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Kunst zeigt uns: Wir sind nicht allein

Der Schauspieler, Musiker und Regisseur Christian Friedel musste 2020 vieles loslassen. Er meint: Zum positiven Denken muss man sich manchmal zwingen.

Christian Friedels Inszenierung „Macbeth“ am Staatsschauspiel Dresden wird die Spielzeit 2022/23 eröffnen.
Christian Friedels Inszenierung „Macbeth“ am Staatsschauspiel Dresden wird die Spielzeit 2022/23 eröffnen. © Sandra Then-Friedrich

Herr Friedel, was hat sich 2020 für Sie verändert?

Ich musste vieles loslassen. Anfang des Jahres befand ich mich in meiner „Macbeth“-Regiearbeit für das Dresdner Staatsschauspiel. Plötzlich kam der Lockdown, die Produktion musste gestoppt werden, ich saß zu Hause und fuhr von hundert auf null runter. Dadurch, dass ich auf mich zurückgeworfen war, musste ich mich zwangsläufig mit mir selbst auseinandersetzen. Ich habe aber aus der Ruhe eine enorme Kraft gezogen und gemerkt, in welch einem Strudel ich vorher gesteckt hatte. Manchmal merkt man ja, dass eine Veränderung ansteht, man versucht aber noch, sie zu verhindern, obwohl sie einem guttut. Warum auch immer.

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Wie haben Sie diese Zeit genutzt? Haben Sie konkret etwas verändert?

Wie vielen anderen wurde mir viel Zeit geschenkt zur Reflexion meines Lebens und meiner Aufgaben darin. Ich habe mich gefragt: Bin ich eigentlich glücklich? Ist das, was und wie ich es tue, das Richtige? Ich habe viel Zeit in die Musik gesteckt, habe mit meiner Band Woods of Birnam den „Macbeth“-Soundtrack aufgenommen. Freundschaften haben sich intensiviert, weil ich mehr Zeit für sie hatte. Und ich konnte es genießen, hier in der Nähe der Dresdner Heide anzukommen, wo ich schon vor der Pandemie hingezogen war.

Das klingt alles sehr versöhnlich.

Natürlich gab es auch viel Negatives. Man hat gemerkt, welche Relevanz die Kunst in der Gesellschaft hat – oder auch nicht. Mich hat es als Künstler zum Glück nicht so hart getroffen wie andere, dennoch beobachte ich mit großer Sorge, was in der Kulturlandschaft passiert.

Fehlt Ihnen die Arbeit?

Natürlich! Aber für die Gesundheit aller kann ich auch mal auf Auftritte verzichten. Dass die Kultur für lange Zeit ihr Gesicht verliert, finde ich weitaus gruseliger als meinen eigenen Verzicht.

Christian Friedel und seine Band Woods of Birnam
Christian Friedel und seine Band Woods of Birnam © Ronald Bonß

Die Theater haben versucht, mit den neuen Beschränkungen auf der Bühne und im Zuschauerraum umzugehen. Finden Sie, das ist gelungen?

Bei einigen Inszenierungen war ich erstaunt, wie wenig man merkte, dass mehr Abstand zwischen den Schauspielern gehalten wird. Ich muss aber auch sagen: Auf Dauer interessiert es mich nicht, wie im Theater Intimität durch eine Glasscheibe gespielt wird. Unter diesen Bedingungen eine neue Ästhetik im Theater zu finden, ist eine große Herausforderung.

Viele Theater haben auf digitale Formen gesetzt. Ist das die Lösung?

Die Digitalisierung der Theater ist genauso rückständig wie die Digitalisierung Deutschlands. Es ist viel abgefilmtes Theater zu sehen, das mich persönlich aber oftmals nicht überzeugt. Neue Formate würden mich mehr interessieren, zum Beispiel Making-Off-Formate. Da gibt es jetzt die Chance, Zuschauer auf digitalen Wegen zu erreichen und Theater transparenter zu machen. Es ist noch viel Luft nach oben.

Könnte das Theater Stücke explizit fürs Digitale entwickeln – und sich dadurch ein bisschen neu erfinden?

Durchaus, aber dann geht es schon sehr in Richtung Film – und das ist ein eigenes Handwerk. Wir haben auch darüber nachgedacht, „Macbeth“ professionell abzufilmen und im Internet zu zeigen. Wir haben uns dagegen entschieden: Die Wucht einer solchen Inszenierung kann man nicht auf einen Bildschirm übertragen.

Wie sieht es in der Musikbranche aus? Gibt es da kreative Ideen?

Die Branche wurde hart getroffen, weil man seit einigen Jahren weder durch Tonträger-Verkäufe noch über Streamingdienste mehr Einnahmen generieren kann. Nun fallen auch die Auftrittsmöglichkeiten weg. Wir hoffen aber alle, dass es im Herbst wieder normale Konzerte geben wird.

Ein Popkonzert mit Abstandsregeln ist kaum vorstellbar, oder?

