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Wie ein Dresdner zur Reporterlegende wurde

Landolf Scherzer ist einer der großen deutschen Reporter und wäre beinahe Kundschafter der DDR geworden. Nun wird er 80 Jahre alt.

Landolf Scherzer schreibt lakonisch über den Alltag und lebt sehr naturverbunden im thüringischen Dietzhausen.
Landolf Scherzer schreibt lakonisch über den Alltag und lebt sehr naturverbunden im thüringischen Dietzhausen. © dpa-Zentralbild/Michael Reichel

Er kennt die Enge der Provinz und die Weite der Welt. Landolf Scherzer wollte Naturheilkundler werden und wurde einer der besten deutschen Reporter. Der Spiegel nannte ihn "eine Art Wallraff ohne Maske“. Er lebt in Thüringen, in Dietzhausen bei Suhl, und berichtet aus der Sowjetunion, China, Kuba, Labrador und Griechenland. Sechs Bücher veröffentlicht er in der DDR, siebzehn im vereinten Deutschland. Er schreibt lakonisch über das alltägliche Leben. Seine Neugier gilt Dingen, die von anderen übersehen werden.

Als Reporter will er nicht die vermeintlichen Gefühle der Menschen beschreiben, „sondern jene Ereignisse und Tatsachen, die die Gefühle hervorrufen“. Der Autor besitzt die Fähigkeit, andere aufzuschließen, ihr Vertrauen zu gewinnen, sie zum Erzählen zu bewegen. Zynismus ist ihm fremd. Scheu kennt er kaum. „Ich quatsche die Leute an, das ist mein Naturell.“

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Diese Auskünfte finden sich im autobiografischen Gesprächsbuch, das Scherzer mit dem befreundeten Journalisten Hans-Dieter Schütt veröffentlicht. Aufsehen erregte 1983 der Band "Fänger und Gefangene". Mehr als drei Monate ist der Reporter mit einem Fang- und Verarbeitungsschiff des VEB Fischkombinat Rostock unterwegs.

"Immer viel reden, das schützt!"

Sie fischen vor Labrador und Neufundland in eisiger Kälte. Achtzig Männer und zwei Frauen an Bord, täglich zweimal sechs Stunden Schicht. Ein extrem hartes Leben für die Besatzung, nichts von Seefahrerromantik. Scherzer als Arbeiter unter Deck schlachtet Fische aus, die Hände zerrissen und blutig von den Stacheln des Rotbarschs.

Bevor sie auf Landgang gehen, unterschreiben sie, die Gebote der sozialistischen Moral einzuhalten. Als das packende und aufrichtige Buch erscheint, reagieren die Chefs des Fischkombinates empört. Sie lassen Tausende Exemplare aufkaufen und einlagern. In keiner Bordbibliothek gibt es das Buch. Doch die Funker der Hochseeflotte tippen es ab, das Manuskript geht von Schiff zu Schiff. Scherzer ist gerührt: „Meine Schreibe – ein Lebensmittel für andere.“

Landolf Scherzer, als "Achtmonatskind" am 14. April 1941 in Dresden geboren, wächst in Lohmen und Forst auf. Er studiert Journalistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig und wird nach Ablehnung seiner Diplomarbeit wegen fehlender Parteilichkeit exmatrikuliert. Zur Strafe wird er nicht, wie vorgesehen, nach Berlin versetzt, sondern wird Redakteur der Suhler Tageszeitung „Freies Wort“.

Die Stasi unterbreitet ihm ein sonderbares Angebot: Ob er, der so gern reise, nicht Kundschafter der DDR in einem kapitalistischen Land werden wolle. Bei Kundschaftern denkt Scherzer sofort und geschmeichelt an Ruth Werner oder Richard Sorge. „Ich dachte also an Menschen, die an geheimen Fronten für den Frieden kämpften.“

Später teilt ihm der Mann vom Ministerium mit, Scherzer sei als Kundschafter ungeeignet, denn er habe sich nicht konspirativ verhalten. Tatsächlich hatte er sich mit seinem besten Freund, einem Kollegen aus dem Sportressort, über das Angebot unterhalten. „Aber genau er war der Falsche. Er war IM.“ Was wäre wohl, überlegt Scherzer, "wenn ich nicht geplappert hätte?". Was lehrt diese Geschichte? "Immer viel reden, das schützt! Auch heute noch."

