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Kunst und Respekt – das geht!

Der Dresdner Regisseur Jan Gehler über Macht und Missbrauch, über unmündige Schauspieler und darüber, wie sich das Theater erneuern müsste.

Jan Gehler hat in Dresden unter anderem "Tschick" inszeniert.
Jan Gehler hat in Dresden unter anderem "Tschick" inszeniert. © www.wolfgang-wittchen.de

An mehreren deutschen Theatern gab es in den vergangenen Monaten Fälle von Machtmissbrauch. Unter anderem machte ein Fall von Rassismus am Schauspielhaus Düsseldorf Schlagzeilen, an dem der frühere Dresdner Intendant Wilfried Schulz Theaterchef ist. Jan Gehler arbeitet als Regisseur unter anderem in Dresden und Düsseldorf und kennt auch Schulz gut.

Herr Gehler, sind Theater eigentlich anfällig für Machtmissbrauch?

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Zumindest liegt der Ursprung in der Struktur. Nehmen wir die Arbeitsverhältnisse: Schauspielerinnen und Schauspieler bekommen Applaus, sie sind beliebt beim Publikum und man könnte denken, dass sie auch gut bezahlt werden. Dem ist aber nicht immer so. Sie haben wenig Rechte und meistens abenteuerliche Verträge, die sie immer nur für ein bis zwei Jahre absichern. Das schafft Unsicherheit und Angst. Und diese Angst spüren sie oft schon an den Schauspielschulen.

Angst, wovor?

Alle wissen: Es ist wahnsinnig schwer, ans Theater zu kommen. 800 bis 1.000 Menschen bewerben sich an Schauspielschulen auf vielleicht 15 Studienplätze. Wenn man einen davon bekommt, hat man die Auslese geschafft. Auf den Schulen geht es weiter. Ich habe manchmal den Eindruck, dass keine selbstdenkenden und reflektierten Menschen ausgebildet werden sollen, sondern Theatermaschinen, die froh sein sollen, ihrem Traum zum Beruf gemacht zu haben und lernen, sich anzupassen.

Sie selbst haben sich selbst mal auf Schauspielschulen beworben...

Was ich beim Vorsprechen erlebt habe, war unglaublich. Ich habe aus den Auswahlgremien Sätze über Mitbewerber gehört wie „Was Sie zeigen, ist unter aller Sau, aber Sie haben einen guten Körper“. Für mich war es gut, das zu erleben, weil ich wusste, dass ich mich diesen Bewertungsmechanismen nicht aussetzen will. Darum habe ich mich entschieden, auf der anderen Seite sitzen zu wollen.

Nun arbeiten Sie als Regisseur an vielen deutschsprachigen Theatern. Wie erleben Sie die Machtverhältnisse dort?

Die Hierarchien im Theaterapparat schaffen meiner Meinung nach mehr Probleme, als sie kreative Räume ermöglichen. Ich möchte keine Intendantin und keinen Intendanten verurteilen, aber dieser Job beinhaltet viel zu viel Arbeit, die niemand allein schaffen kann.

Warum wird das zum Problem?

Nehmen wir das Beispiel Düsseldorf. Der dortige Intendant Wilfried Schulz war in den vergangenen Jahren Bauherr, Kulturpolitiker, Spielplangestalter, Chef von Hunderten Mitarbeitern, und und und. Das Schauspielhaus stand auf der Kippe, er musste politisch an unglaublich vielen Fronten kämpfen. Es ist nachvollziehbar, dass ihm da vielleicht andere Dinge durchrutschen. Im Falle der rassistischen Vorfälle, die der Schauspieler Ron Iyamu erleben musste, ist es allerdings nicht tolerierbar. Schulz kann nur dann seinen Blick auf strukturellen Rassismus an seinem Haus richten, wenn er auch Zeit dafür hat. Es liegt in seiner Verantwortung, sich diese zu nehmen, um zuzuhören. Das tut er jetzt, soweit ich weiß. In Düsseldorf wird auf vielen Ebenen geredet und ich wünsche allen die Offenheit, die Dinge anzupacken. Das könnte eine Chance sein.

