merken
PLUS Feuilleton

Kunstdiplome lohnen den Besuch

Mehr Handwerk und Mut zu großen Themen: 34 junge Künstlerinnen und Künstler präsentieren in Dresden ihre Arbeiten zum Studienabschluss.

Ronja Sommers Arbeit "Hidden Angles (VersteckteEcken) in einem Container auf dem Dreieckshof der Kunsthochschule.
Ronja Sommers Arbeit "Hidden Angles (VersteckteEcken) in einem Container auf dem Dreieckshof der Kunsthochschule. © © by Matthias Rietschel

Mancher Besucher der Dresdner Hochschule für Bildende Künste, auch mancher Student, wird sich fragen, wie man in den geschlossenen dreieckigen Hof gelangen könnte, den man von einem Flurfenster aus erblickt. Ronja Sommer hat den Weg dorthin gefunden, wo jetzt mehrere Container stehen. In einem hängt, stark vergrößert, eine alte Schwarz-Weiß-Fotografie: Weißbekittelte Männer und Frauen stehen um einen Tisch, auf dem ein Leichnam liegt. Medizinstudium? Nein. Anatomieunterricht in diesem Haus um 1920. „Hidden Angles“, versteckte Ecken, heißt die Arbeit, zu der sakral wirkende Gesänge und Klopfzeichen zu hören sind. Zuerst wird man hier wohl die Frage nach der Notwendigkeit des Anatomieunterrichts für Künstler stellen, aber bei näherer Betrachtung den Bogen weiter spannen. Hin zu den Containercamps für Flüchtlinge, zurück zu den Verbrechen der Euthanasie, kreisend um die Frage, ob es einen objektiven Blick gibt.

Viktoria Kurnickis Spiegel-Schrift-Installation "Immer nur eine Annäherung" im Pentagon Süd der Kunsthochschule
Viktoria Kurnickis Spiegel-Schrift-Installation "Immer nur eine Annäherung" im Pentagon Süd der Kunsthochschule © © by Matthias Rietschel

Man kann die Augen vor diesem und jenem verschließen, aber die Ohren sind immer dabei. Felix Ermacora schuf einen cleanen, kühlen Raum voller Geräusche. Aus weißen Paneelen kommen eine startende Drohne, spielende Kinder, Baustellenlärm ... Wie man sich bewegt, so hört man. Der Künstler macht die Besucher zu Schöpfern ihrer eigenen Klangplastik. 

Geld und Recht
Wer den Pfennig nicht ehrt
Wer den Pfennig nicht ehrt

und sich nicht im Paragrafendschungel zurechtfindet, ist schnell arm dran. Tipps und Tricks rund um Geld, Sparen und juristische Fallstricke gibt es hier zu finden.

Die meisten Rauminstallationen waren schon konzipiert, die meisten Porträtsitzungen beendet und die Großformate schon gemalt, als der Ausstellungsstart von Juli auf September verschoben wurde. Mut zu Handwerkstechniken wie Weben, Nähen, Zeichnen, Töpfern zeigen die 34 Absolventinnen und Absolventen 2020, künstlerisches Interesse am Menschen, an der Umwelt, an den Zeitläuften und der Geschichte der Kunsthochschule.

Philipp Putzer hat riesige Schalen aus Beton geschaffen. An der Wand das Gemälde von Hamidreza Yaraghchi bezieht sich auf einen persischen Mythos von einem Baum, an dem statt Blätter Köpfe von Mensch und Tier wachsen.
Philipp Putzer hat riesige Schalen aus Beton geschaffen. An der Wand das Gemälde von Hamidreza Yaraghchi bezieht sich auf einen persischen Mythos von einem Baum, an dem statt Blätter Köpfe von Mensch und Tier wachsen. © © by Matthias Rietschel

Was sich in ihrem Arbeitsprozess verändert und wie sie diese Veränderungen reflektiert, hat Viktoria Kurnicki in der Spiegel-Schrift-Installation „Immer nur eine Annäherung“ wunderbar umgesetzt. Mit Erika Richters gemalten Sandsteinformationen und Sol Namgungs Gemälden ist dieser Raum wie eine Offenbarung. „Dresdner Essenz - Nein!“ liest man auf einem Bild von Annika Greschke. Mag sie den Badezusatz nicht? Wenn sie jedoch die Essenz dieses Jahrgangs meint, was der Titel „Diplompotenzial“ nahelegt, dann darf man der Künstlerin getrost widersprechen.

Diplome 2020 vom 26. September bis 1. November im Akademiegebäude auf der Brühlschen Terrasse, Di – So 11 – 18 Uhr, Eingang am Georg-Treu-Platz.

Mehr zum Thema Feuilleton