Scherzer hat den Blick von unten

Neugier auf Schicksale, Sehnsüchte und Träume der Menschen treibt Scherzer an, Neugier auf Verbotenes und Verschwiegenes. Seine Reportagen wollen Fürsprache sein. Er hält es mit Heinrich Böll: „Die Aufgabe eines Autors ist es, das darzustellen, was offiziell nicht dargestellt wird.“ Ein großer Wurf gelingt ihm 1988 mit dem Band „Der Erste“, einem ungeschönten Porträt des 1. SED-Kreissekretärs Hans-Dieter Fritschler aus Bad Salzungen, den er vier Wochen lang begleitet hat.

Sechs Jahre kämpft Scherzer, der nie ein Dissident war, um dieses Projekt, ehe die Genehmigung erteilt wird: „Wer nichts von Irrwegen weiß, erfährt auch nichts von Wegen.“ 1997 folgt „Der Zweite“, ein Porträt des CDU-Landrats Stefan Baldus, der die Nachfolge in Bald Salzungen angetreten hatte. Der Chronist betrachtet die veränderten Verhältnisse skeptisch: „Bei Fritschler ging es um Entdeckung. Bei Baldus ging es mir eher um Aufdeckung.“

1999 lässt sich Scherzer für das Buch „Der Letzte“ als letzter Journalist für die Thüringer Landtagswahl akkreditieren und beobachtet monatelang kritisch das parlamentarische Geschehen. Den Abschluss der politischen Thüringer Tetralogie bildet 2015 „Der Rote“. Mehrere Wochen ist Scherzer mit Bodo Ramelow unterwegs, dem ersten linken Ministerpräsidenten. Ein erhellendes Dokument über Macht und Ohnmacht des Regierens.

Scherzer hat den Blick von unten, er fühlt mit den Armen, Ausgesetzten, Aussortierten. Er beteiligt sich am Hungerstreik 1997 zur Rettung der Thüringer Philharmonie, verdingt sich bei der Tafel in Eisenach, setzt sich für Flüchtlinge ein. Für das Buch „Der
Grenz-Gänger“ wandert er vierhundert Kilometer entlang der ehemaligen DDR-Grenze, erzählt Geschichten von hüben und drüben. „Das Gehen ist die Fortbewegung, die mir am meisten entspricht.“ Auf der letzten Etappe begleitet ihn Günter Wallraff.

Zynische Alte sind ihm ein Graus

Es gibt für Scherzer kein fremdes Leid. Er sieht Hungernde in Afrika, spricht mit Überlebenden der Atomkatastrophe von Tschernobyl, bereist Kuba nach dem Tod von Fidel Castro und erlebt die Insel im Taumel des Umbruchs. Läuft zu Fuß durch Europas Osten, erfährt bei den Ärmsten der Armen Gastfreundschaft.

Im Gesprächsbuch öffnet sich Landolf Scherzer sehr weit, ein Verdienst des erfahrenen Interviewers Hans-Dieter Schütt, der eigene Ansichten und kluge Zitate beisteuert. Auch Privates verrät der Reporter, spricht über seine vier Ehen, Lieblingsbücher, das Gärtnern. Täglich wäscht er sich kalt im Freien, läuft eine Runde, spricht mit Bäumen.

Zynische Alte sind ihm ein Graus. „Weltabsage ist eine Beleidigung der Kinder und Enkel.“ Und er sammelt afrikanische Weisheiten. Die schönste könnte als Motto über Scherzers Reporterleben stehen: „Es ist besser, man hat Staub an den Füßen als Blasen am Hintern.“

Landolf Scherzer und Hans-Dieter Schütt: Weltraum der Provinzen, Aufbau Verlag, 280 Seiten, 22 Euro

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