Wilfried Schulz war Intendant am Staatsschauspiel Dresden, 2016 wechselte er nach Düsseldorf.
Wilfried Schulz war Intendant am Staatsschauspiel Dresden, 2016 wechselte er nach Düsseldorf. © momentphoto.de/bonss

In Düsseldorf ging der Rassismus unter anderem von dem Regisseur Armin Petras aus. Wieso passieren gerade Regisseuren Grenzüberschreitungen?

Jeder, der am Theater arbeitet, kennt Regisseure, die auf der Probe rumschreien, Drogenexzesse haben oder Schauspielerinnen anbaggern. Das wird oft verbucht unter künstlerischem Genietum. Es gibt die Haltung: Bei kreativen Prozessen fliegen nun mal die Fetzen, alles andere ist „Verwaltungstheater“ ohne Seele. Das ist natürlich Quatsch. Außerdem weiß ich nicht, wann ich das letzte Mal erlebt habe, dass ein Intendant bei einer Arbeitsprobe war.

Intendanten kommen nicht zu Proben?

Nein, sie kommen in der Regel erst zur Hauptprobe ganz am Schluss und machen dann entweder „Daumen hoch“, „Daumen runter“ oder geben natürlich auch konstruktive Kritik. Nur hat man zu diesem Zeitpunkt ja meistens schon sechs Wochen an der Inszenierung gearbeitet. Das macht natürlich riesigen Druck. Und der überträgt sich. Es ist schon passiert, dass ich danach noch mal alles komplett umkrempeln wollte und die Situation auf der Probe dann viel angespannter wurde. Viele Intendantinnen und Intendanten würden gern mehr Proben besuchen, aber ihre Kapazitäten lassen das oft nicht zu. Deswegen müssen Arbeit, Macht und Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt werden.

Regisseur Armin Petras wurde am Theater Düsseldorf Rassismus vorgeworfen.
Regisseur Armin Petras wurde am Theater Düsseldorf Rassismus vorgeworfen. © dpa

Haben Sie sich schon mal dabei ertappt, Ihre Macht ausgenutzt zu haben?

Ich kann mich an Situationen erinnern, in denen ich unzufrieden war und dann pampig wurde. Aber als der Machtausübende muss ich solche Vorgänge reflektieren und darf sie nicht auf die Spielerinnen und Spieler übertragen.

Oft ist von sexuellen Grenzüberschreitungen bei Theaterproben die Rede, bei denen offenbar Einvernehmen bestand, aber eine Person empfindet es hinterher als missbräuchlich. Wie kommen solche Situationen zustande?

Probenarbeit ist sehr intensiv. Und die Entgrenzung, die dabei stattfindet, ist das Tollste, was es gibt. Aber als Regisseur habe ich die Aufgabe, das wissentlich zu trennen und die normalen Regeln des Zusammenlebens anzuwenden. Manchmal muss ich sagen: Stopp, hier gehen wir jetzt nicht weiter. Wenn ich etwa bei einer Kuss-Szene Spannungen zwischen Spielern erlebe, ist es auch meine Aufgabe als Regisseur zu fragen: Ist das gerade ok für euch? Ich darf nicht davon ausgehen, dass die das schon hinkriegen oder sie gar gegeneinander ausspielen.

Der Theaterdramaturg Bernd Stegemann schrieb in der FAZ, „Entgrenzung“ sei im Theater wichtig. Sie haben einen offenen Brief gegen diesen Artikel unterschrieben. Wieso?

