.

Was fehlt den Kruzianern mehr – die Musik oder die Gemeinschaft?

Ein Chor wie der unsere lebt stark von seiner Gemeinschaft. Wir gehen ja nicht vergeistigt durch die Welt und leben nur in unserer Musik. Man will miteinander sein, etwas gemeinsam tun. Das Fehlen der Gemeinschaft wird schon krass empfunden. Interessant ist auch, dass die Jungs trotzdem bei der Stange bleiben. Offenbar hängen sie alle an dem gemeinsamen Singen. Warum? Weil ein Chor dem Einzelnen Erlebnisse verschafft, die er nur in dieser Gemeinschaft haben kann. Ein Einzelner kann das nicht. So bekommen auch Kleinere schon die Möglichkeit, tiefe künstlerische Erlebnisse mit Gleichgesinnten zu teilen. Sie stützen sich, motivieren sich.

Was geschieht, wenn der Chor Werke zwei Jahre nicht gesungen hat?

Dann sind sie raus aus dem Repertoire. Das geht relativ schnell. Bereits nach zwei Jahren kennen sie die Kleineren gar nicht, die ehemaligen Leistungsträger unter den Sopranen sind im Stimmbruch oder im Männerchor, dessen Noten sie wiederum noch nicht kennen. Und die Männer der elften und zwölften Klasse, die die Werke souverän beherrschten, sind raus. Das ist wie ein Zusammenbruch. Was wir an Repertoire seit März 2020 verloren haben, dafür braucht es eine mehrjährige Aufbauarbeit.

Wann ist der Chor wieder top?

An die musikalische Leistungsfähigkeit werden wir vielleicht in einem halben Jahr anknüpfen können. Auch da braucht es eine Aufbauphase. Spannend wird sein, wie schnell wir unser Arbeitstempo erreichen. Bei den Online-Proben arbeiten wir wochenlang an wenigen Stellen. In normalen Zeiten haben wir eine viel höhere Schlagzahl. In Anbetracht dessen habe ich für die Karwoche 2022 bereits die Johannespassion gestrichen. Wir werden Zeit brauchen, um angemessen die Matthäuspassion und die Osterdienste vorbereiten zu können. Wir sind ein Repertoirebetrieb. Bricht das Repertoire zusammen, wird die gesamte Arbeit mühsamer und zeitaufwendiger.

Roderich Kreile
Roderich Kreile © Astrid Ackermann

Es gibt keine Aussteiger, sagen Sie. Wie sieht es in der Nachwuchsarbeit aus?

Das machte mir mehr Sorge, weil wir ja nicht in den Schulen für den Chor werben konnten. Unser Nachwuchstag jüngst fand nur online statt – bei dem wir über 1.100 Besucher hatten. Das war quantitativ ein großer Erfolg, und so hoffe ich, dass wir beim Nachwuchs keinen Einbruch erleben. Einen schwachen Jahrgang kann man verkraften. Zwei wird schon schwieriger. Deshalb habe ich dieses Problem auch der Stadt als Träger ans Herz gelegt. Wir brauchen die volle Unterstützung, keine Kürzungen. Wenn der Kreuzchor weiß, dass er in der Stadt geborgen ist, dann muss ich mir um Weiteres weniger Sorgen machen. Der Chor jedenfalls ist seiner Stadt dankbar, fühlt aber auch Verantwortung.

Kruzianer erbringen Höchstleistungen. Ist der Leistungsgedanke zeitgemäß?

Ja, der Leistungsdruck ist für die meisten Ansporn. Zumal das breite Repertoire in neue Qualitäten umschlagen kann. Mein Problem ist eher: Wie motiviere ich die Jungs, wenn ich zu wenig anbiete: an Arbeit, an Konzerten, an Reisen? Das ist, was sie wollen. Das ist natürlich immer eine Gratwanderung. Nehmen Sie die Weihnachtszeit, da folgt Auftritt auf Auftritt. Die Jungs sind glücklich. Das ist für sie die reichste Zeit im Jahr – was Lehrer und Eltern darüber denken, ist etwas anderes. Nur der Kreuzchor bietet solche Erlebnisse, an denen die Jungs wachsen. Deshalb bleiben uns auch die meisten nach dem Stimmbruch treu. Vielleicht herrscht da so eine Art Sportsgeist: „Ich habe beim Kreuzchor angefangen, mich zurechtgefunden und viel erreicht. Ich bin stolz, Kruzianer zu sein. Das ziehe ich bis zum Ende durch!“

Jungs im Stimmbruch heißen im Kreuzchor-Deutsch Mutanten. Bleibt es nach Corona bei dieser Bezeichnung?

Natürlich. Man spricht ja auch in der Stimmenphysiologie von Mutation. Mutanten sind ja nicht nur Geschöpfe mit übernatürlichen Kräften aus Science-Fiction-Romanen. Jetzt gibt es eben noch andere Assoziationen. Ganz klar: Wir benutzen diese alten Begriffe selbstverständlich weiter.

Im Sommer beginnt Ihr letztes Jahr als Kreuzkantor. Wie es aussieht, werden Sie keine Ernte einfahren, sondern ackern, ackern, ackern … Schade, oder?

Ja, ich gehe davon aus, dass ich den Kreuzchor ab Herbst in eine Aufbauphase führen kann. Und das ist doch eine tolle Aufgabe. Wir werden schauen, wann was möglich ist. Es ist schön, die Meisterwerke vom gesamten Chor interpretiert zu bekommen. Aber wir haben in der Pandemie beeindruckende gestalterische Lösungen gefunden. Da sang ganz allein nur die siebte Klasse von der Empore, während es die vierte und fünfte unten taten, die Männerchöre teilweise selbstständig. Ein so lebendiger und motivierter Organismus – das war für mich eine sehr befriedigende Phase. Dort werden wir anknüpfen und hoffen, im Sommer auf Deutschland-Tour zu gehen. Die Sehnsucht nach Konzerten ist nicht nur beim Publikum groß. Bei uns ebenso.

Roderich Kreile probt derzeit mit den Kruzianern online.
Roderich Kreile probt derzeit mit den Kruzianern online. © thomas kretschel /kairospress

Wie motivieren Sie sich eigentlich?

Als Chef eines solchen Hauses hat man schlichtweg die Pflicht, motiviert zu sein und zu motivieren. Außerdem bin ich Optimist und finde über die Musik immer wieder neue Kraft. Ich bin ja begeisterter Organist. Ich muss ja weiterhin in musikalischen Strukturen denken, also habe ich mein eigenes Üben intensiviert. Täglich, das trägt zur Selbstdisziplinierung bei. Und dann habe ich jüngst eine Software entdeckt, mit der ich hier auf einer digitalen Orgel spiele, aber die schönsten Instrumente in aller Welt damit imitieren kann. Ich höre über Kopfhörer mein Spiel, wie es beispielsweise auf einer Silbermann-Orgel oder auf anderen Kostbarkeiten klingt.

Gibt es Positives, was uns in dieser eigentlich traurigen Karwoche erwartet?

Wir als Kreuzchor und die Kreuzkirche versuchen, den Menschen, die uns in der Karwoche besuchen, etwas beim Innehalten helfen zu können. Seit ich 16 bin und anfing, Orgel zu spielen, lebe ich in den Zyklen des Kirchenjahres. Diese Struktur gibt Halt und Kraft. Und so habe ich ein gutes Gefühl, dass die vier Zwölftklässler, die in der Karwoche singen dürfen, den Menschen Bleibendes mitgeben können.

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