Ja, wer hätte das gedacht, dass man eines Tages diese Erlebnisse vermissen würde: dass sich der Größte immer vor einen drängelt oder man immer genau dort steht, wo die Schlange zum Getränkestand entlang läuft? Aber genau das zeigt uns diese Krise: Kunst und Kultur sind gemeinschaftliche Erlebnisse, die uns jetzt fehlen.

"Es gibt unglaublich Kraft, sich zu sagen, dass wir nur gemeinsam diese Krise bewältigen können. "
"Es gibt unglaublich Kraft, sich zu sagen, dass wir nur gemeinsam diese Krise bewältigen können. " © Ronald Bonß

Was macht es Ihrer Meinung nach mit den Menschen, wenn sie auf diese gemeinschaftlichen emotionalen Erlebnisse verzichten müssen?

Es tut nicht gut. Darum empören sich auch so viele darüber, wie mit der Kunst umgegangen wurde: Die Menschen durften noch Klamotten shoppen gehen, aber nicht mehr ins Theater. Die Kunst reflektiert das Leben und das Menschsein, das gemeinsame Erleben ermöglicht eine Auseinandersetzung mit sich selbst und mit der Gesellschaft. Wer reflektiert das schon in der Isolation, in Zeiten der absoluten Ablenkung? Die Menschen wirken einsam, unruhig oder eben auch wütend.

Die Wut der Maßnahmen-Gegner ist das Ergebnis eines Gefühlsstaus?

Oftmals ist es in erster Linie Angst – und dann kommt die Hilflosigkeit, wie man damit umgehen soll. Manche Menschen finden dann Halt in einer Gemeinschaft, die durch das gemeinsame Empören entsteht. Ein gemeinschaftlicher Mob stärkt das fehlende Selbstbewusstsein und setzt eine gefährliche Energie frei. Man schaue nur auf die jüngsten Ereignisse in Amerika. Was da die Gründe sind, kann man nur erahnen. Viele Menschen rennen vor sich selber weg und gehen auf der Flucht verloren.

Was wäre die Lösung? Mehr Theater, mehr Musik, mehr Kunst?

Es gibt viele Möglichkeiten und Kunst ist sicherlich eine der schönsten. Viele kennen das doch aus ihrer Jugend, dass ein Song über den Liebeskummer hinweggeholfen hat. Oder Bücher, Filme und Theaterstücke, die das Gefühl gaben, dass wir nicht alleine sind. Darum bin ich absolut dafür, dass es bald wieder Kulturangebote geben muss – gerne auch vor kleineren Zuschauergruppen.

Nun wird es mindestens bis zum Frühjahr keine Kulturveranstaltungen geben...

Das ist tragisch, aber etwas Positives kann ich sehen: Dadurch, dass diese Einschränkungen uns alle betreffen, ist das auch ein gemeinschaftliches Erleben. Es gibt unglaublich Kraft, sich zu sagen, dass wir nur gemeinsam diese Krise bewältigen können. Das muss man sich aber eben auch sagen, anstatt immer nur an sich zu denken.

Auch für Ihre „Macbeth“-Inszenierung sieht es erst mal nicht gut aus: Die Premiere wurde auf den Herbst 2022 verschoben. Wie sehr schmerzt Sie das?

Es war eine Entscheidung für die Kunst, eine Aufführung mit 37 Künstlern auf der Bühne wäre derzeit nicht möglich. Dennoch: „Macbeth“ erst einmal loszulassen, hat gedauert. Aber ich bin daran gewachsen und habe gemerkt, dass die Zeit der Inszenierung auch gut tun wird. Gewisse Produktionen brauchen einfach mehr Atem.

Sie haben in den vergangenen Jahren oft die Rollen gewechselt: Vom Schauspieler zum Musiker zum Regisseur und zurück. Was denken Sie: Kann man sich an Veränderungen auch gewöhnen?

Ich habe auch bei großen persönlichen Schicksalsschlägen immer schon versucht, mich nicht zu sehr ins Negative fallen zu lassen. Auch in dieser Krise habe ich versucht, positiv zu denken – und ja, da musste ich mich auch manchmal zwingen. Eine positive Perspektive ist viel mehr wert, als immer nur das Schlechte zu sehen. Gleichwohl ist mir natürlich bewusst, dass es für viele momentan eine sehr schwere Zeit ist.

Wie viel hat die Bereitschaft zur Veränderung auch mit Loslassen zu tun?

Sehr viel! Ich hatte zum Beispiel seit meiner Kindheit den Wunsch, nach Berlin zu ziehen. Als ich im vergangenen Jahr die Entscheidung traf, erst einmal in Dresden zu bleiben, war das sehr erleichternd. 2021 stehen auch wieder viele tolle Projekte für mich an: Wir drehen eine neue Staffel von „Babylon Berlin“ und ich spiele bei einem spannenden internationalen Film mit. Ein neues Kapitel darf beginnen.

Wie wäre die Überschrift dafür?

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Gab es nicht mal diesen Star Wars-Titel „Eine neue Hoffnung“? Das würde für mich persönlich passen, aber auch gesamtgesellschaftlich. Ich glaube, in einigen Jahren werden wir auf 2020 zurückblicken und sehen, was sich auch Gutes getan hat.

Das Gespräch führte Johanna Lemke.

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