Ehrlich gesagt hat mich dieser Artikel richtig wütend gemacht. Die Argumentation war völlig verquer. Ich kann künstlerisch und kreativ sein und trotzdem das Miteinander auf Augenhöhe im Blick haben. Das geht! Wir Regisseure sind keine Maler, die können ihre Leinwand gern anschreien und mit Pinseln beschmeißen, aber wir arbeiten mit Menschen. Ich finde es gleichzeitig aber auch wichtig, dass Schauspielerinnen und Schauspieler lernen, sich zu schützen. Sie dürfen nicht die Probe und das reale Leben verwechseln. Ja, Entgrenzung auf der Probe ist das Schönste, was es gibt – aber sie ist ein Spiel. Die Regeln können verschieden, müssen aber für alle Beteiligten transparent sein.

Manchmal hört man: Es muss auf der Probe auch mal weh tun, damit wirklich Energie entsteht. Haben Sie das schon mal erlebt, dass Sie dachten, da geht es jemandem schlecht, aber das tut der Kunst gut, da muss der durch?

Nein. Ich finde, Leiden und Verletzen sind nie eine Option. Es spielt niemand besser, weil er oder sie Angst hat oder leidet, schon gar nicht in den hierarchischen Abhängigkeiten. Und logisch haben Spieler unterschiedliche Grenzen, aber genau die kann man im Miteinander verhandeln, ohne dass die Kunst darunter leidet.

Andererseits könnten Schauspieler ja auch für sich und das Ensemble eintreten. Warum wird so viel geschwiegen?

Hier sind wir wieder bei den Anfängen. Nur schätzungsweise die Hälfte aller Schauspielerinnen und Schauspieler bekommt nach der Schauspielschule überhaupt ein Engagement. Noch schwieriger ist ein Zweitengagement. Es gibt viel Konkurrenz untereinander, Schauspieler werden zu Einzelkämpfern ausgebildet und Solidarität wird so kaum erlernt. Außerdem höre ich oft Sätze wie: „Ich habe das auch durchgemacht“ als Rechtfertigung für Fehlverhalten, das ertragen werden muss.

Ein Regisseur, dessen Arbeit berühmt-berüchtigt ist, ist Ulrich Rasche, der am Staatsschauspiel Dresden „Das große Heft“ inszeniert hat. Seine Inszenierungen sind sehr erfolgreich, aber seine Probenarbeit angeblich sehr aufreibend. Heiligt der Zweck die Mittel?

Ich finde nicht. Ich kenne den Kollegen nicht und war auch nicht auf seinen Proben, aber bei der Inszenierung von „Das große Heft“ habe ich auf der Bühne eine Angst der Schauspieler, etwas falsch zu machen, gespürt. Sie hat natürlich eine Kraft – aber will man das? Und wehren sich die Spieler gegen die Methoden, wenn ihr nächster Job davon abhängt? Bei einem erfolgreichen Regisseur gibt es übrigens eine Machtposition in beide Richtungen, denn er kann auch das Haus, an dem er inszeniert, unter Druck setzen. Im Zweifel kommt er eben nicht wieder. Wenn solche Arbeiten dann auch noch mit einer Einladung zum Theatertreffen belohnt werden, finde ich das schwierig.

Ulrich Rasche, Regisseur, hat am Staatsschauspiel Dresden "Das große Heft" inszeniert.
Ulrich Rasche, Regisseur, hat am Staatsschauspiel Dresden "Das große Heft" inszeniert. © dpa

Sollten sich Theater dagegen entscheiden, bestimmte Regisseure zu engagieren und so im Zweifel auf prestigeträchtige Inszenierungen verzichten?

Wenn die Regisseure diskriminierend und ausbeuterisch arbeiten, auf jeden Fall. Die Arbeitsweise ist Teil der Kunst, und die muss fair sein. Es ist immer die Frage, für wen produziert ein Theater eigentlich? Für die überregionale Presse, für eine Einladung zum Theatertreffen – oder für die Stadt? Immerhin fließen große Summen Steuergelder in staatlich finanzierte Theater. Wenn diese dann für Strukturen draufgehen, die so altbacken sind und Leid verursachen, ist das fatal.

Sehen Sie Bewegung an den Theatern?

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Das Gespräch führte Johanna Lemke.

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